Zum Tod von Jimmy, meinem Schulkameraden. Ein kurzer theologischer Nachruf.

Heute ist Jimmy, mein ehemaliger Schulkamerad gestorben. Ich bekam davon den ganzen Tag über erstmal nichts mit, ich hielt ganz gewöhnlich meinen Unterricht in der Schule. Für die einen ist es Alltag, während die anderen sterben. Unglaublich, aber normal.

Die letzte Stunde hielt ich im Fach Religion in der Oberstufe und wir überlegten, welche Zugänge zur biblischen Tradition es gibt. Historisch-kritische Methode oder verschiedene Arten göttlicher Inspiration oder die Bibel als Menschenwort. Dann öffnete ich mein Smartphone und las vom heutigen Tod von Jimmy. Die Nachricht überrollte mich doch ziemlich.

Zeit, einige Gedanken an Jimmy in Worte zu fassen.

Etwa vor einem Jahr hatten wir uns gesehen. Das Abitreffen, kurz vor Weihnachten.

Zuvor hatte ich mit ihm per WhatsApp kurz hin und her geschrieben, und eigentlich war ich noch nie bei diesen weihnachtlichen Treffen dabei, sondern nur zu den runden Jubiläen, diesmal sagte mir aber ein Freund, mit dem wir zusammen am Gymnasium waren, dass Jimmy schwer krank ist. Also entschied ich mich und wir uns, dass wir hingehen, zu diesem Abitreffen.

Es war eigentlich ganz nett, aber Jimmy sah wirklich sehr dünn und ausgemergelt aus. Er hatte schon einiges hinter sich gehabt an Operationen seit seiner Diagnose auf Bauchspeicheldrüsenkrebs. Das letzte Jahr über schrieb ich ab und zu mit ihm über „wire“ hin und her, das er uns als sicheren Messenger empfohlen hatte, als Alternative zu WhatsApp. Ich bin tatsächlich umgestiegen. Sein kleines Vermächtnis an mich und an uns.

Bei diesem vorweihnachtlichen Treffen letztes Jahr saß ich nicht direkt neben ihm, sondern ein Freund saß noch dazwischen. Aber etwas vom Gespräch bekam ich mit. Jimmy erzählte, wie er als Bundestagsabgeordneter beispielsweise es sich nicht hatte nehmen lassen, nach Afghanistan zu fliegen und dort vor Ort zu inspizieren, wie die Lage ist. Er fuhr in gefährdete Gebiete, wovon man ihm dringend abgeraten hatte. Er machte es trotzdem, er wollte wissen, über was wir hier in der Politik reden, er wollte wissen, über was er mit entscheiden sollte. Er wollte sich ein eigenes Bild machen.

Nach dem Abitreffen sah ich ihn vor dem Wirtshaus, in dem wir ihn getroffen hatten und ich verabschiedete mich von ihm und klopfte ihm vorsichtig auf die Schulter. Ich war zusammen mit einem Arzt, einen Freund und ehemaligen Schulkameraden, unterwegs und er sagte mir, dass die Hoffnung für eine Heilung von Jimmys Erkrankung marginal gering sei. Und so war es dann ja auch.

Aber Jimmy lebte dann doch noch ein ganzes Jahr und so, was ich mitbekommen hatte, versuchte er wohl, jeden einzelnen Tag zu leben. Nicht das Leben mit Tagen zu füllen, sondern die Tage mit Leben.

Ich erinnere mich an die Schulzeit, Leistungskurs Englisch, als Jimmy mit seinem amerikanischen Englisch durchaus einigen Eindruck auf uns machte. Cowboystiefel unter der Jeans hatte er damals manchmal an, das war die Zeit damals. Es war eine gewisse Coolness.

Dann das zehnjährige Abitreffen. Wir feierten es auf einem ehemaligen Bundeswehrgelände bei München. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon meinen einen Beruf an den Nagel gehängt und war im Studium für meinen anderen Beruf und lernte gerade fürs Graecum. Viel zu lernen. Ich blieb einigermaßen lange an dem Abend, musst aber irgendwann gehen. Jimmy meinte noch, ob ich nicht länger bleiben könnte oder wollte. Leider ging es damals nicht.

Wir hatten aber noch öfters Zeit, uns zu Abitreffen zu sehen. Während meines Zweitstudiums, als ich unter anderem Religion fürs Lehramt studierte, hatte ich mit Jimmy immer mal wieder Kontakt per E-Mail und wir diskutierten über theologische Themen. Es war durchaus interessant und er war interessiert, wenn auch kritisch. Er ließ sich eine E-Mail-Adresse der theolounge geben, als wir damals noch E-Mail-Adressen vergaben.

Vorhin erwischte mich die Nachricht, die eigentlich fast zu erwarten war, doch ziemlich unvorbereitet, obwohl ich ja vorbereitet war. Heute ist also Jimmy gestorben.

Nun kann man sagen, er ist uns einen Schritt voraus. Denn sind wir mal ehrlich, wir alle müssen in dieses Gras beißen, wir alle müssen über den Jordan, wir alle müssen ins Jenseits. Das ist die Natur von uns Menschen.

Christlich gesprochen ist es so, dass Jimmy nun heimgegangen ist, dorthin, von woher er kommt. Man würde sagen, nach Hause zu Gott.

Ich bin mir nicht sicher, ob er mit Gott etwas anfangen konnte, ob er irgendwo gläubig war, aber andererseits ist es so, dass Menschen tief in sich drin meistens doch daran glauben, dass es da noch etwas gibt, was hinter allem steht. Da wären wir dann wieder bei Gott.

Der evangelische Theologe Jürgen Moltmann vertritt in seinem theologischen Entwurf die Vorstellung, dass Gott es ist, der hinter allem steht, der in sich selbst gewissermaßen Raum für alles, was es gibt, geschaffen hat, also für das Universum und alles Leben darin. Wenn Gott aber der Urgrund von allem ist, so können wir aus Gott nicht herausfallen. Wir sind mitten in ihm.

Gestern erst schrieb ich ein paar Gedanken zu diesem Thema. Paulus sagte es sinngemäß so: lebe ich, so lebe ich Gott, und sterbe ich, so sterbe ich Gott. So ob ich nun lebe oder tot bin, ich bin in Gott.

Und wenn Gott das unendlich Gute ist, was ja ein Attribut Gottes ist, und wenn er die Liebe ist und die Ewigkeit, und wenn man aus ihm nicht hinausfallen kann, so ist niemand, der auf dieser Erde nicht mehr lebt, irgendwie wirklich weg. Sondern er ist nur in einer anderen Seinsform weiterhin existent. Er ist in Gott. Das ist sicherlich auch das, was mit der christlichen Botschaft der Auferstehung gemeint ist. Aus Gott fallen wir nicht heraus. Könnte man nämlich aus ihm herausfallen, wäre er nicht Gott.

Jimmy ist nicht weg, sondern er ist in Gott. So, wie wir auch in Gott sind. Noch sehen wir diese Art der Existenz undeutlich, wie durch einen Spiegel, so formulierte es Paulus. Dann aber, wenn auch wir auf der anderen Seite stehen werden, werden wir Gott von Angesicht zu Angesicht sehen und erkennen. Amen.