Der Sprung in die Nicht-Existenz

Vor einigen Monaten berichtete ich von einem Bekannten, der eine Gehirnblutung bekommen hatte, dann mehrfach Notoperationen, künstliches Koma. Vor einiger Zeit hörte ich, dass er wieder bei Sinnen ist, jedoch nicht so, wie man es sich erhofft hätte. Er liegt im Bett und kann sich nicht bewegen. Er kann allerdings hin und her schauen und mit seinen Augen zeigen, ob ihm etwas gefällt oder nicht.

Als die Gehirnblutung stattfand, gab es bereits Menschen, die sagten, es sei doch besser, wenn er gar nicht mehr leben würde. Aber ist das so?

Ich erinnere mich bei diesem Thema an einen Lehrer aus unserer Schulzeit, vielleicht war es ein Deutschlehrer, der hatte mal so in den Raum gestellt, er würde lieber zehn Jahre erfüllt leben wollen, als 100 Jahre im Bett liegen und nur an die Decke schauen können. Und genau das ist ja jetzt der Punkt bei diesem Bekannten.

Vor einiger Zeit las ich in der ZEIT einen Artikel über sogenannte „locked in Patienten“. Diese haben quasi den Zustand, den dieser Bekannte erreicht hat, allerdings auf Raten. Sie können sich nach und nach immer weniger bewegen, bis irgendwann tatsächlich nur noch die Möglichkeit besteht, die Augen hin und her zu bewegen und zu öffnen und zu schließen.

Aus Sicht eines gesunden Menschen natürlich der absolute Horror.

Andererseits erinnere ich mich an eine Werbung, die ich einmal zufällig sah, als ich selber eine schwere Krankheit hatte und die mich ziemlich zusammenzucken ließ. Heute würde ich mit keiner Wimper zucken bei dieser Werbung, aber damals war die Sache anders. Es ging um irgendein Versandunternehmen, das damit Werbung machte, dass alles schnell eingepackt und geliefert werde. In der Werbung wurde dann aber fälschlicherweise ein Mensch eingepackt, Klick und klack und er war zu einem handlichen Paket zusammengeschnürt und damit irgendwie auch nicht mehr existent. Wenn man selber recht krank ist, was bei mir glücklicherweise nur temporär war, vielleicht eine schwere Wintergrippe, dann betrifft einen so etwas doch.

Und so vermute ich, geht es vielleicht auch „locked in Patienten“ und auch dem Bekannten, der nun nur im Bett liegen und in sein Zimmer schauen kann. Dass er zwar aus der Sicht eines gesunden Menschen extrem eingeschränkt und ein Häufchen Elend ist, dass er aber andererseits nicht in die Nichtexistenz entschwinden möchte.

An anderer Stelle las ich vor einiger Zeit einmal, dass es etwa zwei Jahre dauere, bis Menschen, die plötzlich beispielsweise eine Behinderung bekommen, sich damit einigermaßen arrangieren, dann allerdings ihr Leben durchaus in einer gewissen Weise als lebenswert empfinden können.

Von daher vermute ich, dass Menschen, die im ersten Schock beispielsweise über den Bekannten, der jetzt nur noch im Bett liegen und schauen kann, sagten, es sei doch besser, er wäre gleich gestorben, damit ihm das Leid erspart bliebe, damit eigentlich auch ihre eigene Angst und ihr eigenes Leid meinten, das ihnen immer wieder bewusst wurde, wenn sie diesen Bekannten, der für sie nicht mal ein Bekannter, sondern ein Freund ist, sehen.

Die Sache mit der Nichtexistenz ist aus christlicher Sicht natürlich nicht so dramatisch, denn hier herrscht der starke Glaube daran, dass die Körperlichkeit nicht alles ist, dass also, wenn der Körper einst stirbt, dasjenige, was uns Menschen ausmacht, weiterleben darf bei Gott. Hierfür gibt es verschiedene Konzepte, die immer mal wieder diskutiert werden, aber der Mensch spricht hier natürlich von Dingen, die er eigentlich nicht verstehen kann. Dennoch ist der tiefe Glaube im Christentum, dass es nach dem körperlichen Tod weitergeht bei Gott.

Aber so eine Hoffnung ist möglicherweise dennoch etwas fern liegendes für jemanden, der zwar nur die Augen bewegen kann, aber der noch am Leben hängt. Man kann, wenn man selbst betroffen ist, nicht so einfach sagen, gut, dann schaue ich mal, wie das so weitergeht, schreite ich doch einfach mal in die Nichtexistenz oder hoffe drauf, dass es bei Gott weitergeht. Meistens ist es doch so, dass man trotzdem am Leben hängt.

Und so habe ich nun gestern für den Bekannten, der nur noch seine Augen bewegen kann, gebetet, aber was betet man dann? Wenn Gott hinter der Existenz des Universums steht, ist ihm prinzipiell natürlich alles möglich. Dennoch wissen wir, dass Wunder doch eher etwas rar gesät sind in unserer Welt, was jedoch nicht ausschließt, dass es sie gibt. Ich hatte gebetet, dass der Bekannte doch nach und nach möglicherweise zumindest irgendwann wieder sprechen könne, damit er sich mit der Welt besser verständigen kann. Und wenn möglich, dass natürlich insgesamt Besserung auftritt.

Aber angesichts solcher Leidenserfahrungen können zumindest all die Menschen, die relativ gesund sind, versuchen, die Probleme des Alltags etwas zu relativieren, wie auch wir wir selbst beispielsweise. Wir, die wir diesen Text hier lesen, haben mehrheitlich wahrscheinlich keine gravierenden Probleme, zumindest nicht im Angesicht solch großen Leides. Dennoch, so vermute ich, kann selbst das Leben, das von außen als so leidensvoll und eingeschränkt erscheint, demjenigen, der es lebt und der da aus seinen Augen heraus schaut, vielleicht dennoch irgendwann wieder sinnvoll erscheinen. Und uns kann es helfen, jeden Tag neu als das zu sehen, was er ist, als ein Geschenk.

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