Fridays for Schulschwänzer

Viele Schülerinnen und Schüler geben sich begeistert, wenn sie während der Unterrichtszeit an Freitagen zum Demonstrieren gehen. Dabei gibt es allerdings eine winzige Sache zu bedenken.

Streiks beispielsweise finden in einem Arbeitskampf tatsächlich innerhalb der Arbeitszeit statt. Demonstrationen gewöhnlich nicht.

Deswegen ist es unverständlich, warum die Demonstrationen fürs Klima fast immer während der Unterrichtszeit beginnen müssen und somit Klima gegen Bildung ausgespielt wird. Warum fangen diese Demonstrationen nicht freitags um 13:15 Uhr an, wenn praktisch alle Schüler Unterrichtsschluss haben?

Würde dann niemand mehr kommen? Dann wären auch die aktuellen Demonstrationen eine Farce, denn es würde sich dann bei den aktuellen Demonstrationen eigentlich nur um Schulschwänzer handeln.

Oder aber, was natürlich wünschenswert wäre, auch dann würden viele Schülerinnen und Schüler teilnehmen und sich fürs Klima so engagiert zeigen, wie bisher während der Unterrichtszeit, zu der sie eigentlich verpflichtet sind. Dann wäre das ein starkes Zeichen.

Nehmen wir mal an, freitags finden oftmals sozialpolitische und gesellschaftspolitische Fächer in der Schule statt, Geschichte, Sozialkunde oder auch Religion und Ethik. Nehmen wir weiter an, beispielsweise in Religion verschwinden immer wieder Schülerinnen und Schüler, weil sie sich ja so unglaublich für das Klima einsetzen wollen, anstatt gesellschaftspolitische Themen zu diskutieren. Nehmen wir mal an, beispielsweise die Bergpredigt und ihre Ethik ist Thema in einer Doppelstunde, in den nächsten Doppelstunden dann weitere ethische Konzepte. Diese Schülerinnen und Schüler, die dort fehlen, stehen kurz vorm Abitur und gehen danach in die Welt hinaus, in die Wirtschaft oder vielleicht sogar in die Politik. Dort werden sie sicherlich auch Entscheidungen fällen müssen, haben aber die ethischen Konzepte dazu nie kennengelernt, sondern treffen aus dem Bauch heraus dann irgendeine Entscheidung. Man braucht doch nicht zu glauben, dass die meisten Schüler sich hinsetzen und nachlesen, worum es in der Bergpredigt geht und was sie dort verpasst haben beispielsweise.

Wenn mal eine Stunde Mathe ausfällt oder Latein oder Englisch, so what. Bei den gesellschaftspolitischen Fächern ist es aber durchaus nicht ganz unproblematisch, es kann sogar dramatisch werden, je öfter das geschieht.

Drum ist es schwer verständlich, dass die Demonstrationen an den Freitagen immer wieder das Klima gegen die Bildung ausspielen. Es scheint vielmehr so, als würden die Schülerinnen und Schüler instrumentalisiert für die Zwecke der Demonstrationen, anstatt dass sie wirklich komplett aus Überzeugung daran teilnehmen. Denn wenn die Frage lautet: Unterricht oder Freibier für das Klima? Was wird wohl gewählt?

Eben.

Die Demonstrationen für den Klimaschutz sind äußerst sinnvoll. Dass sie in der Schulzeit beginnen ist aber fahrlässig bis opportunistisch von den Veranstaltern. Schülerinnen und Schüler, die unter diesen Bedingungen an den Demonstrationen teilnehmen, bilden vermutlich auch nicht die Realität ab. Erst dann, wenn sie wirklich in ihrer Freizeit daran teilnehmen würden, könnte man zu Recht sagen, ja, der Klimaschutz ist für sie ein Anliegen, für das sie auch auf die Straße gehen.

Die Schülerinnen und Schüler sind die hoffentlich verantwortlichen Bürger von morgen, die auch an demokratischen Wahlen teilnehmen dürfen. Es macht Sinn, ab und zu Zivilcourage zu zeigen. Wenn diese Zivilcourage aber in fast schon demagogischer Form instrumentalisiert wird von den Veranstaltern der Klimaschutz-Demos, dann fragt man sich, ob diese Schülerinnen und Schüler wirklich bereits so autonom denken können, wie man es sich wünschen würde. Denn wie gesagt, Freibier fürs Klima gegen Unterricht auszuspielen ist eigentlich nichts, wofür man wirklich Zivilcourage zeigen müsste. Man braucht hier eigentlich nur dem hedonistischen Lustprinzip zu folgen. Raus auf die Straße, Party machen und ein bisschen fürs Klima sein und Leute treffen. Das ist noch keine Zivilcourage. Zivilcourage ist, wenn man auf die Straße geht, und dadurch vielleicht sogar einen Nachteil hat, nämlich weniger Freizeit. Aber wer will das schon?

In der Schule mal einen Verweis zu kassieren, weil man an einer Demonstration teilnimmt, ist noch keine Zivilcourage, zumal es zu viele Schülerinnen und Schüler sind, als dass daraus wirklich ernsthafte Konsequenzen zu befürchten wären.

Zivilcourage wäre, in der Freizeit für etwas auf die Straße zu gehen, von dem man überzeugt ist, dass man dafür kämpfen sollte. Das tut weh in der eigenen Freizeit. Das wäre Zivilcourage. Und dann könnte man diese Demonstranten auch endlich wirklich ernst nehmen. Solange es aber heißt, schulfrei oder Freibier für den Klimaschutz ist das Ganze mehr oder weniger vielleicht zwar gut gemeint, aber eigentlich doch ein großes Fragezeichen. Denn wer sich selbst die Möglichkeit auf Bildung nimmt, hat eigentlich keine Zukunft. Zumindest keine rosige.

10 Comments

  1. Zu diesem Thema habe ich mich schon früher auf diesem Blog geäußert. Die Aufmerksamkeit in Öffentlichkeit und Medien ist nun einmal größer, wenn geschwänzt wird, egal ob man das gut findet oder nicht.
    Aber ich möchte noch etwas anderes anmerken zu diesem Artikel. Ich habe nämlich kein Abitur, kenne also die Bergpredigt nur auf Realschulniveau. Heißt das, ich habe mein Leben lang Entscheidungen ohne profunde Kenntnisse über ethische Konzepte gefällt??

    Noch eine Anmerkung: Auf diesem Blog, der mir im übrigen sehr gut gefällt, schreiben verschiedene Autoren. Ich würde es gut finden, wenn man bei den Beiträgen sehen könnte, wer schreibt.

  2. Ich glaube, das kannst nur du selbst beurteilen, auf was für einem Niveau du Entscheidungen triffst. Realschule oder Gymnasium sagt nicht unbedingt etwas darüber aus, wie gebildet man ist, glaube ich zumindest. Es sind einfach zunächst während der Schulzeit unterschiedliche Schwerpunktsetzungen, aber das heißt eigentlich nicht, dass der eine oder andere dann mehr Durchblick hätte im Laufe des Lebens. Die meisten Artikel schreibe ich selber, Marc. Zu den anderen Autoren verlinke ich in der Regel auf deren Blogs.

    ich glaube, da die fridays for future Demonstrationen nun schon so lange gehen, ist das Argument, dass man unerlaubt der Schule fernbleibe und dadurch nur die Medienaufmerksamkeit gewinne, auch nicht mehr so zündend. Denn dieser vermeintliche Tabubruch hat sich ja mittlerweile doch schon ein wenig abgenutzt.

  3. Hallo Marc, danke für deine Antwort. Ich finde auch, dass die Schulart nicht immer etwas über die Bildung aussagt und schon gar nicht, auf welcher Grundlage man Entscheidungen trifft. In deinem Beitrag klang es aber, als ob man nachgerade lebensunfähig würde, wenn man die Ethikstunden in der Abitursklasse verpasst hat (überspitzt formuliert). 😉
    Darüber bin ich gestolpert.
    Was die Demonstrationen betrifft: Ich finde das Schwänzen auch nicht gut, aber aus Marketingsicht ist es der Knaller. Oder habe ich allein auf diesem Blog schon über irgendwelche anderen Schülerdemonstrationen gelesen? Ich glaube nein. Auch sonst nirgends etwas, was mir in Erinnerung geblieben wäre. Greta schafft es, dass die Menschen diskutieren, und das rückt dann auch das eigentlich Thema in die Wahrnehmung: Die dringende Notwendigkeit, dass der Klimawandel aufgehalten werden muss. Die Jungen müssen ja noch eine Weile leben in dieser Welt.

  4. Hallo,
    nun möchte ich mal meine Meinung als Schülerin, also als Betroffene, äußern. Ich finde die Idee hinter fridays for future auch gut, aber ich teile die Kritik von Marc. Auch in meiner Klasse war es Thema, ob man da hingehen sollte oder nicht und es ist ganz klar durchgeschienen, dass die meisten nur hingehen würden, weil sie dann schulfrei haben. Die meisten sind also nicht politisch interessiert. Wie Marc fände ich es überzeugender, wenn die Demonstrationen außerhalb der Schule stattfänden. Denn Freizeit abgeben ist schwer und die meisten wollen sich lieber mit Freunden treffen, als demonstrieren zu gehen. Falls die Demonstrationen außerhalb der Schulzeit stattfinden würden, würde ich auch mit demonstrieren. Doch solange ich dafür Schule verpasse, kommt das für mich nicht in Frage. In der Schule lernen ich Dinge, die ich brauche, um ein Abitur zu machen und etwas zu studieren. Darauf arbeite ich schon lange hin. Wenn ich nun aber immer Unterricht verpasse (und ein Tag pro Woche ist verdammt viel), kann ich dieses Ziel nur schwer erreichen, denn den Stoff nachzuholen bekomme ich am Anfang noch gut hin, aber irgendwann wird es zu viel.
    Natürlich zieht es Aufmerksamkeit auf sich, wenn Jugendliche der Schule fernbleiben um zu protestieren, aber erstens schwächt das mit der Zeit ab und zweitens möchte ich lieber gute Noten haben und damit auch eine gute Zukunft, um später wirklich etwas zu verändern. Denn es tut mir furchtbar leid – aber die Leute da oben versprechen zwar ziemlich viel wegen dieser Demonstrationen, aber wann wurden schonmal alle Versprechen von denen gehalten?
    rahellyelli

  5. Hallo rahellyelli, so wie dir würde es mir sicher auch gehen. Ich versuche nicht, das Schulschwänzen zu verteidigen, das wäre ein Missverständnis. Ich sage nur, dass zum einen mehr Leute darauf aufmerksam werden, weil Schulschwänzen ein kontroverses Thema ist. Zum andern – du hast es ja selbst gesagt – nehmen mehr Schüler daran teil, wenn auch z.T. aus den falschen Gründen. Trotzdem machen sie mit und unterm Strich bleiben größere Demonstrationen, die regelmäßig in der Öffentlichkeit diskutiert werden. Darum geht es Greta: Um die Aufmerksamkeit. Um das Hinschauen auf den Klimawandel. Mag man davon halten, was man will, aber dieses Ziel hat sie erreicht.
    Ich hoffe, ihr lernt in der Schule auch ohne Demonstrationen viel darüber, wie ihr mit eurer Umwelt umgehen müsst.
    LG Anhora

  6. ich denke auch, die Aufmerksamkeit in den Medien ist mittlerweile vorhanden. Das ist sicher okay, wenn ein paar Demonstrationen in dieser Art und Weise auch während der Unterrichtszeit stattgefunden haben. Aber auf Dauer wäre das nicht mehr wirklich sinnvoll und würde zu Lasten der Schülerinnen und Schüler gehen. Denn die wollen ja auch eine Zukunft. Einerseits eine in einer heilen Natur natürlich, aber andererseits natürlich auch eine, in der sie selbst einen Beruf ergreifen können und selbstständig ihr Leben gestalten können. Und dazu ist Bildung nach wie vor wichtig.

  7. Stimmt, es zieht mehr Aufmerksamkeit auf sich (schwächt aber inzwischen wieder ab), aber es gefällt mir trotzdem nicht. Es gibt für mich zu viele Gründe, die dagegen sprechen. Aber ich denke, dass es zu diesem Thema (zu) viele Meinungen gibt, die alle wenigstens zum Teil richtig sind.
    Vielen Dank für dieses Austausch!
    rahellyelli

  8. Die Aufmerksamkeit wächst. Demonstrieren, wenn es erlaubt ist macht keinen Sinn – ist dann eher Freizeitgestaltung. Ich kann mir schon vorstellen, das die Gegner dieser Kinderdemonstrationen dies gerne so hätten. Kindergeburtstag ohne Bedeutung …

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