Organspende: Die Würde des Menschen ist verletzlich ?

Ab 9 Uhr wird heute im Bundestag darüber debattiert und abgestimmt, ob die von Gesundheitsminister Jens Spahn präferierte „Widerspruchslösung“ bei der Organspende kommen soll.

Dieser Konzeption nach wäre jeder deutsche Bürger per Gesetz automatisch nach seinem Hirntod Organspender, sofern er nicht zuvor zu Lebzeiten widersprochen hat oder sofern nach seinem Tod nicht seine Angehörigen verlautbaren lassen, er habe ja gar nicht Organspender sein wollen. Aber wissen das die Angehörigen denn so genau ?

Dem gegenüber steht die Entscheidungslösung, nach der jeder Bürger öfters, z.B. beim Abholen seines Personalausweises auf dem Amt, aktiv ankreuzen muss, ob er nach dem Tod Organspender sein will oder nicht. Diese Variante respektiert die aktive Entscheidungsfreiheit der Menschen.

Manche Menschen haben vermutlich auch eine falsche Vorstellung von der Organentnahme. Es ist ja nicht so, dass der Körper bei einer Organtransplantation tot wäre, im Gegenteil, er wird künstlich am Leben erhalten, um die Organe lebend entnehmen zu können. Nur der Hirntod wäre eingetreten, wobei niemand mit hundertprozentiger Sicherheit sagen kann, was genau der Hirntod ist und ob ein Mensch dann tatsächlich überhaupt nichts mehr wahrnimmt, auch, wenn die Wahrscheinlichkeit dafür recht hoch ist.

Es stehen also gerade zwei ganz zentrale Punkte des Grundgesetzes zur Diskussion:

Grundgesetz §1:

(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

Und Grundgesetz §2:

(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.

Die Widerspruchslösung kann, wohl zu recht, als Eingriff in diese Rechte interpretiert werden. Denn zum einen ist ein Mensch, dessen Organe zum Zwecke der Organspende entnommen werden sollen, noch am Leben, zum anderen wäre ohnehin die Frage, wieso die Menschenrechte selbst bei einem Toten in ihrer Geltung aufhören sollten. Selbst ein Toter ist noch ein Mensch, ein toter Mensch.

Die Widerspruchslösung ist übergriffig, weil sie davon ausgeht, dass man dem Automatismus, nach dem man a priori als Organspender definiert wird, aktiv widersprechen müsste. Man geriete also in einen ethischen Rechtfertigungsdruck, weshalb man denn widersprechen wolle, obwohl es sich um den eigenen Körper handelt, an dem nur der jeweilige Mensch die Rechte besitzt. Zudem ist davon auszugehen, dass viele Menschen nicht widersprechen würden aus Unwissenheit oder aus Vergesslichkeit.

Ethisch seriös und wohl auch im Sinne des Grundgesetzes ist nur die aktive Entscheidungslösung: „Wollen Sie Organspender sein, ja oder nein ? Kreuzen Sie bitte an!“

Eine Spende, auch eine Organspende, kann nur auf Freiwilligkeit beruhen und somit auf einer aktiven Entscheidung für oder gegen eine Sache. Beruht sie nicht auf Freiwilligkeit, ist sie keine Spende. Und ein Schweigen automatisch als freiwillige Zustimmung zu interpretieren ist, vorsichtig gesagt, mehr als gewagt: „Ich gehe davon aus, dass Sie mir Ihr gesamtes Vermögen schenken. Danke, dass Sie nicht widersprochen haben.“


Nachtrag 12:40 Uhr

Der Bundestag hat glücklicherweise und zurecht die Widerspruchslösung abgelehnt. Stattdessen kommt nun die sogenannte erweiterte Zustimmungslösung. Organspenden sind in Deutschland somit weiterhin nur zulässig, wenn der Spender zuvor freiwillig und aktiv zugestimmt hat.

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