Ein Abitreffen, jemand, der sehr krank ist. Und Weihnachten.

Gestern war ich das erste Mal auf einem jährlichen Abitreffen, welches ein kleiner Teil unseres Abijahrgangs offenbar schon seit vielen Jahren jedes Jahr kurz vor Weihnachten immer wieder veranstaltet. Es waren so 20 bis 30 Leute da und es war recht nett.

Auf den Abitreffen, die alle fünf bis zehn Jahre stattfanden, war ich immer, aber hier zum ersten Mal.

Der, der sie immer veranstaltet und organisiert hatte und gestern auch mit dabei war, ein alter Schulkamerad, ist allerdings sehr krank. Schon seit etwa einem Jahr, es gab auch Operationen, nun ist die Krankheit aber fortgeschritten und es sieht nicht sehr gut aus, optimistisch ausgedrückt.

Ich weiß, Gott kann alles und Gott ist alles möglich, er kann sogar ein Universum aus dem Nichts erschaffen, aber angesichts einer schweren Krankheit kann man mit solchen Schlagworten nicht kommen. Das hilft einfach nicht. Denn es geht ja ganz aktuell darum, wie man mit dieser Krankheit klarkommen kann und ob es vielleicht doch noch Hoffnung gibt.

Wie aber sagt einem Gott, was man vielleicht einem anderen Menschen sagen sollte, um ihm zu helfen?

In charismatischen Kirchen haben irgendwelche Leute immer irgendwelche Eingebungen und Eindrücke von Gott, aber ich stehe so etwas manchmal schon skeptisch gegenüber, zumal in gewissem Kirchen dann immer dieselben Leute mit irgendwelchen Eindrücken vorne stehen und sie der Gemeinde erzählen.

Also gar nichts tun?

Ich hatte für den Schulkameraden gebetet und hatte ihm das auch schon geschrieben. Gestern beim Abitreffen haben wir aber nichts zu dem Thema gesprochen, warum auch. War ja klar, dass er diese Krankheit hat. Ein Freund von mir, der Arzt ist, bat ihm noch Hilfe an, weil er Schmerztherapie macht, für den Fall, dass er sie brauchen sollte.

Was könnte also ich tun?

Ich habe etwas gemacht, was ich vor vielen vielen Jahren schon einmal getan habe, was vielleicht absurd wirkt, was vielleicht auch nur Menschenwerk ist, was aber andererseits auch die Möglichkeit offen lässt, dass Gott einem etwas mitteilen könnte. Sehen Sie es mal unter diesem Aspekt, wenn ich das im folgenden beschreibe.

Damals war es so: ein Freund von mir, den ich schon seit dem Kindergarten kenne, hat einen Bruder und dieser Bruder und seine Frau hatten ein kleines Kind, vielleicht so ein Jahr alt in etwa. Das hatte seit Tagen Fieber, aber sie dachten, das werde sich schon geben. Tat es aber nicht. Sie brachten es ins Krankenhaus, es kam sofort auf die Intensivstation und weil die Eltern dort nicht mit hinein durften, riet man ihnen, einen Spaziergang zu machen. Als sie wiederkehrten, betretene Mienen bei den Ärzten. Das Kind war gestorben.

Es war das absolute Drama schlechthin. Ich betete damals, vielleicht war es so um 1995 herum, ob Gott den beiden ein Zeichen geben könnte und machte etwas vielleicht absurdes, vielleicht auch nur Menschenwerk, aber ich dachte mir, vielleicht könnte Gott darin den beiden etwas mitteilen: Mit geschlossenen Augen fasste ich irgendwo in die Bibel hinein und kopierte die Doppelseite und schickte sie ihnen, nachdem ich zuvor gebetet hatte, wenn Gott ihnen etwas mitteilen möge, dann könne er das vielleicht auf diesem Weg machen. Ich las mir die beiden Seiten durch und tatsächlich, ich kenne die Stelle leider nicht mehr genau, da war dann gegen Ende der zweiten Seite davon die Rede, dass man auf Gott vertrauen soll und Gott werde einen segnen mit Kindern. Mittlerweile haben die beide zwei Kinder und haben die schlimme Zeit von damals überwunden.

Nun habe ich es vorhin also das zweite Mal in meinem Leben gemacht, gebetet für diesen alten Schulfreund und die Bibel mit geschlossenen Augen aufgeschlagen. Allerdings habe ich diesmal noch mit dem Finger, die Augen immer noch geschlossen, auf einen Vers gezeigt, und das ist er nun: Römer 5, 12.

Wie die Sünde durch einen einzigen Menschen in die Welt kam, so auch die Rettung aus der Gewalt der Sünde.

Wie soll man das Ganze einordnen?

Hier ist zunächst einmal der Bezug auf die Paradieserzählung mit Adam und Eva. Diese Erzählung ist zwar fiktiver Natur, aber sie ist ein theologisches Werk, um deutlich zu machen, warum die Welt so ist, wie sie ist und warum der Mensch Gott nicht ohne weiteres wahrnehmen kann.

Weil er nämlich in Trennung zu Gott lebt. In Sünde. Sünde bedeutet Trennung von Gott. Diese ist der Paradieserzählung nach selbst verschuldet, weil Adam und Eva von dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse essen wollten. Sie fielen also einer gewissen Hybris anheim, wollten im Grunde so sein wie Gott, dem bis dahin das Vorrecht oblag, zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können.

Nun ist es in der Paradieserzählung so, dass Gott eigentlich Adam und Eva aus dem Paradies vertreibt. Realiter steckt hier aber auch noch etwas anderes drin, denn in dem Moment, in dem die beiden erkennen können, es gibt neben dem Guten auch das Böse auf der Welt, endet quasi psychologisch gesehen automatisch das Paradies für sie. Denn da, wo man Böses erkennen kann, ist kein Paradies mehr.

Die Geschichte geht weiter und nachdem die beiden aus dem Paradies vertrieben worden sind, gibt Gott ihnen noch Tierfelle, weil er weiterhin für seine Schützlinge sorgen möchte. Das Paradies haben sie für sich selber zwar beendet, Gott ist aber weiterhin für die beiden da.

Das ist der erste Teil des Römerbriefverses. Durch Adam kam die Sünde in die Welt, die Trennung zwischen Mensch und Gott, also die Vorstellung, dass wir Menschen Gott nicht wahrnehmen können.

Und durch einen einzigen kam auch die Rettung aus der Macht der Sünde in die Welt. Gemeint ist hier Jesus Christus.

Wer nun Jesus Christus ist, darüber könnte man sehr viel schreiben. Man kann es zumindest so auf den Punkt bringen, wie es in der alten Kirche schon formuliert wurde, er ist wahrer Mensch und wahrer Gott. Sein Leben kann man nur theologisch richtig einordnen und verstehen, wenn man darin in besonderer Weise das Wirken Gottes sieht.

Durch ihn kam die Rettung vor der Macht der Sünde in die Welt. Er überbrückte die Kluft zwischen Gott und Mensch, indem er die Trennung überwand und indem er, eigentlich also Gott selbst, den Menschen etwas von sich mitteilte, in Jesus.

Deshalb können wir Menschen von Gott etwas wissen, den wir ja nicht sehen und nicht wahrnehmen können. Wir können es wissen, weil Gott sich in Jesus uns Menschen vorgestellt hat und klar gemacht hat, dass er jemand ist, der den Menschen zutiefst liebt und ihm liebevoll gesonnen ist, der dem Menschen gnädig ist und der ihn annimmt. Es ist der Gott, der sagt, du, Mensch, der du an mich glaubst, kannst niemals tiefer fallen, als in meine Hände.

Und es ist der Gott, der in Jesus viele Menschen geheilt hat. Der Gott, der in Jesus sogar ein totes Mädchen wieder ins Leben zurück geholt hatte. Jesus sagte, es habe nur geschlafen. Aber es hatte nicht geschlafen, so schreibt der Evangelist.

Jesus ist der, der nicht im Tode blieb, obwohl die Römer ihn grausamst gefoltert und ermordet hatten, zum Zeichen für ihre Allmacht und zur Einschüchterung allen gegenüber, die gegen die Römer aufbegehren wollten.

Was bedeutet nun dieser Spruch aus dem Römerbrief? Und was bedeutet er für meinen früheren Klassenkameraden?

Er ist vielleicht etwas bedeutungsoffen.

Zum einen kann darin die Mitteilung stecken, dass man in Jesus Gott erkennen kann und somit auch die Hoffnung erkennen kann, dass es nach dem Tod weiter geht. Denn Paulus setzt die Sünde mit dem Tod gleich. Sünde bedeutet einerseits Trennung von Gott, andererseits aber auch Tod. Wer an Gott bzw Jesus glauben kann oder sich zumindest darum bemüht, der wird, so der christliche Glaube, mit in diese Bewegung hinein genommen, dass Gott ihn nicht aus sich hinausfallen lässt und ihn in sein ewiges Leben integriert.

Die andere Lesart ist die, dass Jesus ja tatsächlich Menschen geheilt hat. So kann man den Vers aus dem Römerbrief auch verstehen: durch einen einzigen Menschen, durch Jesus Christus, gibt es die Rettung aus der Gewalt der Sünde, also aus der Gewalt des Todes. Vielleicht ist hier die Hoffnung auf Heilung gemeint. Eine Hoffnung, die nach unserem menschlichen medizinischen Ermessen zunächst nicht so groß erscheint, aber wie schon eingangs beschrieben, für Gott ist nichts unmöglich.

Was aber, wenn man nicht an Gott glauben kann?

Christlich gesehen ist es so, dass der Heilige Geist Gottes den Glauben bewirkt. Was aber, wenn jemand nicht glauben kann? Weht dann dort der Geist Gottes vielleicht nicht? Zunächst könnte man als jemand, der dies testen möchte, sich einmal darauf einlassen, auf den Glauben. Das könnte beginnen mit einem kleinen Gebet: Jesus, Gott, wenn es dich gibt, komm bitte in mein Leben. Und wenn es irgendwie deinem Plan entspricht, so bitte ich dich von Herzen darum, heile mich.

Oder man sieht es im Sinne der pluralistischen Theologie, z.b. in der Lesart von Michael von Brück, der es im Sinne der Allversöhnung sieht: wenn Gott die absolute Liebe ist, so gibt es keinen Ort im Universum oder irgendwo, wo diese Liebe nicht ist, denn sonst wäre sie nicht absolut und Gott wäre nicht Gott. Deshalb kann man aus dieser Liebe niemals herausfallen. So, wie Paulus es auch schon formuliert: lebe ich, so lebe ich Gott, und sterbe ich, so sterbe ich Gott, so ob ich nun lebe oder tot bin, ich bin in Gott. Und so kann mir eigentlich nichts passieren.

Achso, und wo gerade Weihnachten ist: es ist ja das christliche Fest, an dem man daran denkt, dass Gott sich den Menschen zeigt. Das ist das besondere von Weihnachten-

Ich Frage mich nur, ob ich dem kranken Klassenkameraden von der Bibelstelle erzählen soll, oder ob er es vielleicht lieber nicht hören will. Schwierig.

Aber ich habe jetzt nachgedacht und wenn ich davon ausgehe, dass Gott möglicherweise auf diesem Weg ihm etwas sagen möchte, wäre es ja schon fahrlässig, diese Botschaft nicht weiterzugeben. Also beiß ich in den sauren Apfel, auf die Gefahr hin, mich vielleicht lächerlich zu machen, aber auch das hat Paulus schon gesagt (1Kor 4,10). Also was solls, gehen wir es an.

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