Die Sorge der Ukrainer vor dem 6. Januar

Am 6. Januar feiert die orthodoxe Kirche Weihnachten. Das an sich ist eine schöne Sache. Doch mit dem Termin hat es noch eine weitere Bewandtnis.

Gestern sprach ich mit einer Ukrainerin, die von Berufs wegen eigentlich recht gut die politischen Verhältnisse in der Ukraine überblickt.

Sie berichtete mir von dem russischen Zwischenfall an der Meerenge von Kertsch, als ein russisches Marineboot ein ukrainisches rammte und die Besatzungen von mehreren ukrainischen Marinebooten aufbrachte. Sie sind bis heute in russischer Gefangenschaft, auch deutsche und europäische Vermittlung hilft da nichts.

Sie berichtete auch davon, dass Russland nun mit Weißrussland kooperiert und möglicherweise Weißrussland immer mehr seine Staatlichkeit verliert, an Russland. Zu stark ist militärisch der russische Bär. Und davon, dass in den etwa letzten sechs Monaten die russischen Truppen und Militärlager an der Ostgrenze und der Nordgrenze der Ukraine, bis nach Weißrussland hinein, ziemlich verstärkt wurden.

Und dann kommt der 6. Januar. An diesem Tag soll der Patriarch der orthodoxen Kirche in Istanbul, dem ehemaligen Konstantinopel, der ukrainischen Kirche ihre Eigenständigkeit bestätigen durch ein Zertifikat. Dadurch verliert die russisch-orthodoxe Kirche einen Teil ihrer Gläubigen, weil es dann plötzlich eine eigene staatliche ukrainische Kirche gibt. Das an sich ist aus religiöser Sicht kein großes Problem, wenn das Ganze nicht auch sehr politisch wäre.

Denn der russische Präsident Putin wird darin sicherlich den Verlust weiteren politischen Einflusses in der Ukraine sehen. Derjenige russische Präsident, welcher die Krim völkerrechtswidrig von der Ukraine abgetrennt und dem russischen Reich eingegliedert hatte. Und derjenige russische Präsident, der vor kurzem an der Meerenge von Kertsch die ukrainischen Marineboote aufbringen ließ, weil sie sich seiner Ansicht nach nicht in internationalem Gewässer befunden hätten, sondern in dem vermeintlich russischen, nahe der Krim. Ganz ungeachtet der Tatsache, dass die Krim ja eigentlich ukrainisch ist, wäre sie nicht von Russland besetzt.

So geht nun in der Ukraine die Angst um, dass der 6. Januar nicht nur Weihnachten sein könnte, sondern Anlass für Putin, militärisch mal wieder zu reagieren. An diesem Datum, oder ein wenig danach.

Der Kampf um das Streben nach Freiheit der Ukraine aus dem russischen Würgegriff geht weiter.

So, wie man sich im Westen nicht vorstellen konnte, dass im 21. Jahrhundert Russland einen verdeckten Angriffskrieg gegen die Ukraine entfachen und am Laufen halten würde, wie man sich nicht vorstellen konnte, dass Russland Territorien anderer Länder völkerrechtswidrig in Besitz nehmen würde, wie die Halbinsel Krim, so kann sich der Westen wohl auch nicht vorstellen, was da militärisch noch alles kommen könnte.

Und Präsident Trump, der einzige, der den Treiben nachhaltig Einhalt gebieten könnte, hat ja schon einmal klar gemacht, dass er sich nicht mehr allzu sehr in der Welt einmischen möchte, dass er z.b. aus dem von Russland unterstützten Syrien so schnell wie möglich weg will. Der russische Präsident Putin seinerseits machte vor kurzem deutlich, dass er angeblich eine atomare Wunderwaffe besitze, 20 Mal schneller als der Schall. Derartige Drohgebärden beachtet man in der Ukraine aufmerksam. Wenn ein Präsident klar macht, dass er nicht angegriffen werden könne, weil er sonst mit seiner Wunderwaffe komme, denkt man weiter, was er denn wohl vorhabe, dass er so ein Drohszenario aufbaut.

Und so lebt man in der Ukraine in der ständigen Angst vor dem großen und nicht sonderlich berechenbaren Nachbarn im Osten. Die Ukraine ihrerseits ist wirtschaftlich auf einem guten Weg, die Korruption wird auch von staatlicher Seite mittlerweile massiv bekämpft, öffentliche Ausschreibungen werden im Internet transparent gemacht. Die Ukraine, die Kornkammer Europas, ist ein Land, das blühen könnte. Wenn der Russe nicht wieder querschießt, der immer noch glaubt, über ein fremdes Volk herrschen zu dürfen.

Und dann gibt es noch die Russlandversteher, die meinen, Russland fühle sich doch irgendwie eingekesselt von irgendwem. Von der NATO vielleicht. Wenn man sich einmal die gewaltigen Grenzen Russlands anschaut und den minimalen Teil derjenigen Grenzen, die an die NATO angrenzen, erkennt man schnell, dass es sich hier um eine Luftnummer handelt.

Aber manche Russlandversteher sind auch der Meinung, dass Russland eben gerne die alte Größe der einstigen Sowjetunion hätte. Sie, die in Deutschland fast alles frei sagen dürfen, setzen sich somit dafür ein, dass Russland andere Länder im Würgegriff hält, in denen man dann nicht frei sagen darf, was man denkt.

Viele Leute in der Ukraine sehen in der Westorientierung die Hoffnung auf die Stärkung der Demokratie, auf Handelsbeziehungen und auf eine wachsende Wirtschaft. Und sie haben recht. Sofern der Nachbar im Osten sie lässt.

Aber jetzt kommt erstmal Weihnachten. Der 6. Januar.

Aber selbst, falls der 6. Januar und auch die Feiertage friedlich überstanden sein sollten, die Angst vor dem Russen bleibt. Und sie ist nicht aus der Luft gegriffen.

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