Erik Flügge zum Thema „Vulven malen“ auf dem Kirchentag

In der Wochenzeitung „Die Zeit“, momentan nur für Abonnenten sichtbar, nimmt Herr Flügge subjektiv Stellung zu dem Workshop „Vulven malen“, der auf dem evangelischen Kirchentag stattfand, und zu den Reaktionen darauf.

Es habe offenbar recht heftige Reaktionen auf einen Twittereintrag von Herr Flügges Co-Kolumnistin, der Pfarrerin Hanna Jacobs, gegeben.

Rechtskonservative und hysterische, vorwiegend männliche Christen hätten Frau Jakobs erst über Twitter auf besagten Workshop auf dem Kirchentag aufmerksam gemacht. Sie sei dann hingegangen und habe viel über das weibliche Geschlechtsorgan erfahren, was im Biologieunterricht in seiner physischen Funktion zu wenig beleuchtet worden sei. Als Ergebnis gab es das gemalte Bild einer Vulva, welches Hannah Jacobs twitterte. Darauf reagierten offenbar viele Menschen, vorwiegend vermutlich Männer, teilweise hämisch, teilweise aggressiv, insgesamt aber sehr unerfreulich.

Soweit, so unerfreulich. Gerade unter Christen sollte man tatsächlich zurecht einen anständigen Umgang miteinander erwarten können.

Ab hier wird es nun aber hypothetisch. Der Grund für die Häme auf den Tweet von Frau Jakobs sei die Vermengung der Begriffe Kirchentag, Vulva und Pastorin gewesen. Darin hätten viele einen Skandal gesehen. Die Freiheit von Frauen mache Männern offenbar Angst, so wird gemutmaßt, wenngleich doch Senioren vor Ort in der Kirche Pfarrerinnen daraufhin ansprächen, wann sie den Kinder bekämen. Allerdings ist unklar, wie das Malen einer Vulva Männer aus dem Konzept bringen oder ängstlich machen sollte. Vielleicht geht es nämlich um etwas anderes.

Der subjektive Meinungsartikel endet mit dem Fazit, dass Gott den Menschen ja nackt und mit seinen Geschlechtsteilen erschaffen habe und dass die Christen, die offenbar prüde seien, besonders eben die Männer, die evangelischen, das nächste Mal doch bitte das Licht beim Geschlechtsverkehr anlassen sollten. Das Christentum müsse nämlich endlich lernen, sein Verhältnis zum Thema Sexualität zu entkrampfen, damit nicht gleich der nächste Skandal anstehe.

In einigen Punkten muss man Herrn Flügge und wohl auch Frau Jakobs Recht geben, dass nämlich offenbar das Thema starke Reaktionen hervorrief. Kirchentag und ein Geschlechtsteil passt für viele Menschen tatsächlich nicht allzu gut zusammen. Und nein, es ist nicht okay, wenn vielleicht evangelische Christen, vorwiegend scheinbar Männer, auf Twitter dann Pamphlete gegen das Thema loslassen.

Aber eine Frage müsste doch erlaubt sein. Wie lässt sich denn dieser Workshop auf dem Kirchentag begründen? Theologisch, biblisch, kirchlich?

Ich hörte dazu Verschiedenes. Gott habe den Menschen ja als Mann und Frau geschaffen. Dies und weitere Varianten von diesem Gedanken.

Nun könnte man aber nachfragen, weshalb dann auf die Geschlechtsteile neuerdings so verstärkt Wert gelegt wird. Denn in der Bibel wird in der Regel der ganze Mensch gesehen. Frauen folgen Jesus nach, Frauen sind es, die zuerst Zeuginnen seiner Auferstehung werden. Frauen, also Menschen. Nicht Geschlechtsteile, die da durch die Gegend laufen, sondern Menschen.

Der Workshop habe zudem, so vermuteten einige, vielleicht eine seelsorgerische Komponente.

Heute geriet ich in einen kurzen Twitter-Diskurs mit Herrn Flügge, weil das Thema mir zufällig durch meine Timeline flatterte. Ich fragte, warum es denn so einen reißerischen Titel brauchte für besagten Workshop („Vulven malen“). Die Antwort war: sonst käme doch niemand.

Und spätestens hier müsste man einmal ansetzen und fragen, ob diese Art von Populismus, die sich in dem Titel widerspiegelt, denn für einen Kirchentag angemessen sein sollte. Populistische und platte Thesen von angeblich evangelisch christlichen, prüden Männern, die mit den Freiheiten der Frau offenbar nicht umzugehen wüssten, lehnt man zurecht ab, aber solch einen Titel akzeptiert man stillschweigend im Sinne der vermuteten Selbstbefreiung der Frau? Hätte man den Titel nicht besser in der Art benannt: „geschlechtliche Selbsterfahrung für Frauen“, „sexuelle Traumabewältigung für Frauen“, „malerische Entdeckung der weiblichen Geschlechtlichkeit“ oder in ähnlicher Weise?

Man muss sagen, der Skandal war, vielleicht fahrlässig, vielleicht aber auch bewusst, bereits in der Namensgebung angelegt. Und wenn dann eine reißerische Namensgebung reißerische Thesen und Reaktionen nach sich zieht, braucht man sich eigentlich nicht zu wundern. Das ist nämlich auch ein wenig intellektuell prüde und naiv.