Bayern: Darf Schule den christlichen Glauben fördern?

In der Wochenzeitung Die ZEIT im Bereich „Glauben und Zweifeln“ beklagt die jüdische Mutter Ruth Zeifert, die ihre Tochter in einem bayrischen Dorf in den katholischen Religionsunterricht geschickt hat, in dem Artikel „Warum hört mich keiner?“ dass die Tochter nun im christlichen Sinn gläubig wird. Die Ursache dafür ist der katholische Religionsunterricht.

Was hat es damit auf sich?

Die Mutter sieht sich selbst eher als Agnostikerin, ihr Mann sieht sich als Atheist. Dennoch schicken beide ihre Tochter nicht in den Ethikunterricht, sondern in den katholischen Religionsunterricht einer Grundschule.

Mehrmals im Schuljahr finden Schulgottesdienste statt, offensichtlich zwischen den Schulstunden. Es ist also nicht so, dass Schüler ausschlafen und und einfach später zum Unterricht kommen könnten, wenn sie nicht am Gottesdienst teilnehmen wollen. Sondern sie haben entweder weiterhin Schule und müssen dort Aufgaben machen, oder sie können in den konfessionellen Gottesdienst gehen.

Die Mutter regt sich auf, sie spricht von „Strafaufgaben“, die die im Unterricht verbleibenden Schüler machen müssten. An diesem Punkt liegt sie allerdings falsch. Denn die Alternative lautet, entweder normaler Unterricht, oder, wer christlichen Glaubens ist, der darf in den Gottesdienst gehen. Genauer gesagt: wer auch immer möchte, der darf in den Gottesdienst gehen, selbst, wenn er nicht christlichen Glaubens ist.

Die Mutter bemängelt, dass ihr und offenbar einigen anderen Eltern nicht klar ist, dass keine Pflicht zum Gottesdienstbesuch besteht. Sie erkennt das erst nach und nach. Allerdings, von den 400 Schülern gehen 70 normalerweise nicht zum Gottesdienst. Drum kann man eigentlich argumentieren, dass die Mutter es dennoch hätte mitbekommen können, dass keine Pflicht zum Gottesdienst besteht, wenn sie sich ein bisschen umgehört hätte.

Die Mutter beklagt, dass eine Sogwirkung entstehe, wenn die Kinder alle in den Gottesdienst gehen, aber nur wenige sich dann, gegen den Strom quasi, dafür entscheiden müssten, nicht zu gehen. Hier kann man ihr einigermaßen zustimmen, allerdings will die Mutter ein Alternativprogramm zum Gottesdienst aufziehen. Irgendeine Feierlichkeit, die aber nicht im gleichen Sinn religiös ist wie ein Gottesdienst, sondern eher ethisch orientiert ist. Die Schulleitung hat wenig Interesse daran. Die Mutter regt sich darüber auf, insistiert dann aber nicht weiter, weil sie Sorge hat, sie oder ihr Kind könnten dadurch in ein negatives Licht vor der Schulleitung und den Lehrern gelangen. Einerseits kann man diese Sorge nachvollziehen, andererseits sollten Lehrer in Bayern objektiv genug geschult sein, um mit derlei Dingen professionell umgehen zu können. Von daher ist diese Sorge vermutlich weitestgehend unbegründet.

Psychologisch gesehen kann es natürlich eine Sogwirkung haben, wenn Schüler etwas anderes machen, als im Unterricht zu sitzen. Man kennt dies von den „fridays for future“ Demonstrationen. Andererseits ist es aber so, dass der Standard eben ist, Unterricht zu machen, es besteht ja Schulpflicht. Der Gottesdienst ist eine Alternative dazu, die aber niemand annehmen muss.

Die Mutter schreibt, sie habe z.b. zur katholischen Kirche, denn es geht um katholische Gottesdienste in dieser Schule, eigentlich keine negative Einstellung gehabt, es störe sie aber, dass nun von katholischer Seite aus derart moralisch getan werde, wo doch die christlichen Kirchen in Deutschland beim Widerstand gegen den von Hitler verübten Holocaust kein allzu gutes Bild abgegeben hätten. Wie könne man da Moral predigen?

Dies mag zwar stimmen, ist aber in sich auch inkonsistent. Was Menschen damals traten, ist etwas anderes, als was Menschen heute tun. Es ist sicher nicht verwerflich, ganz im Gegenteil, wenn eine Kirche hohe moralische Ansprüche als Messlatte nimmt, formuliert doch auch Matthäus, der Jesu Aussagen bündelt, in seiner Bergpredigt höchste moralische Ansprüche, denen praktisch kein Mensch jemals genügen kann. Allerdings muss man tatsächlich der katholischen Kirche in Teilen ankreiden, dass sie diesen Ansprüchen nicht unbedingt selbst gerecht wird, auch aktuell nicht. Beispielsweise, so führt die Mutter an, gebe es das Problem, dass Frauen in der katholischen Kirche immer noch keine Priesterinnen werden dürfen und dass der katholische Missbrauchsskandal nach wie vor im Raum steht.

Die Mutter kritisiert auch, dass die bayerische Verfassung als oberstes Bildungsziel unter anderem „Ehrfurcht vor Gott“ vorsieht. Das könne doch nicht sein, das passt in ihr agnostisches Weltbild nicht hinein, sie wittert Indoktrination. Im Paragraph 131 der bayerischen Verfassung heißt es:

(1) Die Schulen sollen nicht nur Wissen und Können vermitteln, sondern auch Herz und Charakter bilden.
(2) Oberste Bildungsziele sind Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor religiöser Überzeugung und vor der Würde des Menschen, Selbstbeherrschung, Verantwortungsgefühl und Verantwortungsfreudigkeit, Hilfsbereitschaft, Aufgeschlossenheit für alles Wahre, Gute und Schöne und Verantwortungsbewußtsein für Natur und Umwelt.
(3) Die Schüler sind im Geiste der Demokratie, in der Liebe zur bayerischen Heimat und zum deutschen Volk und im Sinne der Völkerversöhnung zu erziehen.
(4) Die Mädchen und Buben sind außerdem in der Säuglingspflege, Kindererziehung und Hauswirtschaft besonders zu unterweisen.

Wenn man also den ganzen Paragraphen 131 liest, und nicht nur das einzelne Schlagwort herauszieht, sieht man, dass der Kontext doch ein anderer ist. Was die Mutter nicht weiß oder zumindest nicht schreibt, ist, weshalb unter anderem das Bildungsziel „Ehrfurcht vor Gott“ in die bayerische Verfassung aufgenommen wurde. Die Begründung findet sich in der Präambel der bayerischen Verfassung:

Angesichts des Trümmerfeldes, zu dem eine Staats- und Gesellschaftsordnung ohne Gott, ohne Gewissen und ohne Achtung vor der Würde des Menschen die Überlebenden des zweiten Weltkrieges geführt hat, in dem festen Entschlusse, den kommenden deutschen Geschlechtern die Segnungen des Friedens, der Menschlichkeit und des Rechtes dauernd zu sichern, gibt sich das Bayerische Volk, eingedenk seiner mehr als tausendjährigen Geschichte, nachstehende demokratische Verfassung

In diesem Kontext sieht der Gottesbezug in der bayerischen Verfassung nämlich doch gleich ganz anders aus. Er wurde in sie aufgenommen, damit sich nie wieder jemand wie Hitler an die Stelle Gottes stellen könne, sondern dass den Menschen immer klar sein möge, dass Gott noch ein paar Stufen höher steht. Ehrfurcht vor Gott soll also davor bewahren, dass ähnliche Gräueltaten wie im zweiten Weltkrieg jemals wieder geschehen, weil man sich letztlich vor Gott verantworten muss, nicht vor irgendeinem Diktator.

Das weiß die Mutter nicht oder sie hat sich darüber nicht informiert.

Die Mutter unternimmt nun folgendes. Sie handelt mit ihrer Tochter, die leider nicht, wie ihre Mutter, zur Agnostikerin gemacht werden möchte, aus, einmal im Monat eine liberale jüdische Synagoge aufzusuchen, so, wie die Großmutter der Tochter es der Mutter beigebracht hatte. Dafür könne die Tochter dann im Gegenzug auch ihren christlichen Glauben einigermaßen unbehelligt leben, ohne sich immer vor Mutter oder Vater dafür rechtfertigen zu müssen.

Worum geht es also in diesem Artikel?

Die Mutter schickt ihre Tochter in den katholischen Religionsunterricht und wundert sich dann, wenn dort Werte und Glauben vermittelt werden, wo die Mutter es doch eigentlich gerne gehabt hätte, dass die Tochter ebenfalls wie sie eine Agnostikerin wird, am besten eine jüdische.

Was die Mutter aber vielleicht nicht bedacht hat, ist, dass die Tochter auf der Suche nach essentiellen Antworten im Leben ist, die ein atheistischer Vater und eine agnostische Mutter möglicherweise in der für die Tochter nötigen Weise nicht geben können. Wäre ja möglich. Ob die Tochter diese Antworten nun im Christentum oder im Judentum findet, ist eigentlich egal. Aber das, was sie sucht, sind offenbar Antworten, die weit über den Atheismus und auch über den Agnostizismus hinausgehen. Auch, wenn man selber agnostisch denkt und fühlt und lebt, sollte man doch eigentlich eine solche Entwicklung zugestehen und akzeptieren können.

Vielleicht auch wissenswert für die Mutter Ruth Zeifert: wenn es eine Handvoll jüdischer Schüler an einer Schule gibt, haben diese eigentlich Anspruch auf konfessionellen jüdischen Religionsunterricht. Dieser wird dann vielleicht nicht an der eigenen Schule durchgeführt, wenn man dort keinen entsprechenden Lehrer hat, aber beispielsweise an einer anderen Schule. Das ist natürlich mit Fahrerei verbunden, aber möglich ist es prinzipiell.

2 Gedanken zu “Bayern: Darf Schule den christlichen Glauben fördern?

  1. Eine Sache stimmt so nicht, die Tochter besucht den Ethikunterricht, nicht im Religionsunterricht. Zitat:
    „Statt den christlichen Religionsunterricht zu besuchen, konnte Rahel das Fach Ethik belegen.“

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