Reinhold Messner und seine präferierte Luftbestattung

In der aktuellen Printausgabe der ZEIT findet sich ein Interview mit Chefredakteur Giovanni di Lorenzo und dem berühmten Bergsteiger Reinhold Messner.

Es geht um alles Mögliche, aber irgendwann auch darum, wie Reinhold Messner einmal bestattet werden will.

Er erzählt von einer sogenannten Luftbestattung, der er auf einem Berg in Tibet einmal beigewohnt hatte. Ein tibetanischer Mönch schlitzte eine Leiche, die irgendwo auf einem Berg im Freien lag, auf eine bestimmte Weise fachgerecht auf, danach fielen die Geier über diese Leiche her und binnen weniger Minuten war das ganze Fleisch weggefressen. Danach zerstampfte der Mönch die Knochen, was zusammen mit der Gehirnmasse einen Brei ergab, auch dieses Gemisch wurde von den Geiern schnell völlig aufgefressen. Klingt also ziemlich gruselig.

Was Reinhold Messner an der ganzen Sache gut fand und weshalb er sich auch eine solche Bestattung wünschen würde, wenngleich die EU eine solche sicherlich nicht zulassen würde und es hierzulande eigentlich auch keine Geiger gibt, ist, dass der ehemalige Mensch, die Leiche also, sofort wieder in einen natürlichen Kreislauf übergeht. Gefressen von den Geiern, sodann nach wenigen Stunden von den Geiern wieder als Exkremente ausgeschieden, welche auf den Boden fallen und dort zu neuem Leben werden können. Aus den Exkrementen können beispielsweise Pflanzen werden, die dann von Tieren gefressen werden, welche ihrerseits vielleicht von Menschen gegessen werden. Menschliches Leben entsteht so neu, sowie Leben generell.

Der Gedanke bei der ganzen Sache ist also einer, der dem Buddhismus innewohnen dürfte, dass alles in einem Kreislauf ist und der Mensch also möglichst schnell in diesen Kreislauf des Lebens zurückgeführt wird.

Man kann dem vermutlich einiges abgewinnen, wenn man sich daran klammert, dass die Einzelteile, also all die Moleküle und Atome, aus denen man zu Lebzeiten bestanden hat, dann nicht erst nach Jahrzehnten oder Jahrhunderten der Verwesung anheimfallen, sondern sofort wieder zu neuem Leben werden können.

Allerdings ist hier zu bedenken, dass der Mensch möglicherweise, ich denke sogar ziemlich sicher, mehr ist als die Summe seiner Einzelteile. Der Mensch ist nicht einfach nur die Summe seiner Moleküle. Sondern er ist etwas Geistiges, das über das Materielle hinausweist. Und nur, weil das Materielle sogleich wieder in einem Kreislauf verarbeitet wird, macht dies keine Aussage darüber, was mit dem Geistigen passiert. Im Christentum spricht man hier oft von Seele, in der Philosophie vielleicht von Geist.

Ich vermute, dass die einzelnen Moleküle den Menschen zwar prägen, ihn aber nicht ausmachen. Wenn ein Mensch stirbt, ist seine Seele und sein Geist bei Gott, so die christliche Sicht. Diese Sicht erscheint irgendwie logischer als eine solche buddhistische, die davon ausgeht, dass der Mensch nur aus Molekülen, also kleinen Legosteinchen quasi, besteht, die dann eben unendlich oft neu zusammengesetzt werden. Bei einer solchen Sichtweise bleibt für mich der Mensch als das, was ihn ausmacht, auf der Strecke.

Es gibt ja verschiedene Vorstellungen von Auferstehung, besonders im Christentum. Bereits zur Zeit Jesu gab es unter anderem auch die Vorstellung, dass der Körper eines Menschen im Grabe ruhen kann, seine Seele aber bei Gott weiterlebt. Dieser Gedanke fand über die griechische Philosophie auch Eingang in das christliche Verständnis von Auferstehung. Zwar gibt es sicherlich viele Gläubige, die Auferstehung rein materiell und körperlich verstehen. Aber hier kommt man natürlich an Grenzen der Vorstellung. Denn würde man sich die Auferstehung rein materiell vorstellen, dann müsste man ja vermuten, dass die materiell neu auferstandenen Körper irgendwann auch mal wieder sterben müssten. Man wäre also in einem Kreislauf gefangen. Ähnlich wie im Buddhismus.

Darum erscheint vielen sicherlich die Vorstellung von Auferstehung nachvollziehbarer, wonach die Moleküle auf der Erde verbleiben und meinetwegen von Geiern gefressen werden, unter der Erde verrotten oder im Feuer verbrannt werden, gleichzeitig aber das, was den Menschen ausmacht, seine Seele, in einer anderen Seinsform, einer anderen Dimension, bei Gott nämlich, weiter existiert. In Gottes Liebe, Gottes Ewigkeit und Gottes Unendlichkeit.