Weshalb Gott die Schöpfung erschuf. Eine These.

Bei uns zu Menschen hakt es mit unserem Verständnis ziemlich schnell. Sobald es um Themen wie Unendlichkeit geht oder darum, sich vorzustellen, es gäbe die Zeit oder den Raum nicht, schauen wir doch ziemlich trüb aus der Wäsche.

Von daher haben wir natürlich extreme Probleme, uns vorzustellen, wie Gott denn sein könnte. Und das dürfte wohl auch für immer so bleiben, zumindest solange wir als Menschen auf dieser Welt lieben.

Um es aber mal mit den Gedanken von Karl Barth auf den Punkt zu bringen, sind wir einerseits Menschen, als welche wir von Gott nicht qualifizierte reden können. Andererseits sind wir Menschen und sollen als Geschöpfe Gottes natürlich trotzdem von ihm sprechen.

Drum tun wir das hier jetzt einmal.

Wie kann es, zumindest nach menschlicher Vorstellung, sein, dass ein unendlich vollkommenes Wesen wie Gott, der Urgrund allen Seins und aller Existenz, überhaupt etwas anderes außer sich selbst erschafft?

Die Antwort könnte sein, dass Gott, um es menschlich zu sagen, einfach keine Lust hat oder es ihm oder ihr zu langweilig ist, in alle Unendlichkeit alleine nur mit sich selbst zu existieren. Wobei langweilig hier nicht negativ gemeint ist. Man könnte vielleicht anders sagen, dass es Gott zu unkreativ wäre, für alle Ewigkeiten nicht kreativ zu sein und nichts zu erschaffen. Deswegen, so ein jüdischer und auch christlicher Gedanke, erschuf er unter anderem den Menschen zu seinem Ebenbild, zu einem Lebewesen also, das selbstreflektiert leben und eigenständig eigene Entscheidungen treffen kann. Gott erschuf also etwas, das nicht er selber ist. Er erschuf etwas, das ihn überraschen kann, das ganz anders handeln kann, als er es tun würde. Etwas, das eben auch kreativ sein kann, weil es relativ unabhängig ist von Gott. So unabhängig von Gott, dass es Gott nur intuitiv spüren, nicht aber mit seinen Sinnen wahrnehmen kann.

Und hier wären wir auch bei dem Punkt, mit dem man die Theodizeefrage angehen könnte, die Frage nach dem Leid auf der Welt. Warum greift Gott nicht ein, gerade dann nicht, wenn es viel Leid auf der Welt gibt?

Zum einen ist es so, dass Gott möglicherweise durchaus manchmal eingreift, nur dass wir Menschen es einfach nicht mitbekommen.

Und zum anderen greift er oftmals vielleicht nicht ein, weil dann diese Schöpfung, diese Menschen nicht mehr frei in ihrem Handeln wären, sie hätten ihre kreative Gestaltungsmacht verloren. Gott wäre zudem vielleicht mit sich wieder allein, wenn er der Schöpfung durch sein Eingreifen ihre Eigenständigkeit nehmen würde. Wenn er immer dann eingreifen würde, wenn ihm etwas nicht passte, dann bräuchte er kein eigenständiges Gegenüber, oder genauer gesagt, dann hätte er nämlich kein eigenständiges Gegenüber.

Das könnte der Grund sein, weshalb wir Menschen relativ eigenständig denken und handeln können und dürfen und sollen und auch Entscheidungen treffen können, die vielleicht manchmal leider verheerende Folgen haben.

Martin Luther in seiner Rechtfertigungslehre hatte immerhin zu diesem Punkt eine Antwort. Wir Menschen sind von Gott angenommen, weil Gott es so will. Wenn wir daran glauben können, dass er uns gnädig gesonnen ist, dürfen wir auch darauf hoffen und wahrscheinlich davon ausgehen, dass er uns selbst schlimmste Fehler verzeihen wird. Und dass wir niemals aus Gott herausfallen können, zumindest wenn wir seine Gnade und Vergebung annehmen wollen.

Das ist doch immerhin schon etwas. Das ist nämlich eine ganze Menge. Wir dürfen selbstständig tun, was wir für richtig halten, und handeln, wie wir es für richtig halten. Und wir dürfen darauf hoffen, dass wir niemals tiefer fallen können, als in die Hände Gottes. Im Umkehrschluss, so Martin Luther, verändert uns der Glaube an Gott allerdings in der Art und Weise, dass wir nicht mehr verantwortungslos handeln wollen, sondern versuchen, in einem guten ethischen Sinn, orientiert an Gottes Geboten, zu agieren.