„Wir schaffen das“. Wie Deutschland sich seit der Flüchtlingskrise 2015 verändert hat

Im Jahre 2015 kam fast eine Million Flüchtlinge nach Deutschland. Viele von ihnen wurden nicht so registriert, wie man das vielleicht gerne gemacht hätte, sondern kamen mehr oder weniger unkontrolliert ins Land. Es herrschte eine große Unordnung, aber auch eine große Zivilcourage und Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung.

Die Regierung Merkel stand vor einem großen Problem. Sollte man die Grenzen dicht halten? In diesem Fall hätte es sicherlich hässliche Bilder an den Grenzen gegeben, vielleicht hätte es Tote gegeben. Deutschland hatte bei der Griechenland-Rettung international kein sonderlich freundliches Bild abgegeben, weil es speziell aus Deutschland hieß, Griechenland brauche Reformen und es müsse eisern gespart werden, um das Land wieder wirtschaftlich fit zu machen. In griechischen Zeitungen kursierten Vergleiche zwischen Angela Merkel und Hitler, die natürlich völlig aus der Luft gegriffen und absurd waren, die aber das gesellschaftliche Klima doch belasteten.

In diesem Zusammenhang ging es darum, wie Deutschland sich nun bei einem Ansturm von Flüchtlingen verhalten würde. Angela Merkel, die aus einem christlichen evangelischen Pfarrhaus kommt, entschied sich dafür, den Menschen, die in Not waren zu helfen und die Grenzen zu öffnen.

Und für die Hilfe und Unterstützung entschieden sich ebenfalls unzählige freiwillige Helfer in vielen Städten Deutschlands. Sehr viele Flüchtlinge kamen jeden Tag an, sehr viele Flüchtlinge wurden von staatlichen Stellen und freiwilligen Helfern versorgt. Deutschland, das ehemalige Nazi-Deutschland mit seiner menschenverachtenden Diktatur unter Hitler, erfand sich zwar schon seit den letzten Jahrzehnten nach Kriegsende neu, nun aber exemplarisch noch einmal ganz besonders. Es zeigte ein menschenfreundliches und verantwortliches und gütiges Gesicht.

Leider blieb ist nicht dabei, denn ein wenig zeitversetzt zu der großzügigen Geste erstarkten die Rechtspopulisten immer mehr, die Partei AFD, die auch rechtsextreme Züge beinhaltet. Und es gab Menschen, vorwiegend im Niedriglohnsektor oder in prekären Verhältnissen, die die geflüchteten Menschen als potentielle Konkurrenten um Arbeitsplätze empfanden, sicher nicht ganz zu Unrecht.

Nach und nach Begriff man in Deutschland, dass man nicht in einem ideologisch freien Raum agieren kann, sondern dass in einer Demokratie die Mehrheitsverhältnisse sich natürlich auch ändern können. Fortan ging es darum, der zunehmenden rechtspopulistischen und rechtsextremen Gefahr etwas entgegenzusetzen. Es fand nach und nach ein Umdenken statt dahingehend, dass natürlich ein Land nicht unbegrenzt Flüchtlinge verkraften kann. Von der Fläche her vielleicht schon, von der Wirtschaftsleistung her vielleicht auch, nicht aber von den politischen Verhältnissen her.

Es kam dann noch das Silvester in Köln, bei dem es zu vielen sexuellen Übergriffen gegenüber Frauen kam, hauptsächlich von Männern mit Migrationshintergrund, auch, wenn diese teilweise durchaus einen deutschen Pass besaßen. Dennoch wurde das gesellschaftliche Klima immer schlechter.

Aus der Industrie hörte man ursprünglich vereinzelt Stimmen, dass man ja durchaus froh sein über Flüchtlinge, weil man teilweise händeringend Arbeitskräfte suche. Auch hier setzte dann allerdings eine gewisse realitätsnahe Ernüchterung ein, als man feststellte, dass natürlich nicht jeder Flüchtling ein hochqualifizierter Arzt, Techniker, Ingenieur oder Astrophysiker war. Sondern teilweise ganz im Gegenteil.

Man gestand sich allmählich ein, dass Integration wichtig und unerlässlich sei, dass dazu die deutsche Sprache erlernt werden müsse und dass Integration ein langer und mühsamer und auch kostenintensiver Prozess ist.

Um die Rechtspopulisten nicht allzu groß werden zu lassen, ergriff man Maßnahmen, wie beispielsweise das Flüchtlingsabkommen mit der Türkei, die über die letzten Jahre Jahre die Zuwanderung von Asylsuchenden massiv verminderten, so dass heutzutage nur noch wenige kommen. Und man ergriff Maßnahmen, indem man Menschen, die geflüchtet waren, aber keine Chance auf einen dauerhaften Aufenthaltstitel hatten, auch abschob. Teilweise sogar recht heftig, es gab beispielsweise die Geschichte von einer geflüchteten Frau, die im Kreißsaal gerade ihr Baby zur Welt brachte, während Polizisten ihren Mann zeitgleich abschieben wollten. Dies konnte dann zwar verhindert werden, aber an diesem Beispiel zeigt sich die neue Härte, die man eben vor allem an den Tag legte, um dem politischen Rechtsruck im Land etwas entgegenzusetzen.

Und so ist man heutzutage etwas realistischer, wenn man zurückblickt. Einerseits haben Menschen auch dem Grundgesetz nach Anspruch auf Asyl in Deutschland, wenn sie bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Diese Menschen sollen in die Gesellschaft integriert werden und werden, sofern man das hinbekommt, nach Möglichkeit nicht dauerhaft in Flüchtlingsheimen untergebracht, sondern dann, wenn geklärt ist, dass sie in Deutschland bleiben können, möglichst innerhalb der deutschen Gesellschaft angesiedelt. So soll Integration klappen.

Man weiß mittlerweile auch, dass viele Flüchtlinge eben noch einiges lernen und eine Ausbildung machen müssen, damit sie dem Land künftig auch wirtschaftlich eine Hilfe sind. Andererseits weiß man auch, dass Deutschland ein Land ist, das durchaus auf Zuwanderung angewiesen ist, denn irgendwer muss später die Renten für die Menschen im Land zahlen. Die Deutschen alleine schaffen das nicht, sie sind zahlenmäßig zu wenig. Zu viele Alte, zu wenige Junge.

Und so kann man heute einen etwas unaufgeregten Blick in die Vergangenheit und aufs Hier und Heute werfen und sagen, manches lief nicht nicht so optimal, mittlerweile hat man aber einen Stand erreicht, in dem das Land und auch die geflüchteten Menschen offenbar ganz gut miteinander zurecht kommen können.

Der Spruch von Angela Merkel, „wir schaffen das“, der im Grunde die deutsche Version von Obamas „yes, we can“ war, wurde gerade von den Rechtspopulisten immer wieder belächelt und auch zerrissen, ist heute aber doch eigentlich das, was die Gesellschaft ausmacht. Nämlich der Wille, Integration zu schaffen und sich nicht als Gesellschaft auseinanderdividieren zu lassen. Es ist zwar noch nicht ausgemacht, ob das alles wirklich klappt, aber mittlerweile ist Deutschland auf einem ganz guten Weg.

Ja, die schaffen das. Oder ja, die können das zumindest schaffen. Wenn nicht die reichen und eigentlich ganz gut gebildeten Deutschen, wer denn dann? Yes, they can.

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