Die Lösung der christlichen Theodizeefrage

Man lernt ja immer dazu. Kürzlich in einer Diskussion kam mir eine neue Idee, die ich doch ein wenig revolutionär finde. Denn sie bietet eine Lösung für eines der größten christlichen theologischen Probleme an, für die Frage nämlich, warum es Leid auf der Welt gibt, wenn Gott doch allmächtig und gerecht ist.

Dieser Frage wird nämlich gerne erwidert, entweder sei Gott nicht allmächtig, weil er das Leid nicht verhindern könne, oder er sei zwar allmächtig, aber nicht gerecht, weil auch unschuldige Menschen das Leid völlig unverschuldet trifft.

Die Theodizeefrage ist also die Frage, wie es denn sein kann, dass der allmächtige und gerechte Gott das Leid auf der Welt zulässt.

Kann er nichts dagegen tun? Dann wäre er ja nicht allmächtig. Will er nichts dagegen tun, dass unschuldige Menschen Leid erfahren? Dann wäre er doch nicht gerecht.

Zunächst seien ein paar Ansätze skizziert.

Der Ansatz im Hiobbuch. Es ist ein theologisches Versuchslabor, also nichts, was wirklich passiert sein dürfte. Denn zu Beginn des Buches gibt es einen Dialog zwischen Gott und dem Teufel. Der Teufel möchte mit Gott wetten, dass er den Hiob, einen gläubigen und frommen Menschen, von Gott abbringen könne, wenn es nur schlimm genug um ihn stünde. Dramatisch ist, dass Gott einwilligt.

Und so macht sich der Teufel ans Werk. Hiob verliert alles, was er hat, seine Familie, seinen Reichtum, sein Vieh und schließlich seine Gesundheit. Abfallen vom Glauben tut er nicht.

Im Hiobbuch wird der sogenannte Tun-Ergehen-Zusammenhang weitestgehend außer Kraft gesetzt.

Dies meint, dass man in biblischen Zeiten davon ausging, dass die eigenen Taten dafür verantwortlich seien, wie es einem ergehe. Wer krank war, musste dieser Vorstellung nach wirklich einige schlimme Dinge im Leben getan haben, denn die Krankheit sah man als Strafe Gottes an.

Nun hat Hiob aber überhaupt nichts Schlimmes gemacht, ganz im Gegenteil, er ist gottgefällig und gottesfürchtig wie kein anderer, wird aber trotzdem mit dem größten Leid überhaupt geschlagen. Der Tun-Ergehen-Zusammenhang gilt also nicht mehr. Hiob hat nichts Schlimmes getan, erfährt aber das schlimmste Leid. Völlig unverschuldet.

Das mit der Auflösung des Tun-Ergehen-Zusammenhangs stimmt jedoch nicht ganz, denn zuletzt erhält Hiob auf wundersame Weise, weil er eben so standhaft und gläubig geblieben ist, von Gott alles doppelt und dreifach zurück, eine neue Familie, mehr Kinder, mehr Reichtum und beste Gesundheit. Ein märchenhafter Schluss, den es so in echt wohl nicht oder nur selten geben dürfte.

Der Ansatz bei Martin Luther.

Luther spricht von einem Deus absconditus und einem Deus revelatus.

Der Deus absconditus, der verborgene Gott, ist für die Menschen nicht verständlich. Warum Gott wie handelt, können wir Menschen mit unserem eingeschränkten Blick in keiner Weise nachvollziehen. Nur der Gott, der sich selbst enthüllt hat, ist für uns Menschen einigermaßen zu verstehen. Der Gott beispielsweise, der sich in Jesus Christus uns Menschen gezeigt hat, im Evangelium also, in der frohen Botschaft. Allerdings ist das Evangelium etwas, was nur auf das Reich Gottes hindeutet, wenn wir dereinst jedoch selbst im Reich Gottes seien werden, erst dann werden wir wohl wirklich verstehen, warum was wie gelaufen ist und unserem Leben. Erst dann ist Gott für uns tatsächlich der Deus revelatus.

Luther geht also über das Hiobbuch hinaus. Während bei Hiob in einer langen Gottesrede Gott dem Hiob erklärt, was dieser alles nicht versteht, die Wunder der Natur, der Schöpfung, die Werke Gottes, sodass Hiob ratlos zurückbleibt und keine Antwort auf sein Leid hat, gibt es bei Luther immerhin die Hoffnung, dass alles gut werden wird, da in Jesus bereits diese Hoffnung des sich selbst den Menschen ausliefernden Gottes in diese Welt hineinscheint.

Einen anderen Ansatz verfolgt der jüdische Denker Hans Jonas. Das, was ihm schwer im Magen liegt, ist die Theodizeefrage angesichts der Monstrosität der Schoah bzw des Holocausts. Wie konnte Gott bloß dieses unendliche Leid zulassen?

Die Antwort von Hans Jonas ist, dass Gott sich seiner Göttlichkeit entkleidet und in die Welt hineinbegeben hat. Er ist zwar prinzipiell allmächtig, er hat das gesamte Universum erschaffen, allerdings nicht mehr ab dem Zeitpunkt, wo er selbst Teil dieser Welt wird. Später einmal vielleicht schon wieder, wer weiß. Zur Zeit des Holocausts aber nicht. Er hat seine Allmacht abgegeben und abgelegt. Er ist also mitten in der Welt im Leid anwesend und ihm fehlen zur Zeit dieses Leids die Mittel, um dagegen etwas tun zu können. Er erleidet das Leid in der Welt selber mit.

Eine christliche Sicht diesbezüglich ist, dass auch Jesus sich in die Welt hinein begeben hat und dort verwundbar war, bis ins tiefste Leid und bis in den Tod hinein.

Über die Vorstellung von Hans Jonas hinaus geht jedoch die christliche Vorstellung, dass Jesus das Alpha und das Omega der Geschichte ist, der Anfang und das Ende. Jesus bzw Gott stehen für den Beginn aller Existenz, Jesus begibt sich verletzlich in die Welt hinein, wird dort gekreuzigt und stirbt qualvoll. Aber es bleibt nicht dabei, Gott lässt ihn nicht im Tod, sondern lässt ihn wieder auferstehen. Und so ist die christliche Hoffnung, dass Gott auch für uns Menschen diese Bereitschaft hat, dass er unser Leben zu einem guten Ende führen will, wenn nicht in dieser Welt, wo unser Leben nur fragmenthaft ist, so doch in Gottes Welt, nachdem wir das irdische Leben verlassen haben werden. Gott ist der, der unser Leben vollenden wird.

Dann gibt es noch einen Ansatz aus dem Zeitalter der Aufklärung von dem Universalgelehrten Gottlieb Wilhelm Leibniz.

Er differenziert zwischen verschiedenen Übeln. So gibt es das sogenannte malum moralum, das moralische Übel, womit gemeint ist, dass man die unmoralischen Verhaltensweisen von Menschen Gott nicht anlasten kann. Wenn Menschen Kriege führen untereinander oder sich gegenseitig umbringen oder bestehlen oder vergewaltigen oder was auch immer, so handelt es sich hierbei um ein moralisches Übel. Der Mensch ist dafür verantwortlich, Gott ist es nicht.

Des Weiteren gibt es noch das malum physicum, das physische Übel. Damit ist im Grunde die Natur und Naturkatastrophen gemeint. Ein Tsunami beispielsweise oder ein Vulkanausbruch oder eine Epidemie sind Gott ebenfalls nicht anzulasten, sie fallen unter die Rubrik des natürlichen Übels und der Natur.

Und zuletzt gibt es das malum metaphysicum, das metaphysische Übel. Damit ist gemeint, dass Gott zwar Wesen hätte schaffen können, die irgendwie vollkommen sind, aber dann wären es keine Menschen mehr. Aus irgendwelchen Gründen wollte er aber Menschen schaffen und zum Wesen des Menschen gehört es eben, dass er auch krank werden kann, dass er Leid empfinden kann und dass er irgendwann sterben wird.

Leibniz sieht unsere Welt als die beste aller möglichen Welten. Dies ist allerdings in Bezug auf das Entwicklungspotential, das in der Welt und in den Menschen steckt, gedacht. Nicht die Welt, wie sie momentan ist, ist die beste aller möglichen Welten für Menschen, sondern die Welt, die sie werden könnte, wenn die Menschen in guter Weise an sich und ihr arbeiten.

Den letzten und nun folgenden Gedanken hatte ich nun kürzlich in einer Diskussion aufgegriffen und verfolgt, den Gedanken nämlich, dass Gott zwar andere Wesen hätte schaffen können, völlig vollkommene Wesen, die beispielsweise auch nicht sterben müssten und niemals Leid empfinden würden, die dann allerdings keine Menschen wären, sondern andere Wesen eben.

Gott hätte so beispielsweise Wesen erschaffen können, die einfach kein Leid empfinden.

Allerdings würde sich dies mit der Freiheit des Menschen beißen bzw mit der Freiheit desjenigen Wesens. Denn ein Wesen, das alles nur als gut empfinden würde, hätte überhaupt keine Wahl. Angenommen dem Wesen würden schlimme Dinge widerfahren, ein Unfall, eine Krankheit, eine Naturkatastrophe, könnte das Wesen trotzdem so gebaut sein, dass es all dies niemals als etwas Negatives einschätzen würde.

Nennen wir dieses Wesen der Einfachheit halber trotzdem einmal Mensch, auch, wenn wir wissen, dass Menschen so nicht denken würden und so nicht gebaut sind. Also hätte Gott die Menschen so erschaffen können, dass sie einfach kein Leid empfinden, ganz egal, was ihnen zustößt.

Dann wäre es aber zu Ende mit der menschlichen Freiheit, die wir Menschen nach biblischer Vorstellung ja doch in einigem Maße besitzen. Der Mensch wird biblisch ja als Ebenbild Gottes gedacht, als etwas, das keine Marionette ist, sondern als etwas, das einen eigenen Willen haben kann.

Hätte Gott die Menschen aber so geschaffen, dass sie alles einfach nur als gut empfänden, egal, wie schlimm es im Grunde wäre, hätte der Mensch keine Freiheit. Er wäre wie eine Maschine so eingestellt, dass er alles als gut empfinden müsste. Er wäre komplett unfrei.

Ein anderer Gedanke in diesem Sinne. Gott hätte den Menschen auch so schaffen können, dass er einfach kein extremes Leid empfinden müsste. Nämlich so, dass es auf der Welt einfach kein extremes Leid gäbe.

Dann wäre es vielleicht so, dass die Menschen auf einer imaginären Stufe von Glück in der Regel auf Stufe 3 wären, manche auf Stufe 2 und die weniger glücklichen auf Stufe 1.

Allerdings würde sich auch hier die Frage ergeben, warum jemand dann auf Stufe eins sein müsste, wo es andere doch besser hätten, wenn sie auf Stufe zwei oder drei wären. Die Menschen würden beginnen, auf hohem Niveau zu jammern. Sie würden zwar nicht jammern über dramatische Krisen oder Krankheiten oder Tod oder Naturkatastrophen, weil sie alle ziemlich glücklich wären und Derartiges niemals in ihrer Welt vorkäme, jedoch wären sie aber eben nicht alle oder zumindest nicht immer vollkommen glücklich. Manche wären nur auf Stufe 2, manche nur auf Stufe 1. Es ergäbe sich ein Klagen auf hohem Niveau, und es ergäbe sich dieselbe Frage, Gott, warum hast du die Welt nicht so geschaffen, dass sie einfach nur gut ist, und nur gut, nichts anderes?

Damit wären wir dann wieder bei dem vorigen Punkt, dass Gott sie hätte so schaffen können, dass alle Menschen nur auf Level 3 Glück empfänden. Aber, wie wir schon erörtert haben, wäre der Mensch dann komplett unfrei. Er könnte Dinge, auch wenn sie noch so dramatisch wären, niemals als etwas Schlechtes erfahren, weil er einfach immer glücklich programmiert wäre, auf Stufe 3 nämlich.

Und das ist dann wohl auch die Lösung des Theodizeeproblems.

Das Fazit aber ist: Wenn Gott den Menschen als Ebenbild und somit als freies Wesen erschaffen möchte, kommt er, zumindest der Logik nach, nicht umhin, das Leid zuzulassen. Denn sonst würde er Maschinen konstruieren, die alle glücklich wären, alle standardmäßig vorprogrammiert glücklich auf Stufe 3, die demnach alle glücklich sein müssten ohne die Wahl zu haben, irgendwelche Abstufungen in ihrem Glück zuzulassen.

Leid und Freiheit sind die beiden Seiten derselben Münze. Ohne die Möglichkeit zum Leid gibt es keine Freiheit.

Lesen Sie auch: die Theodizeefrage, Teil 2

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