Wächst man wirklich in schweren Zeiten?

Kreuz, Trauer, Tod, Hoffnung

Schwere Zeiten seien natürlich schwer, hätten aber den Vorteil, dass man an ihnen wachsen könne.

Man müsse außerdem ab und zu mal seine Komfortzone verlassen, um wachsen zu können.

So liest man es manchmal, so hört man es manchmal und es klingt ja in der Tat auch irgendwie ein wenig clever. Da werden sich Leute schon was gedacht haben dabei, wenn sie so etwas von sich geben, denkt man. Aber ist das so?

Was mich an dem Ausdruck stört, dass man an etwas wachsen könne, ist eigentlich nicht unbedingt die Sache an sich, sondern dass der Ausdruck so undefiniert ist. Was ist denn mit wachsen gemeint eigentlich?

Wahrscheinlich kennt fast jeder schwere Zeiten, fast jeder hat schon welche durchgemacht. Aber inwiefern ist man daran gewachsen? Und ist man daran überhaupt gewachsen?

Hat man danach eine größere innere Stärke, nur weil man viel Leid erlebt hat? Ich bezweifle das.

Ist man danach klüger, wie das Sprichwort ja schon sagt? Ach das ist kein Automatismus. Es gibt Menschen, die Leid erleben, es aber nicht reflektieren und positiv verarbeiten können, und diese Menschen sind danach nicht unbedingt klüger, sondern haben nur mehr Erfahrungen gemacht, und zwar negative Erfahrungen. Sie haben nicht unbedingt mehr Handlungsmöglichkeiten daraus gewinnen können.

Wenn also jemand das nächste Mal behauptet, man würde wachsen, weil man die Komfortzone verlässt, mag das durchaus stimmen. Ich würde mir aber wünschen, dass er oder sie dann genauer erklären würde, worin denn genau das postulierte oder versprochene Wachstum besteht.

Es macht schon Sinn, die Komfortzone zu verlassen, weil man dann neue Erlebnisse machen kann und die Welt bunter wird. Ist aber Buntheit ein Wachstum? Es ist sicherlich für viele Menschen etwas positives, wenn man das Leben spürt und es bunter und farbiger wird. Das steht für mich außer Frage.

Aber daran wachsen? Der Spruch ist mir irgendwie zu schal und zu platt. Schnell wird er mal unreflektiert verwendet, ohne das derjenige, der ihn ausspricht, eigentlich genau wüsste, was er damit meint.