Was ist peinlich? Und warum?

Stellen Sie sich vor: eine große und sehr feine Tischgesellschaft; es ist sehr leise, und plötzlich lässt einer einen lauten Furz fahren. Einen Furz!

Die Peinlichkeit schlechthin für manche Leute. Und nicht nur für die, die dabei sind, sondern vielleicht ist es auch Ihnen jetzt ein bisschen peinlich und Sie sind am Fremdschämen für mich, dass ich dieses Wort in den Mund genommen habe und es nicht geflissentlich umschrieben habe. Vielleicht ist es Ihnen auch ein wenig peinlich, für mich. Wie kann der nur?

Aber mal ehrlich, Sie haben also noch nie einen Furz gemacht? Und wie benennen Sie dieses Ereignis dann, wenn Sie es nicht Furz nennen?

Anderes Beispiel.

Nicht alles, was dem einen peinlich ist, ist für einen anderen auch peinlich.

Beispielsweise jemand steht im Supermarkt an der Kasse, hat sich einen Korb dafür vom Supermarkt geliehen, legt alles auf das Förderband an der Kasse, es wird abkassiert und danach überlegt sie oder er, ob er das denn machen könne, alles wieder in den Korb einsortieren. Denn alle anderen Leute tun das nicht. Alle anderen Leute sortieren die gekauften Waren gleich in eine Tüte oder in eine mitgebrachte Tragetasche ein. Wie werde das wirken, wenn sie oder er die gekauften Waren dann wieder in den Korb des Supermarkts einordnet? Werden nicht die anderen Leute oder die Kassiererin glauben, man wolle vielleicht den Korb stehlen? Werden sie verstehen, dass man mit dem Korb nur ein Stück weiter gehen möchte, wo man in Ruhe dann die Ware in eine Tragetasche umfüllt?

Noch ein Beispiel. Jemand ist mit einer kleineren Gesellschaft irgendwo in einem Restaurant beim Essen und möchte zahlen. Einer meint, komm, wir gehen vor zur Kasse und zahlen dort. Dem anderen ist das aber peinlich, weil es ja eigentlich die Regel ist, dass die Bedienung an den Tisch kommt und man dort zahlt. Es könnte doch sein, wenn man zur Kasse vorgehe, dass die Kellner glauben könnten, man wolle die Zeche prellen. Wie peinlich.

Vermutlich können Sie bei der ersten Begebenheiten noch die Peinlichkeit nachempfinden, bei den beiden folgenden Begebenheiten tendenziell eher nicht.

Wann ist aber eine Sache peinlich?

Sie ist vielen Menschen dann peinlich, wenn Sie glauben, gegen eine unausgesprochene oder vermutete Norm zu verstoßen. Wenn also die Mehrzahl der Menschen eine Sache oder Handlung im öffentlichen Raum nicht macht, wie man vermutet, man selber sie dann aber doch macht.

In dieser Hinsicht gibt es eine nette Begebenheit des früheren Bundeskanzlers Helmut Schmidt, der auch Mitherausgeber der Wochenzeitung „Die ZEIT“ war.

Er war vor einigen Jahren, als er noch lebte (na gut, das versteht sich von selbst, diesen Nebensatz hätte ich mir sparen können), zu einer Talkshow im Fernsehen eingeladen. Er setzte sich hin und wie es so eine seine Art war, zündete er sich eine dicke Zigarre mit viel Rauch an. Die junge Moderatorin flatterte um ihn herum und sagte, hey, was erlauben Sie sich, hier ist Rauchverbot!

Er lümmelte zur sich gemütlich in seinen Sessel, nahm einen tiefen Zug und fragte die junge Dame: und, was wollen Sie tun?

Diese Frage war entwaffnend. Denn was hätte sie tun sollen? Das Interview stand an. Hätte sie diesen Normverstoß ahnden sollen, indem sie auf das Interview, für das sie selber bestellt war, verzichtete? Sie hätte sich selbst sehr ins eigene Fleisch geschnitten und zudem wahrscheinlich von dem Sender noch massiv Ärger bekommen.

Diese Frage kann man sich merken uns im Geiste auch einmal stellen, wenn einem etwas peinlich ist: Und, was wollen Sie tun?

Es geht hier nicht darum, unhöflich und respektvoll und ein Flegel zu sein oder zu werden. Aber es geht darum, zu verstehen, dass manche Dinge einem einfach nicht peinlich sein brauchen, weil sie nur die Vorstellung davon sind, welche Vorstellung vielleicht andere Menschen von Normen haben könnten. Vielleicht. Vielleicht eben auch nicht. Vielleicht ist etwas für andere Menschen überhaupt nicht peinlich, sodass man sich selber auch überhaupt keinen Kopf machen muss.

Zum Titelbild: manch einem wäre eine pinke Haarfarbe vielleicht peinlich. Jemandem, der sich aber von der Vorstellung gelöst hat, den Erwartungen anderer Menschen entsprechen zu müssen, ist diese Haarfarbe sicherlich nicht peinlich. Warum auch.

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