Wie viele Menschen sterben im Mittelmeer auf der Flucht? Wie ist das ethisch einzuschätzen?

Nach Angaben des UNO-Flüchtlingshilfswerks waren es im Jahr 2016 5000 Menschen, die auf ihrer Flucht im Mittelmeer gestorben oder verloren gegangen sind. 2017 waren es über 3100, 2018 über 2300, 2019 waren es mindestens 1221* Menschen. (1221: *Radio „B5 aktuell“)

Die Zahlen wirken erst mal abstrakt, aber stellen Sie sich Ihre Familie vor, alle Freunde und Bekannte zusammen, und Sie werden vermutlich nicht auf 1221 kommen. All diese Menschen könnten es theoretisch sein und noch viel mehr.

Die Zahl der flüchtenden Menschen, die über die Mittelmeerroute herkommen, ist stark gesunken, 2016 waren es etwa 373.000 Menschen, 2017 185.000 Menschen, 2018 141.000 Menschen und 2019 Bis September etwa 81.000 Menschen. Dennoch ist die Route über das Mittelmeer nach wie vor diejenige, die die meisten Menschenleben fordert.

Das ist ethisch höchst problematisch, da wir in Zeiten leben, wo die moderne Technik es ohne weiteres erlauben würde, dass Menschen, die flüchten müssen, in dem Land, aus dem sie fort müssen, einfach in ein Flugzeug, einen Zug oder einen Dampfer steigen könnten. Sie kämen sicher an.

Warum das nicht funktioniert? Weil Europa keine politische Lösung für diese flüchtenden Menschen hat, die tragfähig ist. Man geht mit einer gewissen Notlösung und Alltagsethik an die Sache heran und sagt, naja, wer es denn irgendwie geschafft hat, auf der Flucht zu überleben, und sei es, dass er dabei die halbe Familie verloren hat,der ist zumindest erstmal geduldet, und wenn er ganz viel Glück hat, bekommt er Asyl, oder er wird wieder abgeschoben.

Korrekter wäre es aber, wenn wir alle flüchtenden Menschen wie unsere Familienmitglieder und die Menschen, die wir lieben, behandeln würden. Es ist klar, dass die politische Lösung hier ziemlich unter Druck geraten würde. Denn was wäre, wenn alle kommen wollten? Dann würde Europa zwar in Bezug auf seine Geographie keineswegs platzen, aber die politischen Verhältnisse würden die radikalen Parteien wie Pilze aus dem Boden schießen lassen. Die Demokratie wäre also höchst gefährdet.

Es aber weiter laufen zu lassen, wie bisher, ist aus ethischer Sicht keine Lösung, zumindest nicht nach christlicher Ethik.

Eine Möglichkeit wären riesige schwimmende Inseln, auf die zumindest diejenigen Menschen, denen es wirklich primär nur darum geht, vor Gewalt in Sicherheit zu sein, flüchten könnten. Sie könnten dorthin mit Hubschraubern oder Schiffen gebracht werden und wären dort sicher. Das wäre zumindest einmal der Minimalstandard. Wenn schon niemand die flüchtenden Menschen aufnehmen möchte, dann muss man zumindest dafür sorgen, dass sie irgendwo sicher leben können, bis die Fluchtursachen in ihren Herkunftsländern endlich beseitigt sein werden, was aber vermutlich realistischerweise noch Jahrzehnte dauern könnte.

Und dann könnte man noch eine gesamtpolitische Lösung erarbeiten, die, wenn man realistisch ist, niemals fertig sein wird. Aber man kann ja nicht warten und hoffen, dass sich alles schon irgendwie von selbst lösen werde. In der Tat löst es sich von selbst, indem Menschen auf der Flucht einfach sterben. Aber das ist doch keine Lösung. Zumindest keine Lösung für ein Europa, das irgendwie von sich behauptet, christliche Werte zu vertreten.

Und in utilitaristischer Weise einfach das zu machen, was die Mehrheit für richtig empfindet, ist auch kritisch. Spätestens seit den Diktaturen in Europa unter Hitler, Mussolini und Franco wissen wir, dass Mehrheiten auch massiv irren können. Nur, weil die Mehrheit gerade mal meint, es sei in Ordnung, wenn so und so viele Menschen dann eben auf der Flucht ertrinken, ist das, zumindest aus christlicher Sicht heraus, keineswegs in Ordnung. Denn wenn Jesus in dem Gleichnis vom verlorenen Schaf davon erzählt, dass der Schäfer, also Gott, sich auch auf den Weg macht, um ein einziges verlorenes Schaf zu suchen, also einen einzigen Menschen, ist sehr deutlich zu erkennen, wie viel aus christlicher Sicht und vor Gott ein Menschenleben wert ist. Ein einziges.

Aus christlicher Sicht ist es nicht erlaubt, gewisse Quoten von Menschen, die auf der Flucht eben sterben, irgendwie zu tolerieren. Ein einziger Mensch ist schon zuviel. Und denken Sie mal dran, wenn Sie dieser eine Mensch wären. Dann würden Sie sich vermutlich auch der christlichen Ethik anschließen.