Sterbehilfe. Und die Achtung vor dem Leben.

Am Bundesgerichtshof in Karlsruhe wird aktuell verhandelt, ob in Deutschland möglicherweise aktive Sterbehilfe auch rechtlich zulässig sein sollte oder könnte.

Dies hieße, dass beispielsweise ein Arzt einem Menschen ein Medikament verabreichen könnte, das tödlich ist. Wenn er das wünscht. Bislang ist aktive Sterbehilfe in Deutschland verboten.

In einigen Nachbarländern, beispielsweise der Schweiz, gibt es sie aber.

Ich erinnere mich an eine Fernsehdokumentation, in der eine ältere Frau große Angst vor einer möglicherweise irgendwann einsetzenden Krankheit im Alter hatte. Zum Zeitpunkt des Berichts ging es ihr gesundheitlich gut. Sie setzte ihren Sohn in Kenntnis, dass sie in der Schweiz bei einer Sterbehilfeorganisationen zu einem bestimmten Zeitpunkt den Tod finden wolle. Für den Sohn war das natürlich ein Drama, letztlich entschied er sich aber dafür, ihr beizustehen, weil es ihm lieber war, als irgendwann zu erfahren, dass die Mutter sich dort das Leben habe nehmen lassen, ohne, dass er davon Bescheid wüsste.

Eindrücklich habe ich noch im Gedächtnis, dass die Frau zu dem Zeitpunkt, als sie sich aktiv in der Schweiz töten ließ, immer noch bei guter Gesundheit war. Das Einzige, was sie dazu Antrieb, war ihre Angst.

Angst ist jedoch kein guter Berater. Und Ängste müssen auch niemals real werden. Ängste können subjektiv real erscheinen, objektiv müssen sie aber niemals Realität werden.

Ich erinnere mich an verschiedene Texte in dem evangelischen Religionsbuch der elften Klasse mit dem Titel „kompetent evangelisch“.

Dort werden auch Texte von Hans Küng vorgestellt, welcher die Meinung vertritt, es müsse das Recht auf menschenwürdiges Sterben geben. Es könne doch nicht sein, dass der Mensch, geschaffen zum Ebenbild Gottes, mit großen Schmerzen lange leiden müsse, ohne selbst sein Leben beenden zu können und zu dürfen.

Allerdings, so meine Ansicht, kann Hans Küng sich hier nicht auf christliche Vorbilder stützen, zumindest nicht auf das zentrale Vorbild, Jesus. Denn Jesus hatte spätestens noch im Garten Gethsemane die Möglichkeit, der Gefangennahme durch die Römer zu entkommen. Er nahm diese Möglichkeit aber nicht wahr. Er wählte den Weg, der ihm einen langsamen und grausamen Tod einbrachte.

Und da nach christlicher Vorstellung das Leben Jesu nur richtig verstanden werden kann, wenn man es so sieht, dass sich das Göttliche in diesem Leben zeigt, ist es also auch Gott, der diesen Weg bis ins tiefste Leid geht und sich nicht klammheimlich am Kreuz davon macht, als es ungemütlich wird. Gott stirbt gewissermaßen gottverlassen am Kreuz.

Christlich bietet sich hier also keine sonderlich große theoretische Unterstützung für Hans Küngs Argumentation.

In demselben Religionsbuch werden natürlich auch Argumente gegen die Sterbehilfe vorgebracht.

Zum einen ist es so, dass Menschen sich stark unter Druck gesetzt fühlen können, wenn Sterbehilfe gesellschaftlich etabliert ist. Ältere Menschen können so leicht und mitunter sogar zu Recht auf die Idee kommen, dass sie ihren Angehörigen nicht weiter zur Last fallen wollen oder sollen und dann glauben, lieber sterben zu wollen.

Es ist jedoch so, dass Menschen in der Regel nicht sterben wollen.

Es gibt Menschen, die starke Schmerzen haben und sagen, sie möchten sterben. Nimmt man ihnen die Schmerzen, möchten sie nicht mehr sterben. Und es gibt Menschen, die sich sehr allein fühlen und sterben möchten. Schafft man es, sie in Gesellschaft zu integrieren und ihren Lebenswillen wieder mit Sinn zu füllen, möchten sie nicht mehr sterben.

Was sie wollen, ist schmerzfrei zu sein und geliebt zu sein.

Diese Argumente sprechen dafür, dass eine Sterbebegleitung sinnvoll ist. Dass aber eine aktive Sterbehilfe, noch dazu eine kommerzielle wie beispielsweise in der Schweiz, desaströse gesellschaftliche Folgen nach sich ziehen kann.

Beihilfe im Sterben meint, dass die palliative Betreuung immer besser ausgebaut wird, sodass Menschen, bei denen der Sterbeprozess bevorsteht, nach allen menschenmöglichen Kräften schmerzfrei sind und sich geborgen fühlen. Dann braucht man auch keine Diskussion mehr über aktive Sterbehilfe.

Und noch etwas. In Deutschland ist der assistierte Suizid in der Regel rechtlich toleriert, wenn er von einem nahen Angehörigen assistiert wird und dieser keine finanziellen Interessen bedient. Wenn also ein naher Angehöriger jemandem, der unbedingt sterben möchte, beispielsweise ein tödliches Medikament verschafft, dies aber nicht aktiv spritzt oder nicht aktiv zuführt, geht er in der Regel straffrei aus.

Wozu möchte man aber erreichen, dass kommerzielle aktive Sterbehilfe zulässig wird? Was soll der Sinn sein?

Es gibt bei allen Menschen offenbar eine gewisse Ehrfurcht vor dem Sterben. Denn das Sterben ist die Kapitulation alles Menschlichen. Sterben hat nichts Menschliches. Sterben ist nämlich genau das Gegenteil von menschlichem Leben. Sterben wird auch nicht besser, wenn ein Arzt beispielsweise ein tödliches Medikament verabreichen würde. Denn dies verkleidet nur das Grauen des Sterbens. Wenn ein Arzt einem ein Medikament verabreicht, könne es ja nicht so schlimm sein, glauben vielleicht manche. Es ist aber schlimm. Es ist dramatisch. Es ist nämlich Sterben.

Jemand, der unbedingt sterben wollte und sämtliche Optionen zum Weiterleben ausgeschlagen hätte, könnte dies ja auch ohne weiteres selbst bewerkstelligen. Er bräuchte in den meisten Fällen keine aktive Sterbehilfe. Ein scharfes Messer, ein paar aufgeschnittene Adern, das Blut strömt aus, der Sterbeprozess setz schnell ein und der Mensch, wenn ich das richtig mitbekommen habe, schläft ein.

Aber es wäre eine riesige Sauerei. Überall Blut und für die Angehörigen der blanke Horror. Und nicht nur für sie, sondern auch für denjenigen, der da glaubt, sterben zu wollen. Und das ist wohl der Punkt, weshalb Menschen, die vermeintlich sterben wollen, lieber ein Medikament schlucken, das sie dann in den Tod befördert. Denn das wirkt irgendwie klinisch rein und wie eine scheinbar saubere Lösung. Müssten sie sich dagegen selbst ihre Adern aufschneiden, würde ihnen das ganze Drama des Todes bewusst werden. Und ja, die meisten würden dann wohl zurecht davor zurückschrecken. Denn sterben möchte eigentlich niemand. Praktisch jeder möchte leben, schmerzfrei leben und integriert in die Gemeinschaft sein.

Deswegen braucht es keine aktive Sterbehilfe in Deutschland. Was es braucht, ist eine gute Palliativmedizin.

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