Jimmy und der November. Ein guter Monat zum Sterben.

Aus menschlicher Sicht ist Sterben immer verkehrt. Immer.

Dennoch müssen wir sterben. Wir alle. Vielleicht sogar ich. Irgendwann einmal. Und Sie vielleicht auch.

Dennoch gibt es Monate, in denen das Sterben irgendwie passender ist als in anderen.

Im November starb mein Vater, er wurde nur 38 Jahre alt. Gestern, im November, starb mein alter Schulkamerad, Jimmy. Er durfte immerhin 51 Jahre alt werden, auch viel zu wenig. Und gestern starb ein Nachbar meiner Schwiegereltern, er durfte nur 28 Jahre alt werden und hinterlässt zwei kleine Kinder und eine Frau. Auch Jimmy und mein Vater hinterließen eine Familie.

Vielleicht kennen Sie den Song „seasons in the sun“? Eine Strophe darin heißt: „goodbye my friend it’s hard to die, when all the birds are singing in the sky.“ – „Leb wohl, mein Freund, es ist hart zu sterben, wenn all die Vögel am Himmel singen.“

Im Sommer zu sterben fühlt sich irgendwie nach falscher an, als im November. Der November ist in Deutschland zumindest der Monat, der oft grau ist, diesig, neblig. Die Bäume haben zwar noch ihre Blätter, aber man sieht schon, sie fallen nach und nach ab. Das Jahr ist irgendwie überstanden, der Frühling mit all seiner Blütenpracht schon lange her, der Sommer mit seiner satten Wärme vergangen. Der Herbst mit seiner Farbenpracht ist noch in Erinnerung und kann einem Kraft geben, nun aber beginnt die dunkle und kalte Jahreszeit. Das Kirchenjahr ist zu Ende, es ging letzten Sonntag mit dem Ewigkeitssonntag bzw Totensonntag zu Ende. Nun geht es im neuen Kirchenjahr auf Weihnachten zu, darauf, dass Gott sich uns Menschen gezeigt hat, ganz menschlich.

Wer im November stirbt, durfte das Jahr in seiner Blüte und Pracht noch erleben, das Erblühen, die schwere Wärme des Sommers, den fruchtigen Duft des Herbstes. Wer im November stirbt, stirbt irgendwie im Einklang mit der Natur, die nun auch abstirbt. Aber sie stirbt ab, nur um wieder aufzuerstehen, im Frühling. Und das ist ja auch die christliche Hoffnung beim menschlichen Tod, dass es nicht dabei bleibt, dass nämlich das, was den Menschen ausmacht, nicht im Tod bleibt. Die Seele, wie wir es nennen.

Wer im November stirbt, durfte das ganze Jahr noch leben und erleben. Wer im November stirbt, braucht nicht traurig zum blauen Himmel zu schauen, wo die Vögel singen. Auch sie sind weggeflogen, die meisten, irgendwo in den Süden. Jimmy, der gestern starb, konnte den Ewigkeitssonntag noch miterleben, aber er starb schon in Vorfreude auf Weihnachten, in der Vorfreude auf die Hoffnung, dass Gott persönlich sich uns Menschen zeigte. Das feiern wir zu Weihnachten.

Für Jimmy hatte ich ja übrigens noch eine prophetische Nachricht, auch, wenn ich mit sowas eigentlich recht vorsichtig bin. Aber ich vermute, es könnte wirklich eine Nachricht von Gott gewesen sein. Nehmen wir mal an, es sei so, dann ist auf jeden Fall der Vers, den ich damals gefunden hatte, doch interessant. Er steht im Römerbrief 5,12 und lautet: „Wie die Sünde durch einen einzigen Menschen in die Welt kam, so auch die Rettung aus der Gewalt der Sünde.“

Sünde bedeutet in biblischer Tradition die Trennung von Gott. Aus dieser Trennung heraus entsteht dann ein menschliches Verhalten, das der christlichen Ethik widerspricht. Aber im Kern bedeutet eben die Sünde Trennung von Gott. Und diese Sünde, diese Trennung von Gott, wurde dadurch überwunden, dass Gott sich selbst uns Menschen gezeigt hat, in einem kleinen Kind, normal geboren auf unserer Welt, ein wahrer Mensch, gleichzeitig aber auch wahrer Gott.

Das Leben Jesu kann man nur richtig deuten nach christlicher Sicht, wenn man es eben so sieht, dass sich in Jesus Christus Gott höchstpersönlich zeigt. Wahrer Mensch und wahrer Gott.

Jimmy starb am ersten Tag des neuen Kirchenjahres, welches auf dieses Ereignis zueilt, auf Weihnachten. Durch Gott, der sich zu Weihnachten den Menschen gezeigt hat, durch Jesus Christus also, ist die Sünde, die Trennung von Gott, aufgehoben worden. Dadurch, dass Gott diese Trennung höchstpersönlich aufgehoben hat, dürfen wir darauf hoffen, dürfen wir davon ausgehen, dass auch für uns Menschen, die wir hier leben und die wir einst sterben müssen, diese Trennung aufgehoben wurde, ein für allemal. Wir werden auch nach dem Tod nicht von Gott getrennt sein, sondern in ihm bleiben. In seiner Liebe und Ewigkeit. Für immer. Amen.