Katharina Schulze isst ein Eis. So what.

Oder: Der ohne Einblick tanzt. Herr Tichy ist voll sauer.

Auf dem Blog „Tichys Einblick“ schreibt die Redaktion, vermutlich also Herr Tichy selber, einen Artikel, in dem er sich diebisch freut und höhnische Häme bezüglich der Grünenpolitikerin Katharina Schulze zeigt.

Weil sie ein grauenvolles ökologisches Verbrechen begangen habe. Dramatisch.

Was Herr Tichy anhand vieler Twitterzitate ihr zur Last legt?

Sie war in Kalifornien!

Der Leser denkt nun gleich mit: ist sie von München aus dorthin etwa geflogen, mit dem Flugzeug womöglich, nicht also mit dem Zeppelin oder einem Heißluftballon oder einem Segelflieger, der ja klimaverträglich wäre, nicht ökologisch korrekt mit dem Zug dorthin gefahren?

Es kommt aber noch schlimmer.

In Kalifornien verhält sie sich ökologisch total daneben. Sowas von daneben.

Wo alle Welt doch weiß, dass das Klima sich erwärmt, isst sie ein Eis. Ein Eis!

Ein Eis essen bedeutet, dass man eine Tiefkühltruhe braucht, welche dieses Eis auf unter 0 Grad abkühlt, wobei natürlich mehr Abwärme als Kälte entsteht. Danke, Katharina! Wenn Hamburg demnächst unter Wasser steht und die Meeresspiegel steigen, wissen wir schon, wer schuld ist.

Aber das reicht noch nicht. Das Maß wird noch weiter gefüllt. Und zwar mit einem Plastiklöffel. Plastik! Der Leser assoziiert damit sofort Schildkröten, die sich besagten Plastiklöffel unglücklich in die Nase stecken und ihn dann nicht mehr herausbekommen. Danke, Katharina! Warum hast du nicht deinen Holzlöffel dabei?

Das aber ist noch immer nicht die Spitze des des Eises. Frau Schulze isst, und das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen wie ein Eis, ihr Eis aus einem Becher! Aus einem Plas-tik-bech-er oder einem Pappbecher, der mit einem Plastiküberzug innen ausgekleidet worden ist! Und jeder weiß, wie schlimm das für die Umwelt ist. Diese Materialien kann man ja nur ganz schwer aus der Umwelt wieder entfernen und weiterverwerten, zumal, wenn sie vielleicht sogar einfach in einen Mülleimer geworfen werden.

Drum die Frage, hat Katharina den Eisbecher denn wenigstens wieder mit nach München zurück genommen, um ihn dort einem Wertstoffhof zuzuführen? Und wenn ja, wie unverantwortlich, wie viel mehr Kerosin musste das Flugzeug, mit dem sie wohl zurück nach München flog, verbrauchen, um diesen völlig überflüssigen Eisbecher mit nach Deutschland zu überführen?

Man sieht, Herr Tichy hat es auf den Punkt gebracht.

Aber eine Frage hätte ich doch mal an ihn. Herr Tichy, was meinen Sie, was hat die größeren Auswirkungen:

wenn ein Mensch, sagen wir mal eine Katharina Schulze, von den 7,6 Milliarden Menschen weltweit nach Kalifornien fliegt und dort ein Eis isst,

oder wenn ein Mensch von 7,6 Milliarden Menschen, eine Katharina Schulze beispielsweise, sich politisch dafür einsetzt, dass künftig in Deutschland mit seinen knapp 83 Millionen Einwohnern statt Plastiklöffeln vielleicht welche aus Holz verwendet werden, statt kunststoffbeschichteten Pappbechern vielleicht Eiswaffeln als Becher dienen, und dass der Flugverkehr insgesamt verantwortlicher und umweltfreundlicher geregelt wird? Dass beispielsweise bei Kurzstrecken innerhalb von Deutschland künftig die Anreize größer sind, um mit der Bahn zu fahren, damit man nicht mehr ins Flugzeug steigt? Und dass es Initiativen gibt, die Bahn besser und pünktlicher zu machen? Und dass regenerative und alternative Energien und Antriebe gefördert werden?

Haben Sie sich vielleicht nicht so ganz überlegt, Herr Tichy. Sondern lieber mal am Stammtisch das Notebook aufgeklappt und drauflos geschrieben und wiedergegeben, was irgendwelche Wutbürger, die an irgendwelchen dubiosen Stammtischen ihre Laptops aufgeklappt haben, getwittert haben. Oder vielleicht auch nicht von ihren Laptops, sondern von ihren Smartphones, die sie alle zwei Jahre wegschmeißen und durch ein neues ersetzen.

Und wo wir bei dieser Bigotterie angelangt sind, dass jemand nämlich nichts besseres zu tun hat, als zu lästern über diejenigen, die versuchen, eine bessere und verantwortungsvollere Art zu leben zu etablieren, wagen wir mal noch einen gedanklichen Blick in die Ukraine.

Hier regiert seit einiger Zeit der Präsident Petro Poroschenko. Er ist Multimillionär oder vielleicht sogar Milliardär und Inhaber des Schokoladenimperiums Roshen.

Als er aber Präsident wurde, hat er die Unternehmen, die er besitzt, einer Treuhandgesellschaft übergeben, damit er einerseits in Bezug auf die zur Verfügung stehende Zeit frei ist für das Präsidentenamt, andererseits die finanziellen Aspekte nicht mit seinem Amt kollidieren.

An diesem Konsortium hat er Anteile und daraus erhält der auch Gewinn. So vor kurzem, als ein großer Anteil an ihn ausgezahlt wurde. So, wie das bei Anteilseignern üblich ist.

Aber was für ein Aufschrei in der Presse. Wie könne es sein, dass ein Präsident dann noch so viel Geld verdiene. Unverschämt.

Auch hier hat der Stammtisch wieder zugeschlagen. Fragt man den Stammtisch, was ihm lieber sei:

ein armer Politiker, der aufgrund seines wenigen Geldes für Korruption höchst anfällig wäre, oder ein Politiker, der reich ist und deswegen für Korruption praktisch unanfällig ist, was wäre wohl die Antwort?

Eben. Aber man wird ja wohl noch lästern dürfen.

Fragt man besagten Stammtisch weiter, sollte Herr Poroschenko denn sein Geld verschenken? Und falls man bei dieser Frage schon angekommen wäre, gleich die nächste Frage: würden Sie das selber auch so machen?

Eben.

Stammtischpopulismus ist nicht nur auf Deutschland oder Herrn Tichy begrenzt, sondern ein übergreifendes Phänomen. Es gibt manche Leute, die sich offenbar hämisch freuen, wenn Politiker, die versuchen, die Welt ein wenig besser zu machen, irgendwo, und sei es auch nur an einem Eislöffel, ihren eigenen Ansprüchen scheinbar nicht ganz genügen können.

Dass diese polemischen Stammtischpopulisten an sich selber keine Ansprüche stellen oder vielleicht vorgeben, Ansprüche zu haben, diese dann aber genausowenig erfüllen, kommt ihnen dabei nicht in den Sinn. Hauptsache schön geätzt.

Wie sagte doch schon Jesus: der Splitter im Auge deines Bruders stört Dich, aber den Balken in deinem eigenen Auge siehst du nicht?

Manchmal ist die Erwachsenenwelt derart kindisch, man möchte sagen infantil, dass man eigentlich weinen könnte. Zumindest am Stammtisch.

Man muss heute nicht mehr wie Diogenes in einem Fass leben, um die eigene Bedürfnislosigkeit zu illustrieren. Sicher, das ist impressiv, keine Frage.

Aber es geht genauso, heutzutage Politik zu machen, verantwortungsvolle Politik, auch klimaverträgliche Politik, ohne auf ein Eis oder einen Flug verzichten zu müssen. Denn wichtig ist nicht der Einzelfall, sondern die Gesamtentwicklung. Damit unsere Kinder morgen eine Welt vorfinden, in der sie noch leben können auf dem Raumschiff Erde, das durch die unendliche Kälte des Weltraums fliegt und die eigenen Ressourcen stets von neuem erneuert, sofern man diesen Kreislauf nicht zerstört. An dem einen Eis und dem einen Flug liegt es nicht. Höchstens an polemischen Kritikern und Nörglern, die derartige Bemühungen um eine klimaverträgliche Umweltpolitik mit Spott und Häme überschütten und damit andere glauben machen wollen, eine derartige Politik sei entweder nicht möglich oder auch gar nicht nötig. Das ist nämlich fatal.

11 Comments

  1. https://mentor.duden.de/

    Und dann tun Sie mir den größten Gefallen, wenn Sie Ihren wunderbaren Text an ALLE großen Zeitschriften als Leserbrief senden. Mir ging das Herz auf beim Lesen! Wunderbar, einfach fantastisch. 😍 Danke

  2. Der Text ist grausam. Lassen wir mal das pöbeln und herabwürdigen auf der Seite. Also muss eine Frau Schulze sich nicht an das halten was sie von anderen verlangt? Warum sollen sich 83 Millionen daran halten was eine Frau Schulze will? Warum darf nicht der Bernd Müller oder die Else Kling Plastiklöffel und Flug haben? Bernd Müller und Else Kling werfen ihren Plastiklöffel auch ordentlich in die Mülltonne. Dafür gibt es dann für Frau Schulze keinen Löffel.
    In diesem Text wird vergeblich versucht das Fehlverhalten der Frau Schulze im nachhinein als gut darzustellen. Das geht allerdings schief weil auch dem Author wenige sinnvolle Argumente einfallen und sich lieber selbst an den Stammtisch setzt und pöbelt.

  3. Hallo,
    Also wenn mein Kommentar nichts inhaltliches thematisiert dann kann ich auch nicht weiter helfen.
    Die Frage ist klar gestellt.
    Die Kritiker mit Stammtisch und Populismus abstempeln ist sehr einfach.

  4. Warum es nicht die Frage ist, ob Frau Schulze ein Eis isst (also sich Ihrer Meinung nach angeblich nicht an das hält, was sie predigt), habe ich doch in dem Artikel thematisiert.

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