Warum gibt es Leid auf der Welt? Die Theodizeefrage, Teil 2.

In einem Artikel von vor ein paar Tagen bin ich der Sache mal etwas genauer nachgegangen. Man kann ihn hier gerne nachlesen.

Der Ansatz, den ich verfolge, ist der, dass es ohne Leid auch keine Freude geben kann. Und dass der Mensch zudem nicht frei und auch handlungsunfähig wäre.

Gott könnte Menschen zwar im Grunde so erschaffen, dass sie immer einen gewissen Gleichmut hätten, von mir aus auch eine gewisse Freude, sodass sie beispielsweise alle auf einer imaginativen Skala von Freude immer denselben Wert voreingestellt hätten, beispielsweise alle den Wert 3.

Man könnte dann argumentieren, die Menschen wären zwar in Bezug auf Freude und Leid nicht mehr frei, aber sie könnten ja unabhängig davon noch freie Entscheidungen treffen, ins Kino gehen, Freunde treffen, irgendwelche Unternehmungen machen. Gott könne das Leid auf der Welt doch dadurch beseitigen, dass der Mensch einfach von seiner Empfindung her niemals Leid empfinden würde. Dass er sich also immer in emotionaler Hinsicht auf einer Freudenskala von 3 befände, welche standardmäßig fest und fix und unveränderlich eingestellt wäre.

Aber das ist vermutlich ein Fehlschluss.

Denn die Freude bzw die Angst vor Leid ist wohl die eigentliche Triebfeder des Menschen, überhaupt etwas zu tun.

Ansonsten müsste der Mensch, ähnlich wie eine Ameise vielleicht, vorprogrammiert sein, um überhaupt etwas an Handlung vornehmen zu können.

Wenn ein Mensch einem anderen eine Freude machen will, macht er dies in der Regel nämlich auch deswegen, weil seine Tat etwas mit ihm selbst zu tun hat, weil er sich selber damit nämlich besser fühlt, sich selbst also eine Freude macht. Es macht diesem Menschen Freude, anderen Menschen eine Freude zu machen. Würde er sich dadurch schlechter fühlen, würde er dies wohl nicht tun.

Selbst Verbrecher, die anderen Menschen viel Leid zufügen, wollen sich selber offenbar Erleichterung verschaffen, also eine gewisse Form von Freude, sonst würden sie derartige Verbrechen nicht begehen. Sie klammern zwar in egoistischer und egozentrischer Manier das Leid aus, das anderen Menschen zugefügt wird, für sich selber jedoch wollen sie ihr eigenes Wohlbefinden und Wohlbehagen, also gewissermaßen ihre Freude, vergrößern, und sei es durch noch so eine monströse Tat bzw Untat.

Freude und potentielles Leid sind die beiden Möglichkeiten, die überhaupt erst Handlung ermöglichen.

Gott könnte zwar Menschen auch so schaffen, dass sie beispielsweise alle auf einer imaginativen Stufe 3 glücklich wären, ihnen gleichzeitig aber das Wissen um schreckliches Leid implementieren. Allerdings dürfte dies nicht von langer Dauer sein, denn wenn sie niemals Leid tatsächlich erfahren würden, würde ihnen auch das Wissen um mögliches Leid, welches ihnen niemals wirkliches Leiden zufügen könnte, im Grunde nichts ausmachen. Sie wären emotionslos glücklich, obwohl sie theoretisch wüssten, dass es auch das Leiden geben könnte. Da sie dies aber nie erfahren hätten oder würden, wäre es bloße Theorie für diese Art von Menschen.

Oder aber, sie hielten dieses ihnen implementierte Wissen über das Leid für real und für potentiell auch eintretbar, dann wären sie allerdings in dieser Hinsicht trotzdem nicht mehr frei, sondern ebenfalls vorprogrammiert. Sie wären in diesem Fall intellektuell nicht in der Lage, zu verstehen, dass dieses Leid, vor dem sie Angst hätten, niemals eintreten würde und könnte, weil es ja noch niemals eingetreten ist.

Drum bleibt als logischer Schluss, dass Gott, zumindest nach innerweltliche Logik, eine Welt wie die menschliche Welt nur erschaffen konnte, indem er sowohl Freude als auch Leid als Möglichkeiten zuließe.

Die Wahl zwischen beiden erst ermöglicht dem Menschen, selbstständig Entscheidungen treffen zu können. Hätte er diese Möglichkeit nicht, wäre er vorprogrammiert, wäre ein Sklave von Algorithmen, wie vermutlich eine Ameise es ist. Der Mensch hätte auch keinen Handlungsimpuls. Selbst, wenn Gott dem Menschen Handlungsimpulse implementiert hätte, wären diese doch nicht wesentlich anders als diejenigen einer Ameise, es wären in diesem Falle nämlich nur vorprogrammierte Algorithmen.

Als Gott hätte man, von unserem menschlichen Standpunkt und mit unserer menschlichen Logik betrachtet zumindest, also entweder die Möglichkeit, ein menschliches Wesen mit Algorithmen auszustatten, damit diese Menschen dann wie ein Roboter auf jede mögliche Situation reagieren würden. Oder aber man gäbe diesen Menschen die Möglichkeit zu Freude und Leid mit in ihr emotionales Gepäck, welches dann gewissermaßen auch ein vorgegebener Algorithmus ist, jedoch wesentlich offener. Vorgegeben in der Form, dass der eine Mensch die eine Sache als Freude empfindet, ein anderer Mensch eine ganz andere. Offen jedoch in der Hinsicht, dass nicht ein Algorithmus entscheidet, wie an welcher Stelle zu handeln sei, sondern der Mensch selbst. Als Mensch ist hier derjenige gemeint, der in der Genesis als Ebenbild Gottes von Gott erdacht und erschaffen wurde, also als eine Entität, die in der Lage ist, eigene Entscheidungen zu treffen und danach zu handeln.

Zusammenfassung. Wäre der Mensch nur auf einer Stufe glücklich und es gäbe für ihn keine anderen Gefühle, würde er auch kein Leid empfinden können. Er hätte allerdings auch keine Vorstellung davon, was Freude oder Leid bedeuten würden, weil er gewissermaßen nur eine einzige emotionale Einstellung kennen würde, selbst, wenn diese Einstellung im Vergleich zu Menschen aus einer anderen Welt als Freude oder Leid empfunden werden würde. Der Mensch, der nur auf einer Stufe glücklich wäre, wäre gewissermaßen emotionslos, weil er keine Vergleichspunkte hätte.

Wäre ihm das Wissen um die Möglichkeit von Leid implementiert, hätte er zwar einen Vergleichspunkt, befände sich jedoch trotzdem immer auf derselben emotionalen Stufe und somit wäre dieser Vergleich für ihn sicherlich ziemlich irreal, da er doch de facto niemals eintreten würde. Der Mensch wüsste zwar, wie Leid wäre, könnte es aber emotional nicht begreifen, weil er ja doch immer auf der Stufe 3 der Freudenleiter beheimatet wäre. Es würde sich nur um ein intellektuelles Wissen handeln.

Dadurch, dass der Mensch Freude und Leid empfinden kann, kann er Präferenzen haben, was er lieber tun möchte und was nicht. In Kombination mit dem biblischen Menschenbild, dem Menschen als Ebenbild Gottes, also einem Wesen, das eigene Entscheidungen zu treffen in der Lage ist, erhält der Mensch einen freiheitlichen Handlungsspielraum, indem er überraschend für sich selbst und überraschend und unvorhersagbar auch für Gott agieren kann. So kann Kain beispielsweise den Abel erschlagen, ohne, dass Gott dies von vornherein vorgegeben hätte. Denn sonst wäre ja Gott dafür verantwortlich. So kann beispielsweise Jesus, der wahre Mensch, selbst entscheiden, das ihm bevorstehende Leid anzunehmen, weil es ihm vielleicht eine innere Befriedigung verschafft, sich und Gott treu zu bleiben, also gewissermaßen eine innere Freude, obwohl das Leid sehr groß ist.

Ohne die Fähigkeit, Freude und Leid zu empfinden, könnte der Mensch wahrscheinlich nicht frei entscheiden, wie er leben möchte. Denn das Entscheidungskriterium, Freude zu erlangen oder Leid zu vermeiden, besäße er nicht.

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