Handeln wir Menschen nur, um uns selber gut zu fühlen?

Kürzlich antwortete ich auf die These, die auch in der Psychologie gerne vertreten wird, dass letzten Endes der Impuls für jegliches Handeln der Wunsch des Menschen sei, dass man sich gut fühle.

Die These wirkt zunächst einleuchtend.

Sie wird zudem noch mit einer weiteren Annahme in der Psychologie kombiniert, die da lautet wie folgt:

Es gibt weder Gut noch Böse. Es kommt immer auf die Perspektive des Betrachters an.

Psychologisch sind diese Grundannahmen sinnvoll. Denn es geht in der Psychotherapie, egal, welcher Schule man nun folgen mag, doch eigentlich darum, zu erkennen, warum ein Mensch so geworden ist, wie er geworden ist, sein Verhalten zu analysieren und zu reflektieren und ihm dann Rückmeldung darüber zu geben, wie er sich künftig anders verhalten könnte, damit er in der Interaktion mit der Welt besser zurechtkommt. Es gehe also nicht um Gut und Böse, diese beiden Kategorien gebe es nicht.

Die Grundannahme aber, dass es Gut und Böse nicht gebe, ist bereits eine grundsätzliche Festlegung der Denkrichtung. Ob diese Denkrichtung der Wirklichkeit entspricht, können wir Menschen letztlich nicht mit allerletzter Sicherheit erkennen. Wir können aber im Vergleich mit anderen Fakultäten erkennen, dass es bei weitem nicht überall so ist, dass es angeblich kein Gut oder Böse, kein Richtig oder Falsch gibt. In der Mathematik gibt es nämlich durchaus ein Richtig und ein Falsch, in der Physik, in der Chemie, in der Philologie, in der Semantik, in der Philosophie und in der Theologie. Ebenso in der Religionswissenschaft.

Einzig die Psychologie hat als Grundannahme, es gebe kein Richtig oder Falsch, kein Gut oder Böse.

Wenn jemand eine schlimme Tat vollbracht habe, vielleicht Missbrauch, vielleicht ein Tötungsdelikt, dann bringe es nicht viel, mit Schuldbegriffen zu hantieren. Wichtiger sei es, zum einen die Handlungsweise im Rahmen der Sozialisation des Täters und seiner kognitiven und emotionalen Fähigkeiten zu erkennen, um dann möglicherweise dem ehemaligen Täter helfen zu können, sein Verhalten zu ändern. Gut und Böse wären hier Kategorien, die nicht weiterführen würden. Ein Mörder beispielsweise hat vermutlich einen Mord deswegen begangen, weil er es für richtig hielt, er fühlte sich, aus welchen Gründen auch immer, dem angestrebten Ziel, glücklich zu sein, durch seine Tat etwas näher, so wohl die psychologische Sicht.

Aus Sicht des Opfers ist es natürlich genau umgekehrt. Das Opfer hätte gerne weiter gelebt, weil es eine ganz andere Perspektive auf sein eigenes Leben hat. Glück hätte für das Opfer bedeutet, leben zu dürfen.

Verlassen wir einmal die psychologische Herangehensweise. Wenden wir uns einer philosophischen oder auch theologischen Sicht zu. Wenn es in Philosophie und Theologie und die Frage geht, was hinter allem steht, hinter der Welt, dann gibt es hierfür den Begriff der Wahrheit. Wahrheit ist das, was tatsächlich der Urgrund allen Seins ist. Die Antworten auf diese Wahrheit sind unterschiedlich, je nachdem, welchen Philosophen oder Theologen man fragt.

Aber man kann sich dieser Wahrheit zumindest ansatzweise ein wenig nähern. Man kann fragen: gibt es einen Grund für alles Sein? Die Antwort wird ja oder nein sein. Angenommen es gibt keinen Grund für alles Sein, könnte man weiter fragen, ist dann alles egal oder ist es das nicht? Hier würde man auch ein Ja oder ein Nein erwarten können.

Oder umgekehrt: Nehmen wir an, hinter allem stünde etwas, was Philosophen und Theologen oft Gott nennen. Dann könnte man fragen, ist es für dieses Prinzip oder das Wesen oder das Sein, das hinter allem steht, richtig, wenn Menschen Menschen getötet werden? Hier würde dann ebenfalls ein Ja oder ein Nein herauskommen.

Wir sprechen hier also von dem Gedanken daran, dass es eine objektive Wahrheit und Sicht der Dinge geben könnte, die hinter allem steht. Damit wäre diese Sicht der Dinge eine komplett andere als die konstruktivistische Sicht, die beispielsweise in der Psychologie zugrundegelegt wird, nach welcher sich jeder Mensch die Welt nur aus seiner eigenen Perspektive erschließen kann und es deswegen unendlich viele Sichtweisen gibt, die angeblich alle auch ihre Berechtigung hätten und deswegen letztlich, aus der jeweiligen Sicht heraus, in sich schlüssig seien, ohne dabei aber richtig oder falsch, gut oder böse zu sein.

Angenommen, hinter der Welt steht ein Prinzip, dann könnte es also gut sein, dass die konstruktivistische Sicht letztlich nur ein Vehikel für uns Menschen ist, um im Leben klarzukommen. Es könnte also durchaus sein, dass es Dinge gibt, die objektiv richtig sind, und Dinge, die objektiv falsch sind. Dass es Dinge gibt, die man als gut und die man als böse bezeichnen kann und darf und dies zu Recht auch tut.

Kommen wir nun zur Eingangsfrage. Handeln wir Menschen nur, um uns gut zu fühlen?

Man möchte zunächst einmal zustimmen. Jeder hat aus seiner Sicht entweder das eigene Wohl oder das Wohl von anderen Menschen im Sinn, wenn er handelt. Letztlich möchte sich jeder aber selber bei seinen Handlungen wohlfühlen. Es ist der Gewissensbegriff von Emil Fromm, der hier zum Tragen kommt. Das Gewissen meldet sich, wenn Gefahr besteht, dass man selber mit sich nicht mehr eins ist. Es meldet sich, wenn man sich selbst zu verlieren droht.

Das sogenannte humanistische Gewissen nach Erich Fromm ist eine Reaktion unseres Selbst auf uns, es spiegelt das Selbstinteresse des Menschen an sich und seiner Integrität mit sich selbst wieder. Es hat die Entfaltung der Persönlichkeit zum Ziel, damit diese produktiv werden und ihr Glück finden kann. Es meldet sich im umgekehrten Falle dann als sogenanntes schlechtes humanistisches Gewissen, wenn Dinge die Entfaltung unserer Persönlichkeit behindern.

Der Mensch will sich also selbst verwirklichen, um glücklich zu sein.

Es gibt aber auch noch einen verstandesmäßigen Zugang zum eigenen Verhalten. Menschen können beispielsweise auf Verstandesebene der Meinung sein, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben sollen. Nun mag es einzelne Menschen geben, die dadurch vielleicht kein besonderes Glück empfinden, weil sie selber gerne mehr Rechte hätten. Ihr originäres Streben wäre also, durch die Erlangung von mehr Rechten glücklich zu werden. Ihr Verstand schiebt ihrem Wunsch aber möglicherweise einen Riegel vor. Denn ihr Verstand sagt ihnen, dass es logisch und richtig ist, allen Menschen die gleichen Rechte apriori zuzuweisen.

Sobald aber der Verstand ins Spiel kommt, kommt auch der Wille ins Spiel. Man tut eine Sache nicht, weil man sie mag, sondern weil man sie will. Also nicht, weil sie für einen angenehmen ist, sondern weil man sie für richtig hält. Und das Für-richtig-halten einer Sache muss nicht unbedingt ein gutes Gefühl zur Folge haben. Der Handlungsimpuls ist also hier nicht, etwas zu tun, um glücklich zu sein, sondern es zu tun, weil man es für das so Richtige hält, aufgrund logischer und verstandesmäßiger Überlegungen.

Nun könnte man behaupten, wenn man dem eigenen Verstand folgt, würde dies dann eben das Glück hervorbringen, so dass man doch letztlich wieder nur nach dem eigenen Glück streben würde. Aber das ist falsch. Wie eben erklärt, kann das, was man verstandesmäßig für richtig hält und mit seinem Willen dann auch durchsetzen will, einen durchaus auch unglücklich machen. Und das widerlegt die eingangs vermutete Behauptung, alle Menschen würden letztlich durch ihre Handlungen nur glücklich werden wollen. Diese Sicht bildet die Wirklichkeit nicht richtig ab und ist zu eingeschränkt.Die Eingangsthese stimmt einerseits. Ja, wir wollen uns alle gut fühlen. Dieser Wunsch ist die Grundlage vieler unserer Handlungen. Andererseits ist die These zu kurz gegriffen. Sie bildet nur einen Teil der Wirklichkeit ab. Der Wunsch, sich gut zu fühlen, ist nicht zwangsläufig der alleinige Impuls unseres Handelns. Denn wir Menschen haben auch noch unseren Verstand und unseren Willen, ganz egal, ob diese beiden uns nun glücklich oder unglücklich machen. Ein passendes Beispiel für diese Art zu handeln wäre Immanuel Kant mit seiner Pflichtethik.