Der Attentäter von Christchurch fühlt sich unschuldig. Wie kann das sein?

Am 15. März hatte ein rechtsradikal radikalisierter Attentäter im neuseeländischen Christchurch bei einem Amoklauf in einer Moschee über 50 Menschen getötet.

Als er nun, während er in einem Hochsicherheitsgefängnis sitzt, per Video ins Gerichtsgebäude geschaltet wurde, behauptete er doch glatt, er sei unschuldig.

Wie kann das sein?

Nun bin ich kein Psychologe, aber ich vermute, dass es ähnlich sein dürfte, wie bei dem Attentäter Anders Breivik, der ebenfalls unzählige Jugendliche in einem Amoklauf ermordet hatte und glaubte, er liege richtig. Und um einen Hitlervergleich anzuführen, wobei solche Vergleiche natürlich immer hinken, könnte man auch vermuten, dass ein Adolf Hitler ebenfalls geglaubt haben dürfte, er liege richtig, obwohl er unendliches Leid über Millionen von Menschen brachte, den zweiten Weltkrieg mit 60 bis 70 Millionen Toten verursachte, rassistisch agierte und Minderheiten ermorden ließ, nicht zuletzt mindestens sechs Millionen Juden.

Wie kann es also sein, dass solche Leute glauben, sie würden richtig liegen, obwohl ihre Schuld doch zum Himmel schreit?

Vermutlich ist ein Schlüssel für ein annäherndes Verständnis zwar nicht der Untat an sich, doch aber der Denkweise, die Bezeichnung, die in den Medien verwendet wird: radikalisierter Täter.

Es handelt sich bei diesen Menschen also um Leute, die immer radikaler wurden in ihren Gedanken.

Und wenn die Gedanken radikal sind, welche Gedanken hätte solch ein Mensch dann noch übrig, um die radikalen Gedanken aufzuhalten? Wenn im Kopf nur noch radikale Gedanken herumkreisen, gibt es ja nichts, was sich melden würde und sagen würde: Halt, Junge, hier liegst du völlig falsch!

Was ist aber Unrecht?

Aus christlicher Sicht ist Unrecht das, was die Würde eines Menschen beschädigt, weil in jedem Menschen ein Ebenbild Gottes steckt. Wenn man einem Menschen also seine Freiheit einschränkt, kann dies bereits als Verletzung der Würde angesehen werden. Wenn man einem oder mehreren Menschen das Leben nimmt, ist es so, als würde man Gott persönlich töten.

Das Böse ist also die Missachtung der Rechte anderer. Die Missachtung derjenigen Rechte also, die solche Leute, die oben beschrieben wurden, für sich selbst jedoch wie selbstverständlich ansehen, anderen jedoch nicht zugestehen wollen.

Nun dürften sich diese drei oben genannten Personen ebenso radikalisiert haben, dass sie eine solch vermeintlich simple Wahrheit nicht mehr erkennen konnten.

Damit wurden sie zum Werkzeug des Bösen. Wobei hierbei die Frage ist, ob es das Böse als Entität überhaupt gibt, oder ob es nicht schon reicht, dass ein Mensch, der in einem gewissen Umfang, christlich gedacht zumindest, einen freien Willen besitzt, der Sünde anheim fällt, sich also von der Sünde beherrschen lässt. Die Sünde aber ist ursprünglich der Tatbestand, dass der Mensch seine Beziehung zu Gott nicht aufrechterhält. Hätte er diese Beziehung nämlich weiterhin, würde er automatisch auch mit den Geschöpfen Gottes verantwortlich umgehen. Ist der Mensch aber entkoppelt von Gott, besteht die Tendenz, dass er sich selbst zum Gott erhöht. Dies wird beispielhaft in der Erzählung vom Turmbau zu Babel illustriert. Der Mensch möchte dort nämlich Gott spielen. Und diese drei Herren, die oben genannt wurden, wollten wohl ebenfalls Gott spielen und selbst entscheiden können, wer leben darf und wer nicht. Wir dies aber tut, überschreit kolossal seine menschlichen Kompetenzen.

Das werden diese Herren oben zwar niemals einsehen können, es sei denn, sie würden eine langandauernde psychotherapeutische Behandlung akzeptieren und in Anspruch nehmen. Unter diesen Umständen vielleicht. Aber selbst dann wären sie verantwortlich für all das, was sie an Untaten vollbracht haben.

Die Äußerung des Christchurch-Attentäters erscheint dem Rest der Welt zurecht als Verweigerung der Realität.

Genauer gesagt befindet sich dieser Attentäter aber in seiner selbstgestrickten Realität, in der wohl alles, was er so denkt, für ihn selbst äußerst plausibel erscheint. Das Problem ist nur, dass er sich aus der echten Realität schon lange verabschiedet hatte. Das dürfte wohl der Grund für eine derartig drastische Aussage sein, die er da vor Gericht getätigt hatte.

Das macht die Tat und die Aussage nicht weniger schlimm, aber wenn man zumindest gedanklich nachvollziehen kann, wie es dazu kam, kann man selbst vielleicht ein wenig besser mit der Monstrosität dieser Untat umgehen. Auch, wenn die Schuld dadurch natürlich keineswegs geringer wird.

Das Titelbild ist ein Beispielbild für eine Moschee.