Von Freund und Feind

Seien Sie mal ehrlich, an wen denken Sie mehr? An Ihre Freunde oder an Ihre Feinde?

Ich habe zwar nun keine repräsentativen Daten von irgendwelchen Studien zugrundeliegen, vermute aber, dass eine Menge Menschen sehr viel Zeit damit verbringt, an ihre Feinde oder sogenannten Feinde zu denken.

Nun ist ein Feind etwas, das erst mal definiert werden muss.

Im sogenannten kalten Krieg galten beispielsweise die Russen als die Feinde. Und sie waren wohl in der Tat eine ziemliche Bedrohung. Das Denken in Deutschland und auch anderen europäischen Staaten kreiste dauernd um dieses Thema. In Deutschland heulten um 12 Uhr jeden Freitag die Sirenen, um den Ernstfall eines russischen Einmarsches zu trainieren.

Feinde, das können aber auch Leute sein, die einen irgendwie beleidigt haben. Oder umgekehrt, Leute, von denen man sich beleidigt fühlt. Denn ob einen jemand beleidigt, das entscheidet man immer noch selbst, optimalerweise zumindest.

Wurde man von einem Menschen gekränkt oder beleidigt, sieht man ihn schnell als Feind. Und fortan kreist das Gedankenkarussell um das Verhalten dieses Menschen. Hin und her und hin und her.

Damit hat der sogenannte Feind eine große Macht über einen gewonnen. Ganz unabhängig davon, ob er das überhaupt beabsichtigt hatte.

Ein christlicher Gedanke ist es, seinen Feinden zu vergeben. Das wirkt zunächst einmal absurd für viele Menschen. Warum sollte man demjenigen vergeben, der einen so gekränkt hat oder von dem man sich so gekränkt fühlt?

Ein christlicher Gedanke ist auch, seinen Nächsten, also seinen Mitmenschen, zu lieben, wie sich selbst. Nächstenliebe und Selbstannahme. Und dieses Gebot wird dann eben noch durch die Feindesliebe ins schier Unermessliche erweitert. Man soll sogar die eigenen Feinde lieben.

Der Gedanke ist bei zweitem Hinsehen ziemlich klug. Man kann zwar nicht jedem Menschen vergeben, manchmal bleibt es tatsächlich nur bei einer Absichtserklärung. Manche Dinge waren so schlimm, dass man sie einfach nicht vergessen kann.

Aber ist man im Bereich von Kränkungen und Beleidigungen, also rein gedanklichen Vorfällen, sollte es leichter fallen, zu vergeben. Und wie wir eben gelesen haben, soll man sich ja selbst auch annehmen.

Sich selbst annehmen heißt, mit sich selbst gut umzugehen. Wenn man nun in Gedanken aber immer um einen vermeintlichen Feind kreist, macht einen dies fertig. Es zieht einen in düstere Gedanken hinunter, aus denen man kaum noch aussteigen kann. Selbstannahme sieht anders aus. Denn Selbstannahme würde heißen, auf sich selbst zu achten und auch darauf, dass man tendenziell eher heitere Gedanken hat.

Wenn man es also schafft, zunächst vielleicht nur als Absichtserklärung, dann Schritt für Schritt aber immer stärker auch innerlich, seinem sogenannten Feind zu vergeben, geschieht etwas psychologisch gesehen Wunderbares. Man kann sich nämlich lösen von dem Gedanken an den vermeintlichen Feind. Man wird wieder frei.

Man wird frei in Gedanken und Gefühlen, weil man sich durch die Vergebung mit der vermeintlichen Beleidigung oder Verletzung nicht länger beschäftigen muss.

Seine Feinde lieben heißt somit auch gleichzeitig, sich selbst anzunehmen. Man selber gewinnt Freiheit zurück, die vorher in Ketten gelegt war, angekettet nämlich an die Gedanken von Feindschaft.

Feindesliebe bedeutet somit auch Selbstannahme und Selbstachtung.

Wer versucht, seine Feinde zu lieben, tut zwei Parteien etwas Gutes. Den vermeintlichen Feinden, die dann irgendwann keine Feinde mehr sind, und sich selbst.

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