Du sollst nicht töten

Das fünfte Gebot des Dekalogs, also der zehn Gebote, („Du sollst nicht töten“) ist für die meisten Menschen logisch und verständlich.

Wer sein eigenes leben wertschätzt, kann verstehen, dass es anderen Menschen ebenso gehen dürfte. Ausgenommen sind vielleicht Menschen mit psychopathischer Veranlagung, die sich nicht in anderen Menschen hineinversetzen und Emapthie empfinden können.

Je älter Menschen werden, desto öfter haben sie schon Trauerfälle erlebt. Jeder Trauerfall ist tragisch, egal ob er unverhofft und plötzlich eintritt, oder sich lange angekündigt hat.

Besonders dramatisch ist es aber, wenn jemand am Tod eines anderen die Schuld trägt.

Ich musste, als ich mich kürzlich mit dem 5. Gebot beschäftigte, an eine Studentin denken, eine Kommilitonen, mit der ich ab und zu mal redete, als ich selber im Studium war. Sie hatte in ihrer Kindheit etwas Schlimmes erlebt.

Ihr jüngerer Bruder und sie waren in der Einfahrt zu ihrem Hof oder ihrer Wohnung, was weiß ich, am Spielen. Der Onkel war zu Besuch und er war mit einem Lastwagen da. Als er rückwärts zurück fuhr, überfuhr er den jüngeren Bruder. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie es im Detail vor sich gegangen ist und ob das Kind sofort oder erst qualvoll später den Verletzungen erlag.

Besagte Studentin jobbte immer wieder in einem Hospiz. Möglicherweise machte sie die Arbeit auch ehrenamtlich. Irgendwie kam mir das jetzt wieder ins Gedächtnis und ich vermute, dass es für sie der Versuch war, das Trauma aus der Kindheit irgendwie aufzuarbeiten und damit klar zu kommen. Ich schätze aber, dass sie dieses Trauma lange mit sich tragen wird, vielleicht sogar ein Leben lang.

Und das ist der andere Aspekt des fünften Gebotes.

Zum einen soll natürlich das Leben eines jeden Menschen sakrosankt sein und geschützt werden. Zum anderen aber ist es auch so, dass Angehörige von Menschen, die nicht nur zufällig oder durch eine Krankheit ums Leben kamen, sondern durch die Schuld eines anderen, durch die bewusste oder unbewusste Schuld, in besonderer Weise daran leiden. Sie geben dann nicht Gott die Schuld, mit dem man zwar hadern kann, der aber letztlich doch am längeren Hebel sitzt, sondern sie geben die Schuld anderen Menschen und fragen, warum das habe geschehen müssen. Die Begründung „shit happens“ ist eine unzureichende Antwort diesbezüglich. Sie mag zwar inhaltlich stimmen, beseitigt aber das Drama nicht und kann auch keinen Trost spenden.

Deshalb ist das Gebot, du sollst nicht töten, wohl eine der größten Maximen, die man als ethische Messlatte vorgeben kann.

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