Was ist richtig, was ist falsch?

Diese Frage ist auch eine theologische. Sie wird unter anderem ganz zu Beginn der Bibel, in der Genesis, in der sogenannten Paradieserzählung thematisiert.

Dort leben in einem Ort, den man nicht lokalisieren kann, zwei Prototypen von Menschen, zuerst Adam, und später dann als Gesellin auch Eva. Für die beiden ist das Paradies der Zustand, in dem sie sich keine Gedanken machen müssen über ethische Fragen.

Doch dann kommt der Trieb des Menschen ins Spiel, sich weiterzuentwickeln, symbolisiert durch die Schlange, die Eva einflüstert, sie solle doch einmal von dem verbotenen Baum essen, der sonst eigentlich nur Gott vorbehalten ist. Von dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Und Eva kann es nicht lassen und isst einen Apfel und gibt auch Adam den Rat, dasselbe zu tun, der sich gerne überzeugen lässt.

Dieser Schritt, der durch das Essen des Apfels symbolisch dargestellt wird, ist im Grunde – psychologisch betrachtet – eine Entwicklungsstufe, und zwar eine von einer in Bezug auf die Urteilsfähigkeit tierähnlichen Existenzform in der Hinsicht, dass der Mensch sich keine Gedanken darüber machen kann, ob nun eine Handlung gut oder böse ist, hin zu einer menschlichen Existenzform, die moralisch zu urteilen in der Lage ist. Denn ein Tier oder zumindest die meisten Tiere unterscheiden nicht zwischen Gut und Böse, sie handeln einfach, instinkthaft.

Adam und Eva jedoch machen einen Entwicklungsschritt, plötzlich kommt die moralische Unterscheidungsfähigkeit in ihr Leben, ihr Denken wird ein anderes. Sie stehen an der Schwelle der Möglichkeit, selbst ethische Konzepte entwickeln zu können und beurteilen zu können, was gut und böse sei und können zwischen diesen beiden Polen auch unterscheiden.

Damit ist für sie selber das Paradies zu Ende, denn es gibt nicht mehr nur einen undefinierten Zustand, in dem alles einfach nur „ist“. Sondern es gibt plötzlich Zustände, die als gut und welche, die als weniger gut oder sogar als schlecht beurteilt werden können.

Entwicklungspsychologisch gesehen katapultieren sich Adam und Eva selbst aus dem Paradies hinaus, in der Paradieserzählung jedoch ist es Gott, der dann die beiden aus dem Paradies hinauswirft. Seine Fürsorge für die beiden ist damit jedoch nicht zu Ende, er näht ihnen Felle, damit sie nicht erfrieren müssen und überleben können.

Die Paradieserzählung ist eine symbolische Erzählung dafür, wie der Mensch die moralische und ethische Entscheidungsfindung entwickelt und somit auf eine neue Stufe des Seins tritt. Und Gott ist bei ihm, auch nach dem Verlassen des Paradieses, wie man im Fortlauf der biblischen Erzählung feststellen kann.

Aber mit dem Essen des Apfels, der nun die Entscheidungsfähigkeit zwischen Gut und Böse in die Gedanken der Menschheit gebracht hat, beginnt auch der andauernde Kampf um die menschliche Hybris.

Der Mensch muss fortan selbst immer wieder ausloten, wo er über seine Grenzen hinweggeht. Beispielsweise in der kurz darauf folgenden Erzählung von Kain und Abel, als Kain, weil er sich zutiefst beleidigt und gekränkt fühlt, und zwar deswegen, weil Gott sein Opfer nicht in gleicher Weise würdigt wie das des Bruders Abel, seinen Bruder Abel heimtückisch auf ein Feld lockt und dort erschlägt.

Das ist menschliche Selbstüberschätzung. Hier entscheidet Kain über fremdes Leben, über Leben, das er selbst nicht erschaffen hat und nicht erschaffen kann.

Das ist die Kehrseite der moralischen Unterscheidungsfähigkeit. Es gibt plötzlich nämlich nicht mehr nur das Gute, es gibt auch abgrundtief böse Taten.

Der Mensch lebt in diesem Spannungsverhältnis. Jeder Mensch kennt in sich dunkle Seiten, aber er ist gut beraten, sich an den hellen Seiten zu orientieren. Denn mit der Entscheidungsfähigkeit tritt auch die Verantwortung in die Existenz des Menschen hinein. So wahr ihm Gott helfe.

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