The day after: Brot statt Böllern?

Ab heute, Neujahr, oder spätestens ab morgen beginnt in Deutschland wieder das große Reinemachen. Und viele Leute gehen durch die Straßen und sagen oder denken, krawehl, krawehl, was für ein Müll allein durch Silvesterraketen!

Ein bisschen moralinsauer sind diese Wehrufe schon, so, als würden die Menschen in den restlichen 364 Tagen keinen Müll produzieren. Als würden sie keine Plastiktüten benutzen, keinen Kaffee aus Aluminium-Einmal-Patronen trinken, keine Pakete in Kartons bei Amazon bestellen, die mit Dieselfahrzeugen geliefert werden, keine in Plastik eingeschweißte Wurst und Käse und Schinken kaufen. Nein, an diesem einen Tag, an Neujahr, da stößt es manchen auf, wie ökologisch rücksichtslos sie sich das ganze Jahr über verhalten haben, und es wird eine Verhaltensänderung für diese eine Nacht von Silvester auf Neujahr gefordert, auf dass sie all die ökologischen Sünden des vergangenen und des künftigen Jahres abwaschen mögen, damit man dann mit ökologisch reinem Gewissen auch wieder nach Fernost oder nach Südamerika oder Kapstadt fliegen kann. Oder auch nur von Köln nach Bonn, anstatt die Bahn zu benutzen.

Drum steht, vor Silvester wie auch nach Silvester, die eine scheinbar alles entscheidende Frage im Raum:

Silvester ohne Silvesterraketen, will man das wirklich?

Derzeit gibt es ja auch in Deutschland eine Diskussion in diese Richtung.

Gerade zu Silvester gibt es immer wieder verschiedene Initiativen, die auf die moralische Tränendrüse drücken.

Der Feinstaub, dieser schlimme Feinstaub! Das sei ja schon ganz erheblich, was da in einer einzigen Nacht an Feinstaub in die Welt hinaus gepulvert werde! Man könne doch nicht ein ganzes Jahr lang auf der Armen Diesel-Industrie herum treten, wenn man dann in einer einzigen Nacht so viel Feinstaub in die Luft puste! Moral, wo bist du!

Ja, das mag sein, vordergründig. Aber das Problem am Feinstaub ist doch eigentlich ein anderes. Das Problem am Feinstaub ist doch, dass er an 364 Tagen im Jahr an 24 Stunden am Tag in Städten vorhanden ist, in hoher und gesundheitsschädlicher Konzentration. Die eine Spitze von Feinstaub in der einen Silvesternacht dürfte doch nicht das Thema sein. Denn, wenn ich mich nicht irre, wird doch Feinstaub auch von den Winden verweht, von den Wäldern gefiltert und vom Regen aus der Luft gewaschen.

Aber sollte man lieber Brot kaufen statt Böllern? Zum einen knallt Brot nicht so gut. (Kleiner Witz) Aber die Frage ist doch die falsche. Die Frage sollte doch heißen, wollen Sie nicht bitte Brot und Böller kaufen?!

Sie gehen doch auch nicht in ein Buchgeschäft beispielsweise und fragen sich dort, Buch oder Brot? Oder wenn Sie an der Tankstelle stehen lautet die Frage auch nicht, tanken oder Brot? Thermomix oder Brot? Neues Smartphone im Zweijahresrhythmus oder Brot? Neuen Dienstwagen alle 2 Jahre oder Brot?

Die Frage ist doch die, wie solidarisch wollen wir mit Menschen in Not sein. Und ich behaupte mal, jeder, der 10 oder 20 oder 50 € für Silvesterraketen ausgibt, kann das gleiche trotzdem auch noch einmal für solidarische Zwecke, so z.b. auch für die Ernährung unterernährter Menschen in aller Welt, spenden. Die Frage ist nicht entweder oder, sondern die Frage ist, das eine und auch das andere.

Verletzte zu Silvester? Jeder, der beispielsweise ein Auge durch einen Silvesterknaller oder eine Silvesterrakete verloren hat, oder der dauerhaft einen Gehörschaden hat, sieht Silvester äußerst kritisch. Völlig zurecht. In der Tat schießen zu Silvester mitunter stark alkoholisierte Menschen mit Feuerwerken um sich herum und gefährden und verletzen andere Menschen. Das wäre für mich das einzige ziehende Argument, das vielleicht gegen Silvesterböller und Knaller und Raketen sprechen würde.

In Lemberg, ganz im Westen der Ukraine, findet Silvester anders statt als in Deutschland. So wie in der ganzen Ukraine. Seit im Jahr 2014 Russland einen verdeckten Angriffskrieg gegen die Ostukraine begonnen hat und ja immer noch am Laufen hält, begann man damit, nur noch staatliche bzw städtisch veranstaltete Feuerwerke zuzulassen. Aus Rücksicht gegenüber Kriegsveteranen und Flüchtlingen aus dem Kriegsgebiet, die durch das Geknalle vielleicht Flashbacks an den Krieg erleben könnten. Aus Pietät, dass man doch nicht so ausgelassen feiern könne, wenn ganz im Osten Krieg herrsche. Wobei dieses Argument etwas weit hergeholt ist, denn die Menschen feiern ja trotzdem, dann eben ohne Silvesterraketen. Und auch der Gedanke, man könnte vielleicht einen russischen Angriff nicht von Silvesterraketen unterscheiden, ist ein bisschen aus der Luft gegriffen. Ein Radargerät lässt sich nicht so extrem leicht austricksen.

Das besondere an Silvester ist doch, dass man sinnfrei Lebensfreude Ausdruck verleihen kann. Und zwar dadurch, dass der ganze Himmel bunt wird. Es macht keinen Sinn, aber es macht vielen Menschen einfach Freude. Und man setzt eine Zäsur, das alte Jahr ist vergangen, etwas ganz neues soll beginnen.

Deswegen denke ich, es ist völlig okay, zu Silvester Raketen in die Luft zu schießen. Solange man darauf achtet, dass niemand verletzt wird. Das wäre das einzige zulässige Argument, das dem Ganzen einen Riegel vorschieben könnte.

Aber auch hier müsste man sagen, es gibt genug Möglichkeiten, Feuerwerken fernzubleiben. Wer Sorge hat vor Silvesterknallern und Raketen, braucht natürlich keine stark frequentierten Menschenansammlungen aufzusuchen. Sondern kann sich an seinem Fenster oder auf seinem Balkon des bunt eingefärbten Silvesterhimmels erfreuen. In nahezu absoluter Sicherheit.

Und mit dem guten Gewissen, mindestens einmal im Jahr etwas ganz Besonderes erlebt zu haben, zusammen mit allen anderen Menschen im Lande. Denn auch dieser Aspekt steckt in Silvester drin, der Gedanke der übergreifenden Solidarität, der sich darin zeigt, dass alle Menschen gemeinsam das neue Jahr begrüßen, und zwar so, dass alle es sehen können und zwar auch diejenigen, die selber nichts dafür zahlen und sich keine Silvesterraketen kaufen oder leisten können. Auch für diejenigen ist das Spektakel am Himmel kostenlos, denen man danach noch Geld spendet für Brot.

Silvester spendet, und das ist nicht zu unterschätzen, Gemeinschaft und ist Kult für ein ganzes Volk. Und ein Kult war schon immer dazu da, Menschen zusammenzubringen und zusammenzuhalten. Und zwar übergreifend und unabhängig von der politischen und religiösen Einstellung, die ein jeder hat. Auch dieser Aspekt ist in unseren Tagen nicht zu vernachlässigen. Denn, wie formulierte es der Bundespräsident Steinmeier vor kurzem, man solle auch mit denen reden, die eine andere Meinung haben, damit nicht jeder in seiner selbst kreierten Filterblase sitzt und die Gesellschaft auseinander fällt.

Und man soll, das Ganze ein wenig weiter gedacht, mit ihnen zusammen feiern und knallen und Raketen in die Luft schießen. Denn Feiern waren schon immer dazu da, Gemeinschaft zu stärken und trotz Differenzen das Gemeinsame zu betonen. Und das ist wichtig, besonders in den Tagen, in denen Populisten aller Art alles daransetzen, um ihres eigenen Vorteils willen ganze Völkerscharen zu spalten. Silvester jedoch vereint. Silvester ist der Feind der Populisten. Zu Silvester feiern Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen gemeinsam, dass ein neues und ein gutes und ein friedliches Jahr kommen möge. Wenn das keine Verheißung ist.

2 Comments

  1. Na ja … das ganze Schönreden des privaten Feuerwerks ändert nichts daran, dass zumindest die Menschen, die ein Haustier halten und in einer Stadt wie Berlin leben, gezwungen sind, entweder als Flüchtlinge unterwegs zu sein (wir sind regelmäßig auf der Flucht, dieses Jahr im Nationalpark Harz), oder dem Haustier Unzumutbares zuzumuten.
    Übrigens haben 68 Prozent der Berliner bei einer Umfrage des Lokalfernsehens RBB für ein Verbot der Knallerei gestimmt. Und das sind wahrscheinlich nicht nur Haustierhalter.

  2. Ist natürlich ein Argument. Die Haustiere hatte ich völlig vergessen in meiner Argumentation. Bzw die Tiere insgesamt. Für die ist das Ganze sicherlich unangenehm.

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