Ich bin anders

Und auch Sie sind anders. Und alle Menschen, die Sie kennen, sind anders.

Es es gibt Gleichheit in Bezug auf große Übereinstimmung in Wesensmerkmalen vermutlich nur in der Theorie. In der Praxis dagegen nicht.

Wir können sagen, wir alle sind Menschen. Damit kleben wir uns das Etikett „Mensch“ virtuell auf. Das ist aber der kleinste gemeinsame Nenner. Denn in Wirklichkeit sind wir alle verschieden.

Wir unterscheiden uns beispielsweise durch folgende Merkmale. Groß oder klein, dick oder dünn, hellhäutig oder dunkelhäutig, blond oder schwarz oder braun oder rothaarig, intelligent oder dumm, bequem oder anstrengungsbereit, hinterlistig oder offenherzig, heimtückisch oder ehrlich, arm oder reich, schön oder hässlich, laut oder leise, langsam oder schnell, anhänglich oder autonom, gesellig oder einsam.

Diese Liste könnte man mit einigem Überlegen noch ziemlich lang fortsetzen. Sie bietet lauter Etiketten an, die wir auf uns draufkleben könnten. Und wenn man sich all diese Etiketten anschaut, sieht man, dass eine große Übereinstimmung nur im imaginären und theoretischen Raum existiert.

Dennoch gibt es Leute, oft sind es Rechtspopulisten oder sogar Rechtsextremisten, die einem einreden möchten, wir alle seien gleich, weil wir uns beispielsweise das Etikett „deutsch“ aufkleben. Jemand anders sei Ausländer. Er hat das Etikett „Ausländer“. Aber auch diese Unterscheidung ist rein willkürlich. Denn auch diejenigen, die sich das Etikett „deutsch“ aufkleben, unterscheiden sich voneinander in derart vielen Merkmalen, dass man sagen muss, man ist von lauter Fremden umgeben. Es wimmelt auf dieser Welt, sogar in der eigenen Familie, in dieser Hinsicht nur geradezu von Fremden.

Deswegen sind populistische Ansichten, die Menschen in die Wir-Gruppe und die Ihr-Gruppe aufteilen will, bei genauerem Hinsehen eigentlich zum Scheitern verurteilt, weil dieses vermeintliche Gruppengefühl meistens nur auf einem einzigen aufgeklebten Etikett beruht.

Schade, dass viele Menschen das im Alltag gar nicht so erkennen. Denn würden sie es erkennen, dass wir alle in so vielen Punkten unterschiedlich sind, würden sie sich vielleicht weniger vor der Fremdheit und der Unterschiedlichkeit von anderen Menschen fürchten. Stattdessen könnten sie die Fremdheit, die sie bereits an Menschen, die sie eigentlich sehr gut kennen, als Einladung zur Toleranz und zum gegenseitigen näheren Kennenlernen sehen.

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