Betteln als Geschäftsmodell

Ich sitze in einem Schnellrestaurant, vor mir mein Döner. Ich will gerade hineinbeißen, da sehe ich von mir eine Dame entlangkommen und ich denke mir, das ist doch die Bettlerin von der Litfaßsäule unten.

Da ich am Fenster sitze, schaue ich nach unten und sehe die Litfaßsäule vereinsamt und verweist. Davor liegt im Schnee über einer Isomatte eine Plane. Aber keine Bettlerin sitzt dort.

Ich bin irritiert. Der Bettlerin hatte ich auch erst am Freitag ein paar Münzen in ihren Becher geworfen. Ist es die gleiche Frau? Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen. Ich beobachte nun aber immer wieder die Litfaßsäule und die verwaiste Plane.

Plötzlich kommt eine junge Frau mit einem Rucksack, der lilafarbene Träger hat, dorthin. Sie holt ihren Pappbecher heraus und beginnt zu betteln.

Es dauert etwa fünf Minuten, dann ist die Ablösung da. Eine andere Dame, ein wenig älter, die beiden tauschen den Platz. Die jüngere Dame geht weg, die ältere sitzt nun dort. Weitere fünf Minuten später kommt ein Mann vorbei, er spricht mit ihr, nach einiger Zeit fasst er sich in die Tasche, zückt seinen Geldbeutel und wirft ihr etwas in den hingestreckten Becher.

Ich bin wirklich etwas verwirrt. Zwar kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ob die Dame, die hinter mir im Restaurant sitzt und einen asiatischen Teller isst, dazu einen Tee trinkt und im Smartphone liest, wirklich die Dame vom Freitag ist. Was aber dafür spricht ist, dass die Plane ja vorhin leer war.

Auch, wenn es sich nicht um die Bettlerin vom Freitag handeln sollte, weiß ich jetzt, dass sich da unten mindestens zwei Frauen den Platz teilen und dort scheinbar fast schon gewerbsmäßig der Bettelei nachgehen.

Der Mann, der der Frau etwas Geld gegeben hatte, steht mittlerweile wieder neben ihr, sie reden nun schon seit etwa zehn Minuten. Hat er mit der ganzen Sache etwas zu tun? Man muss es fast annehmen.

Ich fühle mich etwas düpiert. Vor kurzem hatte ich in der ZEIT ein interessantes Essay gelesen von einer Autorin, die es sich zum Vorsatz gemacht hatte, jedem Bettler ein wenig Geld zu geben. Sie sagte sich, selbst, wenn jemand vielleicht betrügen würde als Bettler, sei es trotzdem immer noch ein schlimmer Job, zu Füßen der Menschen und in der Kälte zu sitzen und einen auf Mitleid zu machen. Auf dieses Essay hin hatte ich es in den letzten Wochen auch ausprobiert und tatsächlich einigen Bettlern immer mal wieder ein paar Münzen zugesteckt. So auch der Dame an der Litfaßsäule, letzten Freitag erst.

Ich weiß allerdings nicht mehr, ob ich das jetzt immer noch so sehen und machen soll. Denn an der Nase herumführen lasse ich mich auch nicht so gerne. Andererseits stimmt es schon, wer da am Boden sitzt, ganz egal, ob er nun betrügen würde oder nicht, ist definitiv nicht auf der Sonnenseite des Lebens. Insofern: wer bin ich, dass ich darüber moralisch urteilen könnte ?

Wie ich beim Verlassen des Restaurants feststellen muss, ist die Dame im Restaurant mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht die Bettlerin von der Litfaßsäule.

Dass es sich dort unten aber um 2 Frauen handelt, die sich den Platz an der Litfaßsäule teilen, das ist nun offensichtlich geworden. Und dass da vermutlich noch ein Mann mit zum Team gehört, ist auch wahrscheinlich.

4 Comments

  1. Ja, dass kann einen zum Nachdenken anregen. Ich gestehe, ich gebe nicht einmal mehr kleine Münzen, weil hier bei mir entweder aggressiv gebettelt wird oder mir auch schon desöfteren der Gedanke kam, dass das alles gewerbsmäßig passiert. Traurig von mir, aber ich habe es auch nicht so „dicke“.

  2. ich bin mir noch nicht sicher, wie ich es in Zukunft machen werde. Aber dieser Dame an der Litfaßsäule werde ich wahrscheinlich nichts mehr geben.

  3. Ich hatte vor Jahren mal irgendwo gelesen, dass es besser ist, dem bettelnden Menschen etwas zu geben, auch auf die Gefahr hin,dass es missbraucht wird, als nichts zu geben und dabei einen wirklich Bedürftigen zu übersehen. Seitdem muss ich immer daran denken, wenn ich einfach so vorüber gehe und mich dann das schlechte Gewissen plagt. Vielleicht war es ja gerade dieser Mensch, der unverschuldet und verzweifelt in dieser Lage ist …

  4. Ja, ist wahrscheinlich eine gute Art, damit umzugehen. Die paar Cent, die man gibt, machen einen ja auch nicht arm. Und wenn jemand es ausnutzt, kann man eigentlich trotzdem nicht wirklich davon sprechen, dass er es ausnutzt, denn derjenige, der dort am Boden den ganzen Tag in Bettlerhaltung sitzt, dürfte es ohnehin nicht allzu gut im Leben haben. So what.

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