Die Kindheit der Greta Thunberg

Auf der Abschlusskundgebung der UN zum Klimaschutz hielt Greta Thunberg, die Leuchtfigur der Klimaschützer und der fridays for future Bewegung, eine Brandrede, die emotional war. Darin warf sie den Politikern der Welt vor, sie hätten ihr ihre Kindheit gestohlen.

Einige Leute finden das übertrieben und polemisieren nun gegen Greta. Sie habe doch eine tolle Kindheit gehabt, da gäbe es doch viel ärmere Kinder, beispielsweise welche, die in den Koltanminen in Afrika für einen Appel und ein Ei arbeiten müssten. Wenn denn überhaupt jemand etwas zu sagen habe in Bezug auf eine schwierige Kindheit, dann doch bitte diese armen Kinder.

Ist diese Argumentation schlüssig?

In der Tat ist es so, dass Greta Thunberg schon seit Jahren freitags mit einem Schild am Marktplatz oder irgendwo anders in ihrer Stadt saß, um gegen die Klimaerwärmung zu demonstrieren. Daraus entstand eine große mediale Resonanz und diese bildete dann den Nährboden für die weltweiten fridays for future Demonstrationen.

Insofern ja, die Kindheit bzw Jugend, die hier wohl eher gemeint ist, von Greta Thunberg könnte entspannter sein. Denn mal ehrlich, welcher Jugendliche sitzt schon gerne freitags immer mit einem Schild herum und demonstriert für sich alleine, um sich so zu einer Lachnummer zu stilisieren? Greta machte dies nicht, weil sie es so lustig fand, sondern weil sie ein sehr starkes Verantwortungsbewusstsein hat. Dieses verlangte von ihr, dass man nicht stillschweigend zustimmen und zusehen kann, wenn die Welt und die Lebensgrundlage von Milliarden von Menschen zerstört wird, durch Nachlässigkeit der Politik und durch wirtschaftliche Interessen weltweit.

Machen wir einen kleinen gedanklichen Sprung zu dem evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer. Zur Zeit der Hitlerdiktatur war er an einem Attentat gegen den Diktator Adolf Hitler beteiligt, welches aber fehlschlug. Dietrich Bonhoeffer wurde infolgedessen kurz vor Kriegsende im Konzentrationslager Flossenbürg von den Nationalsozialisten hingerichtet. Nun könnte man hier auch sagen, Herr Bonhoeffer habe ja kein schlechtes Leben gehabt und er hätte doch einfach so weiter vor sich hin leben können, anstatt diese Art von Zivilcourage zu zeigen. Er hätte sich doch nicht einmischen müssen. Andererseits war da sein Verantwortungsbewusstsein, dass man als Pfarrer doch nicht zu sehen dürfe, wie ein Wahnsinniger, Adolf Hitler eben, unzählige Menschen ermordet. Es könne doch nicht Aufgabe eines Pfarrers sein, so sagte Dietrich Bonhoeffer, dann zu den Hinterbliebenen zu gehen und ihnen Trost zuzusprechen, während der Wahnsinnige weiter Menschen ermordet. Jemand müsse ihn doch stoppen.

Und ähnlich ist es auch bei Greta Thunberg. Ihr Verantwortungsbewusstsein hat sie wachgerüttelt und dazu gedrängt, aktiv zu werden. Das hat ihr ihre Jugend zumindest so verändert, wie viele Jugendliche sich ihre Jugend nicht wünschen würden. Als Jugendlicher hat man in aller Regel doch andere Interessen, als zu einer politischen Figur zu werden, die weltweite Verantwortung zentnerschwer auf sich geladen hat.

Man könnte nun sagen, naja, Greta, dann lass doch einfach dein Verantwortungsbewusstsein fallen. Dietrich Bonhoeffer, lass doch dein Verantwortungsbewusstsein fallen. Und das ist der Knackpunkt, wo man merkt, dass diese Argumentation nicht in sich schlüssig ist, wenn man Greta anheimstellen möchte, doch lieber ihr Leben so zu leben, dass es für sie ein schönes Leben sei. Nein, sie kann das nicht. Sie hat erkannt, dass die Welt brennt und die Lebensgrundlage von Milliarden Menschen demnächst sukzessive wegfallen kann. Das lässt ihr keine Ruhe. So, wie es Dietrich Bonhoeffer auch keine Ruhe ließ, wenn ein skrupelloser Diktator die Lebensgrundlage von Millionen von Menschen einfach nach Gutdünken beseitigte.

Deshalb, ja, die Politiker dieser Welt, die sich viel zu wenig um den Klimaschutz gekümmert haben, haben Greta Thunberg ihre Jugend gestohlen. Nicht ihr Verantwortungsbewusstsein.