Von Freiheit und Unfreiheit

Öfters fahre ich mit dem Fahrrad in die Arbeit. Dann komme ich an einer Bettlerin vorbei, die Sommer und Winter am Ausgang einer U-Bahn sitzt. So auch heute.

Vor einiger Zeit hatte ich einmal einen Artikel gelesen, der mich dazu motiviert hatte, ihr Geld zu geben. Das würde mich ja nicht arm machen, selbst, wenn ich jedem Bettler etwas geben würde, an dem ich vorbei gehe.

Andererseits komme ich so häufig an dieser Bettlerin vorbei, dass es mir schon wie Wegezoll vorkäme, wie etwas, das ich nicht freiwillig zahlen würde, sondern das dann zu einer Art unausgesprochenen Verpflichtung anwachsen würde, wann immer ich an ihr vorbei fahren würde. Ihre Blicke würden mich fragend ansehen, warum ich denn heute nichts einwerfe. Und so hörte ich wieder auf damit.

Vor einigen Jahren saß ich einmal beim Burger King beim Essen. Ich hatte mir ein Menü bestellt, vielleicht war es ein Whopper, Pommes und ein Getränk. Ein etwas zwielichtiger Typ, der vor dem Burger King herumlungerte, fragte irgendwann, ob er sich zu mir setzen könne, er habe nämlich Hunger. Ich dachte mir, warum eigentlich nicht, vielleicht ist er ja wirklich in Not. Er erzählte mir, er sei ein Flüchtling und schlafe in einem Park und zeigte mir auch ein Foto von irgendwem, vielleicht war es seine Frau oder seine Tochter. Ich gab ihm die Hälfte meines noch nicht angebissenen Whoppers.

Soweit so gut.

Er hatte aber noch mehr Hunger.

Ich gab ihm meine Pommes, ebenfalls noch nicht angetastet von mir. Die wollte er aber nicht. Er wollte stattdessen auch ein Menü haben. Das wollte ich dann wiederum nicht, weil es mir irgendwie undankbar erschien. Ich wusste ja nicht, wie es um ihn wirklich bestimmt war, zumal er von der Aufsicht dieses Burger Kings immer wieder verscheucht worden war. Ich wollte helfen, fühlte mich aber in den Würgegriff genommen, nun helfen zu müssen, und zwar in einem Maße, das ich überhaupt nicht freiwillig wollte. Vielleicht hätte ich es schon gewollt, aber er kam mir auch wenig vertrauenswürdig vor, dieser Mann. Und ein wenig unverschämt. Denn wenn man Hunger hat, so dachte ich mir, kann man ja auch Pommes Frites essen, die ich ja übrigens auch selbst gegessen hätte.

Und so befindet man sich in der Stadt mitten zwischen zwei Extremen. Zwischen Freiheit und Unfreiheit.

Wenn ich in meine Arbeit radle, fühle ich mich frei, weil ich diese Arbeit gerne mache. Klar, ich habe sehr viel investiert für eine Arbeit, die ich auch gerne mache und ich verdiene vielleicht auch weniger, als manche Größen in der Wirtschaft. Aber ich bin zufrieden. Die Dinge, die ich in der Arbeit machen muss, empfinde ich nicht als Unfreiheit, sondern als Pflicht, die eben getan werden muss. Ich mag meine Arbeit.

Ganz anders vermutlich die Bettlerin und der vermeintliche Flüchtling. Sie sind in eine Position geraten, in der sie offenbar nicht selbst entscheiden, wie sie leben möchten. Sie sind nur einen Blick weit entfernt, leben aber dennoch in einer ganz anderen Welt, obwohl wir uns in derselben Welt befinden. Die Bettlerin sitzt dort an ihrem Ort im Sommer und im Winter, weil sie es aus irgendeinem Grund heraus muss. Vielleicht braucht sie wirklich Geld, vielleicht wird sie von einer Organisation dazu genötigt, vielleicht von jemandem aus der Familie. Und ähnlich ist es vielleicht auch mit diesem vermeintlichen Flüchtling.

Wie soll man aber mit so etwas umgehen? Es ist sicher gut, wenn es private Initiativen gibt und Menschen, die nicht wegschauen. Aber trotzdem ist Deutschland auch ein Sozialstaat. Es gibt Stellen, an die man sich wenden kann, wenn man nicht mehr weiter weiß, es gibt Sozialhilfe und es gibt eine Arbeitsagentur.

Man kann also mit offenen Augen durch die Welt gehen, muss aber nicht das gesamte Leid der Welt auf sich nehmen, weil der Staat dies eigentlich tut.

Somit bleibt die Nächstenliebe eine Pflicht, an der man sich orientieren kann, aber es ist eine Pflicht, die man freiwillig erfüllt, wenn man es für angemessen hält. Es ist keine Pflicht, durch die man dann wieder völlig unfrei werden muss, zumindest in Deutschland nicht. Denn in Deutschland muss eigentlich niemand komplett durch das soziale Netz hindurch fallen.

Aber klar, ein Gespräch mit so jemandem, der Hilfe braucht, könnte ihm vielleicht helfen. Andererseits, dieser vermeintliche Flüchtling im Burger King konnte mit meiner Information, dass es bei einer gewissen Kirche, nicht allzu weit entfernt, kostenlos Speis und Trank gibt, nicht allzu viel anfangen.

Das gab mir dann doch zu denken.

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