Was soll man von den Herrenhuter Losungen halten?

Seit 1731 bestehen die sogenannten Herrnhuter Losungen. Aus einem Fundus von 1824 alttestamentlichen Versen werden 365 ausgelost, denen dann jeweils ein neutestamentlicher Vers zugeordnet wird, der in einem thematischen Zusammenhang stehen soll. Insgesamt ergibt das Ganze dann ein kleines und blaues Büchlein, in dem man jeden Tag die Losungen für den aktuellen Tag nachlesen kann.

Im Prinzip eine schöne Sache, wäre da nicht ein gewisses Problem.

Möglicherweise ging es nur mir so damit, aber ich vermute, das Problem könnte übergreifend sein.

Mein Problem bestand darin, dass, als ich dieses blaue Büchlein vor vielen Jahren einmal hatte, und ich hatte es wohl mehrere Jahre lang, diese beiden Bibelverse, die man vorzugsweise morgens schnell einmal durchliest und darüber vielleicht auch meditiert, immer mehr zu einer Art Horoskop für den jeweiligen Tag gerieten.

Da machte es, wie es bei Horoskopen so ist, auch keinen Unterschied, dass natürlich besagtes Horoskop für tausende anderer Leute genau gleich klang.

Aber ein Horoskop sind die Losungen nicht.

Sie sind, so würden manche Leute sagen, ein Auszug aus Gottes Wort. Aber auch dieser Begriff ist irreführend. Sinnvoller wäre es, davon zu reden, dass Menschen über Jahrhunderte und Jahrtausende ihre Erfahrungen, und zwar persönliche, historische und religiöse Erfahrungen, in Texte gefasst haben, die man nun in der Bibel findet.

Natürlich zeigt sich darin immer wieder theologische Reflexion und sicher kommt auch Gott darin zu Wort, aber so, wie die Menschen ihn verstanden.

Wenn man nun des Morgens aber zwei aus dem Kontext gerissene Verse liest, wie sollte man da den Sinnzusammenhang herstellen oder verstehen können, in welchen diese Verse ursprünglich eingebettet waren? Man überlege sich dasselbe mit zwei Sätzen aus verschiedenen Büchern. Für sich genommen klingen sie möglicherweise durchaus interessant und auch klug, allerdings geben sie den Entstehungszusammenhang vermutlich kaum wieder.

Und das sind dann auch die Grenzen der Herrnhuter Losungen für mich. Sie könnten den Einstieg dafür bilden, beispielsweise die alttestamentlichen und neutestamentlichen Stellen nachzulesen, vielleicht das ganze alttestamentliche Buch dazu. Aber mal ehrlich, wer macht das schon und wer nimmt sich des Morgens die Zeit dazu?

Wenn man das aber nicht macht, so fehlt der Kontext und der Bezug, in dem diese Losungen zu sehen sind. Insofern können sie im besten Fall interessant und vielleicht sogar für manchen erbaulich sein, im schlechtesten Fall kontraproduktiv und destruktiv wirken, nämlich für all diejenigen Leute, die darin tatsächlich eine Art Horoskop sehen. Das war der Grund für mich, mit der Lektüre dieser Verse aufzuhören.

Theologisch interessiert bin ich natürlich weiterhin, aber ich weiß es dann zu schätzen, wenn ich nicht einzelne Versatzstücke vorgeworfen bekomme, sondern den Zusammenhang verstehen kann. Doch das ist vielleicht Geschmackssache.

Ein Horoskop für den jeweiligen Tag sind diese Verse aber sicherlich nicht, sondern höchstens vielleicht Denkanstöße, die man dann, wie auch immer man gerade mag, interpretieren kann. Was aber nicht ganz unproblematisch ist, denn, wie gesagt, man weiß ja nicht, in welchem Zusammenhang sie wie gemeint waren.

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3 Comments

  1. „“““….Wenn man nun des Morgens aber zwei aus dem Kontext gerissene Verse liest, wie sollte man da den Sinnzusammenhang herstellen oder verstehen können, in welchen diese Verse ursprünglich eingebettet waren? Man überlege sich dasselbe mit zwei Sätzen aus verschiedenen Büchern. Für sich genommen klingen sie möglicherweise durchaus interessant und auch klug, allerdings geben sie den Entstehungszusammenhang vermutlich kaum wieder….““““

    Guten Tag, wir reden von Christen die das Wort „kennen“, so, denke ich, kann der Vers durchaus seine ganze Wirkung entfalten, oder? ….und Nachlesen ist ja auch nicht verboten 😉
    Was mir persönlich Mühe macht ist das „Lose ziehen“, ich fühle mich da bei mit bester Sorgfalt aufgebauten Andachtsbüchern mit Datumseinteilung besser aufgehoben. Ich vergleiche dies mit der unreifen Handlung der Nachwahl des 12. Apostels in der Apg.1,15. Nach meinem Verständnis sehe ich Paulus als den von Gott berufenen 12. Apostel….

  2. Ich denke, die Losungen sind gut gemeint und auch für einige Leute bzw. Christen hilfreich, das will ich auch gar nicht in Abrede stellen. Es ist sicher gut, dass es sie gibt, sofern man sie als das sehen kann, wozu sie gemeint sind, als Denkanstöße. Für Leute, denen sie zum Horoskop werden, sind sie aber wohl nicht so hilfreich.

  3. Vielleicht könnte man das inhaltliche Format der Losungen auf Dauer etwas dahingehend verändern, dass stärker der Kontext, in dem die Verse eigentlich stehen, zugänglich wird. Das wäre sicher ein Gewinn.

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