Wenn Walter stirbt

Genaugenommen stirbt Walter schon seit vielen Tagen. Und von Tag zu Tag könnte es der letzte Tag oder auch die letzte Nacht sein.

Walter heißt nicht wirklich weiter und der Kurt, den ich gleich erwähnen werde, heißt nicht Kurt. Die Namen wurden geändert, damit die Menschen anonym bleiben können.

Seit ein paar Tagen bin ich zu Besuch in Berlin bei einem Freund aus Kindheitstagen. Dort kommt auch immer mal wieder Kurt vorbei, abends, morgens.

Kurt ist etwas über 60 und Walter ist es auch. Kurt geht es gut, Walter keineswegs. Walter kam etwa vor zwei Wochen aus dem Krankenhaus, konnte aber praktisch nicht mehr gehen. Ein Wunder, wie er es überhaupt nach Hause in seine Wohnung geschafft hat. Er hat Krebs und noch irgendwelche anderen Krankheiten. Von Walter ist nicht mehr viel übrig, er ist völlig ausgemergelt und dünn wie ein Blatt Papier. Morgens und abends kommt ein Pflegedienst vorbei und schaut nach ihm. Ansonsten ist da nicht viel. Seit einigen Tagen kann Walter nicht einmal mehr auf den Toilettenstuhl selbst gehen. Er liegt eigentlich nur im Bett und isst nichts und trinkt nichts.

Der mobile Pflegedienst trichterte ihm vor kurzem eine spezielle Astronautennahrung ein, damit weiter am Leben bleibt. Walter trank, Walter lebt. Zumindest heute noch.

Und dann ist da noch Kurt. Kurt ist Walter freundschaftlich sehr eng verbunden. Beide sind alleinstehend, aber beide haben ihre Freundschaft, eine Freundschaft, die sie schon seit vielen Jahren verbindet. Was besonders ist, ist, dass Walter eigentlich nicht alleine sein muss. Kurt ist fast den ganzen Tag bei ihm. Auch, wenn Walter nicht mehr allzu viel sagen kann. Manchmal ist es schwer verständlich, was er sagt, sofern der überhaupt noch was sagt.

Wenn Kurt abends bei uns vorbeischaut, ist er ungewohnt entspannter Laune. Zumindest wirkt es vordergründig so. Er macht Witze über das, was er erlebt hat, Satire. Der Walter, sagt er, hatte heute morgen Stuhlgang, alles war voll. Naja, dann habe ich mir Handschuhe angezogen, alles weg gemacht, erzählt er. So eine Schweinerei. Also ehrlich, in seinem Bett möchte ich nicht schlafen, lacht Kurt.

Das wirkt zuerst einmal befremdlich. Aber Kurt hat eigentlich nur zwei Möglichkeiten. Er kann verzweifeln an dem Todeskampf seines Freundes, oder er kann dem Tod ins Gesicht lachen. Er kann Satire gegen das Drama des Todes setzen. Und das ist der Weg, mit dem er mit der Sache umgeht.

Heute Nacht wurden in Berlin einige Autos angezündet, 9 der Autos befanden sich gar nicht so weit entfernt von Walters Wohnung. Kurt machte sich vorhin wieder auf, um nach Walter zu sehen. Er wird wohl den ganzen Tag dort sein, bis spät in die Nacht. Und Kurt witzelte. Vielleicht war das Walter? Vielleicht führt er ein Doppelleben? Er hätte ja ein super Alibi. Würde doch keiner drauf kommen, wenn er das mit den Autos gewesen wäre, scherzt er. Dann zieht er los, der Kurt. Damit Walter in seinem Todeskampf nicht alleine ist. Im Gepäck hat er die Satire mit dabei. Auch heute wieder wird Walter im Bett liegen, Kurt bei ihm sitzen und die Satire im Raum stehen. Kurt wird vielleicht ein Bier trinken, weil er und Walter früher öfters ein Bier getrunken haben. Weil es Normalität in die Unnormalität hinein bringt. Denn was würde es bringen, wenn Kurt nur betreten neben ihm sitzen würde? Was würde es Walter bringen? Und wie könnte man die Situation ertragen?

Vielleicht macht Kurt instinktiv etwas, was beispielsweise auch im Christentum verankert ist, er lacht dem Tod ins Gesicht. Weil der Tod nicht das letzte Wort haben wird.

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