Das pflichtbewusste, aber ungewöhnliche Leben des Herrn Emil Stumpf

Emil Stumpf war Zeit seines Lebens ein äußerst gewissenhaft Büromitarbeiter. Aber auch danach noch.

In all den Jahren, die er im Büro tätig war, war er völlig unabkömmlich. Er war so unabkömmlich, dass er all die Jahre seinen Urlaub verfallen ließ und durcharbeitete, weil es ohne ihn nicht gehen würde. Er glaubte zumindest, dass er unabkömmlich sei.

Er arbeitete irgendwas mit Zahlen. Und irgendwie hatte er immer das Gefühl, nicht fertig zu werden, so dass er die Zahlen mit nach Hause nahm. Er hatte die Zahlen neben sich in seinem Bett und manchmal, wenn er zu müde wurde, um mit den Zahlen noch etwas anzufangen, legte er sie unter sein Kopfkissen und träumte von ihnen. Meistens aber hielt der Schlaf nur kurz an und er wachte wieder auf, holte die Zahlen unter seinem Kopfkissen hervor und arbeitete mit ihnen.

In der Früh war er stets pünktlich in der Arbeit um 8 Uhr, abends blieb er länger als die anderen, ebenfalls bis 20 Uhr. Da er das Gefühl hatte, mit den Zahlen nicht ganz fertig zu werden, war er oftmals auch am Samstag noch in der Arbeit.

Seine Frau hatte Verständnis für sein Pflichtgefühl gegenüber den Zahlen und der Arbeit, Herr Stumpf seinerseits hatte Verständnis dafür, dass seine Frau sich von ihm scheiden ließ.

Nach und nach ging es Herrn Stumpf schlechter, obwohl er eigentlich viel effektiver als bisher arbeitete. Mit den Zahlen funktionierte es besser als zuvor, aber irgendwie hatte er immer dieses ungute Gefühl in seinem Körper. Eines nachts starb er an einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall oder vielleicht auch an einer anderen schlimmen Krankheit.

Als er am nächsten Tag aufwachte, wollte er wegen dem ungewohnten Körpergefühl eigentlich sogleich den Arzt aufsuchen, sein Pflichtgefühl gegenüber der Firma und der Arbeit und den Zahlen jedoch verbat es ihm. So war er pünktlich um 8 Uhr wieder an seinem Schreibtisch und erfüllte pflichtgemäß seine Pflicht. Und so ging es Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat. Irgendwann war ein Jahr um und endlich fand Herr Stumpf den Mut, zu seinem Vorgesetzten zu gehen und ihn darüber in Kenntnis zu setzen, dass er doch jetzt unbedingt einmal zum Arzt gehen müsse. Der Vorgesetzte schaute ihn mürrisch an und knurrte, dass dies nun aber überhaupt nicht passe und ob das denn wirklich nötig sei, man habe gerade schließlich Termindruck. Nein, Herr Stumpf verneinte, man könne es auch noch verschieben, so wichtig sei es nun eigentlich auch nicht. Und in dieser Art gingen nun noch ein bis zwei Jahre ins Land, bis der Vorgesetzte Herrn Stumpf schließlich erlaubte, einen Arzt aufzusuchen.

Der Arzt stellte sogleich den Tod von Herrn Stumpf fest, der bereits vor einigen Jahren eingesetzt haben musste, was man auch daran sah, dass der Körper über die Maßen bereits verfallen war.

Das Leben des Herrn Stumpf änderte sich nun. Er nahm zwar nach wie vor seine Zahlen mit nach Hause, platzierte sie, wenn er zu müde wurde, fein sortiert unter seinem Kopfkissen, aber irgendwie war es nicht mehr wie früher. Ihm fehlte irgendwie die Lust am Leben und seine gewohnte Vitalität und er machte sich auch Sorgen, ob er, wo er ja eigentlich nun tot war, seiner Arbeit auch künftig in gleicher Weise weiterhin gewissenhaft nachgehen könne.

In dieser Sache sprach er wieder bei seinem Vorgesetzten vor, der das Thema zwei Etagen weiter nach oben gab. Von dort erhielt Herr Stumpf dann nach zwei Wochen die Mitteilung, dass ein Toter zwar prinzipiell und gerne weiterhin in der Firma arbeiten könne, dass er aber das Gehalt der letzten 3 Jahre zurückzahlen müsse, weil der Arbeitsvertrag zwischen ihm und der Firma nur aufgrund der Tatsache geschlossen worden sei, dass Herr Stumpf am Leben sei. Zudem sei die Firma auch nicht mehr bereit, weiterhin seine Krankenversicherung zu zahlen, weil er die ja nun offensichtlich nicht mehr brauche. Auch die Rentenversicherung sei obsolet.

Herrn Stumpf belastete die angemahnte Rückzahlung seines Gehalts, wenngleich er das Geld eigentlich auf der Bank hatte, denn er gab ja nichts aus. Wo sollte er auch. Daher zahlte er zügig den fälschlich erhaltenen Lohn der letzten drei Jahre zurück, im Ausgleich dafür, dass er weiterhin bei der Firma arbeiten könne.

Doch ein weiteres Problem macht ihm Sorgen, denn der Arzt, den er ein weiteres Mal aufsuchte, nachdem er sich für den Arztbesuch erneut von seinem Vorgesetzten die Erlaubnis geholt hatte, wollte ihm keinen Totenschein ausstellen. Dies jedoch war problematisch, da er so für die deutschen Behörden nicht als Toter galt, weil es ja keinen Totenschein gab. Daher konnte er sich auch nicht um seine Beerdigung kümmern, was ihm ebenfalls Sorgen bereitete. Und das ist der Grund, warum er nun weiterhin immer noch in dieser Firma arbeitet, irgendwo im Bayern lebt, wenn man das Leben nennen kann, und aufgrund der behördlichen Vorgaben möglicherweise auch immer dort leben wird und muss.

Das ist die Geschichte des pflichtbewussten Herrn Emil Stumpf, dem es nach wie vor sehr unangenehm ist, den Behörden und seiner Firma solche Unannehmlichkeiten zu machen.

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