Wer im weißen Architekturbüro sitzt, soll nicht mit bunten Ideen werfen

Manchmal fahre ich vorbei an einem Architekturbüro, das früher mal ein Laden war. Zu den frühen Zeiten, an denen ich dort auf meinem Fahrrad vorbeikomme, sitzt dort noch niemand.

Spät erst im Laufe des Morgens werden die jungen Architektinnen und Architekten dort irgendwann eintrudeln, um dann bis spät in den Abend dort vor ihren Apple Computern zu sitzen und auf den Flachbildschirm zu starren. Im Großraumbüro, in das man von außen hineinschauen kann und in welchem der Chef, der sie bezahlt aus der eigenen Tasche, immer mit dabei sitzt. Sie sitzen dort in ihrem Schaufenster als Ware und als Ware werden sie präsentiert und behandelt. Als unterbezahlte Ware, die ihrem Chef, der im gleichen Raum sitzt, viel Geld bringen soll.

Weil sie jung sind, kann der Chef sie sich leisten, weil es viele gibt, kann er sie schlecht bezahlen.

Ruhig ist es im Großraumbüro. Man hört jedes Husten und Räuspern. Wenn einer zu laut mit der Maus am Computer klickt, kann das einen anderen stören. So geht es dann 8 Stunden, 9 Stunden, 10 Stunden. Sitzen und auf den Computer starren, sitzen und starren, sitzen und starren. Und zwischendrin klicken, klicken, klicken. Manchmal auch am Wochenende, denn man hofft, einen Wettbewerb an Land zu ziehen. An Land ziehen tut man einen Wettbewerb aber selten, weil sich so viele Mitbewerber bewerben. Man sitzt dann also nicht nur ein Wochenende, nicht fünf, sondern vielleicht zehn. Und danach dann weitere zehn Wochenenden, weil man auf den nächsten Wettbewerb hofft. Einmal den großen Auftrag bekommen, das wäre es.

In dem Aquarium, diesem ehemaligen Laden, in dem die jungen Architektinnen und Architekten wie stumme Fische vor ihren weißen Apple Computern sitzen, ist alles weiß. Die Apple Computer sind weiß, die von Architekten gerne verwendet werden, weil sie glauben, diese Computer seien irgendwie hip und weil sie außerdem nicht gut mit Computern umgehen können. In einem solchen Fall eignet sich natürlich besonders der idiotensichere Apple.

Sie sitzen an ihren weißen Tischen zwischen weißen Wänden und weißen Aktenordnern, auf die weiße Etiketten aufgeklebt sind, an der Wand eine weiße Lichtleiste, die ein steriles weißes Neonlicht an die Decke schleudert, welches sich dann über die ganze Decke verteilt und tröpfchenweise auf die mittlerweile auch schon steril weiß gewordenen Architektinnen und Architekten herunter rieselt, um sie noch weißer und steriler zu machen. Im Studium haben diese jungen Architektinnen und Architekten gelernt, dass Kreativität dann besonders als kreativ gilt, wenn sie weiß ist. Oder grau. Bunte Farben sind bei den meisten Architekten nicht en vogue. Zu bunt, zu kreativ, zu individualistisch.

Und so sitzen sie in ihrem Aquarium, bis spät in die Nacht, werden immer weißer und produzieren dunkelgraue, mittelgraue und hellgraue Gebäude, in denen dann dunkelgraue, mittelgraue und hellgraue Menschen arbeiten und wohnen sollen.

Und wenn sie dann abends in der Dunkelheit ihr Büro verlassen und nach Hause kommen, sind sie froh, selber in einer bunten Wohnung zu sitzen und ihre eigene bunte Kreativität vorzufinden, die sie ursprünglich einmal Architekt hat werden lassen, die ihnen spätestens in ihrem weißen Aquarium aber den ganzen Tag über abtrainiert wurde, Tag für Tag. Und sie sind insgeheim froh, auch, wenn sie dies niemals öffentlich zugeben würden, dass sie nicht in diesen sterilen weißen und grauen Gebäuden, die sie da planen und den Bauherren verkaufen, selbst wohnen müssen. Denn dass sie den ganzen Tag über in der Sterilität des weißen Büros und dem weiß und steril tropfenden Neonlicht in Sitzposition und nahezu regungslos zubringen müssen, reicht ihnen schon.

So hatten sie sich das eigentlich nicht gedacht, als sie begannen, in kreativer Weise die Welt verbessern zu wollen, als sie nämlich Architektur studierten und Architekt werden wollten.