Kann Europa sich selbst vor einem atomaren Angriff Russlands schützen?

Die Frage wird der in der aktuellen Printausgabe der Wochenzeitung „Die ZEIT“ beantwortet, ganz vorne im Ressort Politik. Der Artikel heißt „Die USA gegen Russland – und alle gegen alle“.

Könnte sich Europa also aus eigener Kraft vor einem atomaren Angriff Russlands schützen?

Aus technischer Sicht lautet die Antwort nein.

Falls der russische Präsident Wladimir Putin auf die Idee kommen sollte, seine neuen und atomar bestückbaren SSC-8-Marschflugkörper einzusetzen, hätte Europa keine Chance.

Diese Marschflugkörper passen sich der Geländestruktur an und fliegen in einer Höhe von höchstens 100 Metern heran, sodass sie vom Radar nicht erfasst werden können. Die Vorwarnzeit wäre äußerst gering.

Zwar lagern in Europa einige taktische us-amerikanische Atomwaffen, so z.b. auf dem Luftwaffenstützpunkt Büchel in Rheinland-Pfalz, die allerdings auf Bundeswehr-Tornados montiert und abgeworfen werden müssten.

Hier ist einerseits das Problem, dass eine ganze Menge der Tornados überhaupt nicht flugfähig ist und dass andererseits die russische Luftabwehr keinerlei Probleme hätte, diese alten Flugzeuge abzuschießen.

Deshalb hat Europa praktisch keine eigene atomare Abschreckung mehr.

Angenommen, die NATO wollte einen Vergeltungsschlag gegen einen russischen atomaren Angriff starten, genauer gesagt Donald Trump, müsste er auf Interkontinentalraketen zurückgreifen, die mit wesentlich stärkeren Sprengköpfen versehen sind.

Diese Option würde aber die Gefahr einer großen Eskalation in sich tragen und ein russischer atomarer Vergeltungsschlag würde dann die USA selbst treffen. Von daher kann Putin wohl davon ausgehen, dass Donald Trump diese Option nicht wählen würde. Bei Trump weiß man natürlich nie genau, aber ein rationaler Teil ist in seinem Denken ja sicherlich durchaus vorhanden. Sonst wäre ja sein schöner Golfplatz in Florida auch in Gefahr. Und der Trump Tower in New York.

Im Umkehrschluss hieße das, dass russische Truppen, falls sie ins Baltikum einmarschieren würden, wohl kaum mit einer wesentlichen Gegenwehr rechnen müssten. Sollte die NATO Truppen nachziehen, beispielsweise über Polen, könnten sie Ziel eines lokal eingegrenzten russischen Nuklearschlags werden. Die NATO könnte dementsprechend dazu gezwungen sein, die russische Invasion zu tolerieren.

In Washington und dem Pentagon wird überlegt, ob es eine Option wäre, atomar bestückbare Marschflugkörper in Europa, beispielsweise in Polen, zu stationieren. Dies wäre aus Russlands Sicht allerdings eine starke Provokation, zumal die NATO nach ihrer Osterweiterung solche Stationierungen ausgeschlossen hatte. Zudem dürfte die Diskussion um neue Atomwaffen Europa spalten.

Eine andere Option wäre möglicherweise, Frankreich und Großbritannien zu bitten, ihren atomaren Schutzschirm auf ganz Europa auszuweiten. Die Franzosen besitzen etwa dreihundert Atomsprengköpfe auf U-Booten und in Flugzeugen, die Briten etwa zweihundert Sprengköpfe auf 4 U-Booten.

Trotzdem bräuchte man, sofern Frankreich und Großbritannien diesbezüglich überhaupt zustimmen würden, noch zusätzliche Cruise Missiles, um den russischen Raketen technisch Paroli bieten zu können. Da Deutschland selbst keine Atomwaffen anschaffen darf, könnte es sich zumindest finanziell an Entwicklung und Kauf beteiligen.

Ob aber beispielsweise Emmanuel Macron bereit wäre, die französischen Atomwaffen in den Dienst Europas zu stellen, ist ungewiss.

Bis dahin darf man in Europa schon mal zittern. Denn einerseits kann sich zwar niemand Krieg vorstellen, wäre er dann aber da, könnte man ihn sich genauso wenig vorstellen. Das würde aber den Krieg nicht stören. Er wäre einfach da.

Und im Grunde könnte ein solcher Fall ziemlich schnell eintreten. Denn wer weiß schon, wie Wladimir Putin tickt. Es hatte ihm auch niemand zugetraut, dass er sich die ukrainische Halbinsel Krim aneignen und einen Krieg in der Ostukraine lostreten würde, den er ja immer noch am Laufen hält. Lange leugnete er zwar die russische Teilnahme dort, mittlerweile ist es ihm aber wohl zu dumm geworden und es ist klar, dass Russland dort Krieg führt.

Pazifisten sind nun vermutlich der Meinung, man solle miteinander reden. Dem kann man prinzipiell zustimmen, allerdings sollte man das Ganze beispielsweise einmal, falls man es theologisch betrachten möchte, aus Sicht der Zwei-Reiche-Lehre von Martin Luther sehen, auch wenn die aus dem 16. Jahrhundert stammt. Ein Teil davon ist nämlich schon noch aktuell. Luther ging davon aus, dass unter echten Christen theoretisch oder prinzipiell der Pazifismus der Bergpredigt gelten könne, im Reich Gottes also. Im Reich der Welt jedoch sei dies illusorisch, denn dort sei das Reich Gottes noch nicht vollständig aufgebaut und deswegen müsse man dort auch für Ordnung und Frieden sorgen, notfalls militärisch.

Auch Dietrich Bonhoeffer, der evangelische Theologe, der von dem Hitlerregime hingerichtet wurde, sah es ähnlich. Er war im Hintergrund an einem Attentat gegen Adolf Hitler beteiligt und sagte sinngemäß, es könne doch nicht die Aufgabe eines Pfarrers sein, einen wahnsinnigen Autofahrer (=Hitler) durch die Stadt rasen zu lassen, der dort unzählige Menschen zu Tode fährt, und dann zu den Hinterbliebenen zu gehen und sie zu trösten. Stattdessen müsse man diesen Wahnsinnigen stoppen. Er war zwar der Meinung, für sich selber könne man als Christ durchaus alles mögliche ertragen und erleiden und die andere Wange hinhalten, sobald aber Mitmenschen bedroht und gefährdet würden, könne man dies eben nicht mehr hinnehmen.

Drum ist absoluter Pazifismus im Grunde sicherlich eine Utopie, auch, wenn er wünschenswert wäre.

Realistisch gesehen muss ein militärisches Kräftegleichgewicht herrschen, damit keiner übermütig wird und sich traut, einen großen Krieg auszulösen.

9 Comments

  1. „Realistisch gesehen muss ein militärisches Kräftegleichgewicht herrschen, damit keiner übermütig wird und sich traut, einen großen Krieg auszulösen.“ Ja! Nur Geld für Militär und Aufrüstung ausgeben. In Deutschland und durch Deutschland. … Grins … Ich stell mir gerade unsere Politiker vor. Vielleicht kann man ja Putin kaufen?

  2. Die Frage ist eben, wie man Frieden sichern kann. Aufrüstung ist nichts angenehmes. Aber Russland rüstet seit einigen Jahren auf. Das kann man auch nicht ignorieren. Oder man kann schon, aber es ist nicht sonderlich weise, es zu ignorieren. Ob man Putin kaufen könnte? Ich vermute, er hat genug Geld. Von daher wahrscheinlich nicht allzu großes Interesse.

  3. Die U.S.A. rüsten ständig. Sie haben eine Kriegswirtschaft. Sind eigentlich pleite. Aus der EU wären sie lange rausgeflogen.
    Das Gleichgewicht des Schreckens ist ein riskantes Modell. Kostet viel Geld, viele Leben.
    Mit Atomschlägen sollte nicht gedroht werden. Die Folgen sind zu schrecklich.
    Die Lebenden werden dann die Toten beneiden!

  4. Wir haben das ja schon mal geschafft!
    Also: brauchts ganz dringend eine neue entschlossene Friedensbewegung, die sagt: Ohne uns!

  5. Nee, kaufen kann man den bestimmt nicht.

    Naja, bislang hat man es erfolgreich ignoriert. Ich bin mal gespannt, was sie jetzt machen.

  6. Ich glaube, so auf die Schnelle können die Europäer gar nichts machen, sondern nur hoffen, dass die Bündnistreue der USA weiterhin besteht und dass Russland nicht das macht, was ich da im Artikel wiedergegeben habe…

  7. Ja, machen können sie nichts. Aber das haben sie selber verbockt. Und genau wegen dem derzeitigen Präsidenten der USA hab ich da Probleme mit der bündnistreue. America first

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