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Ist Abtreibung gleich Mord – oder ist es komplizierter?

Manchmal hört man von Menschen, die auf die Straße gehen und gegen Abtreibung demonstrieren. Sie setzen Abtreibung mit Mord gleich. Haben sie damit denn Recht?

Schauen wir uns mal zwei unterschiedliche Argumentationsmuster an.

Zuerst das derjenigen, die die oben genannte These tatsächlich vertreten.

Stellen stellen Sie sich vor, sie hätten eine Tochter, die 20 Jahre alt ist. Finanziell geht es Ihnen gerade nicht allzu gut und Sie fühlen sich auch als Elternteil überfordert, vielleicht sind Sie sogar alleinerziehend.

Daher gehen Sie zu ihrer Tochter und formulieren folgende Bitte: „Du, es ist jetzt nicht persönlich gemeint, aber ich habe gerade wenig Geld und außerdem überforderst du mich. Es wäre doch besser, wenn Du gar nicht geboren wärest. Könntest Du da nicht was machen?“

Dieses Gespräch ist natürlich zutiefst unmoralisch und hoffentlich gibt es niemanden, der je dieses oder ein ähnliches führen wird, spricht es doch einem Menschen seine Menschenwürde, sein Menschsein und sein Recht auf Leben ab.

Hier sind wir allerdings ziemlich nahe bei den Abtreibungsgegnern, und zwar bei denen, die komplett gegen eine Abtreibung sind und auch keine Sonderfälle zulassen.

Sie argumentieren, es gehe lediglich um den Zeitfaktor.

Wenn man der Sache zustimmt, dass ein Mensch im Alter von 20 Jahren ein unbedingtes Recht auf Leben hat, so muss man, wenn man es prinzipiell sieht, dem gleichen Menschen dieses Recht auch zugestehen, wenn er zwar noch nicht ausgewachsen ist, wenn aber alles so angelegt ist, dass er 20 Jahre später tatsächlich als Mensch auf der Welt umherläuft.

Das heißt, sobald Samenzelle und Eizelle verschmolzen sind, sobald also der Mensch vom Prinzip her angelegt ist und nur noch reifen muss, handelt es sich nach Annahme der radikalen Abtreibungsgegner um einen Menschen. Und dessen Leben muss unbedingt geschützt werden, egal ob er nur 20 Jahre alt ist oder erst ein Embryo in einem extrem frühen Stadium, das vielleicht gerade mal zwei Tage alt ist.

Wäre es Mord, wenn man ein solches Embryo abtreiben würde?

Die Kennzeichen von Mord sind Planmäßigkeit, Heimtücke und niedere Motive.

Wer eine Abtreibung vornehmen lässt, handelt in der Tat planmäßig, niedere Motive wird man ihm aber nicht unbedingt unterstellen. Wenn jemand beispielsweise wenig Geld hat oder sehr jung schwanger wird, mag es sein, dass er bzw sie sich noch nicht in der Lage fühlt, ein Kind zu bekommen. Sie fühlt sich überfordert.

Niedere Motive sind das aber nicht unbedingt. Und heimtückisch ist es auch nicht unbedingt, ein Embryo im Frühstadium abtreiben zu lassen, denn man entfernt es ja nicht aus der Gebärmutter einer Frau, ohne dass die es mit bekäme, macht es also nicht heimlich und heimtückisch, sondern planmäßig.

Die Tatmerkmale des Mordes treffen insofern nicht wirklich zu auf eine Abtreibung.

Dennoch ist bei radialen und wohl auch moderaten Abtreibungsgegnern sicherlich, zumindest wenn sie christlich oder auch jüdisch argumentieren, im Hinterkopf, dass der Mensch zu Gottes Ebenbild geschaffen wurde und Gott ihm seinen Atem einhauchte. Dass es sich dort also selbst im Frühstadium nicht einfach nur um ein paar Moleküle und Zellstrukturen handelt, sondern dass dort schon ein göttlicher Wille sichtbar ist, der einen Menschen entstehen lassen will. Dies erschwert natürlich den Gedanken, einen solchen Menschen, der zwar bislang nur ein Embryo ist, abtreiben zu lassen.

In Deutschland ist es übrigens so, dass man unter gewissen Voraussetzungen bis zur 12. Schwangerschaftswoche eine Abtreibung vornehmen lassen kann, wie hier verlinkt.

Wie sehen es aber Abtreibungsbefürworter?

Das Wort Abtreibungsbefürworter ist an sich schon irreführend. Denn es gibt wohl kaum Menschen, die es wirklich prinzipiell gut finden, wenn entstehendes Leben an seinem Leben gehindert wird und abgetrieben wird. Abtreibungsbefürworter sind ja in der Regel öfters durchaus reflektiert, machen sich Sorgen um das Leben der Mutter, berücksichtigen, ob beispielsweise das Kind durch eine Vergewaltigung gezeugt wurde, ob es vielleicht schwer krank sein könnte und so weiter. Abtreibungsbefürworter machen es sich oft auch nicht leicht.

Was könnte aber ihr Argument sein?

Zum einen, dass das Leben der Mutter nicht gefährdet werden darf und dass man einer Mutter, die vergewaltigt wurde, natürlich nicht aufbürden kann, aus dieser Untat und diesem Verbrechen heraus ein Kind zu gebären, es großzuziehen uns dann am besten noch lieben zu sollen. Denn Letzteres ist ja schon sehr zweifelhaft.

Dann gibt es auf dieser Seite noch die Vorstellung, wenn ein Kind beispielsweise mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr krank wäre, dass man ihm vielleicht etwas Gutes tue, wenn man es, entschuldigen Sie den Euphemismus, von seinen vermeintlichen und eventuell bevorstehenden Qualen „erlösen“ würde. Diese Argumentation ist allerdings etwas schwierig, weil auch Menschen, die beispielsweise eine Behinderung haben, oft mit ihrem Leben durchaus zufrieden sind und sich ihres Lebens freuen.

Und auch christlich gedacht ist es nicht so, dass Gott der Garant für Gesundheit ist, sondern dass es bei ihm vor allem darum geht, eine Beziehung zu Menschen herzustellen und aufrechtzuerhalten. Das Wichtige ist aus christlicher Sicht, dass der Mensch, selbst, wenn er nicht ganz gesund ist, und wer ist das schon, weiß, er ist von Gott angenommen.

In dieser Hinsicht argumentiert auch Jesus, als ein Gelähmter durch das Dach eines Hauses herabgelassen und ihm zu Füßen gelegt wird. Zuerst sagt er ihm, dass seine Sünden vergeben sind. Er stellt also die Beziehung zwischen ihm und Gott wieder her. Erst, als sich einige Leute im Umkreis darüber echauffieren, wie er sich denn anmaßen könne, Sünden zu vergeben, weil dies doch einzig und allein Gott zustehe, macht er deutlich, dass er diese Vollmacht hat, indem er den Gelähmten tatsächlich heilt. Der Gelähmte wird gesund und geht auf eigenen Beinen davon. Der primäre Gedanke ist aber der, dass Gott die Beziehung zu dem Menschen wiederherstellt, dass Sünde, also all das, was Menschen an Mist bauen, nicht zwischen dem Menschen und Gott stehen soll.

So, verlassen wir dieses christliche Argumentationsmuster wieder.

Stellen Sie sich vor, Sie haben einiges an Geld auf dem Konto und bestellen sich ein neues Auto, das für sie erst noch hergestellt wird.

Nun brennt es in der Fabrik, und ihr Auto ist auch kaputt.

Allerdings nicht Ihr Auto, denn dieses war erst zum Teil hergestellt, es bestand nur aus einer lackierten Karosserie. Das ganze Innenleben fehlte noch, der Motor war noch bei einem Zulieferer, die Stoßdämpfer und Reifen ebenso, sowie die gesamte Elektronik. Es wurde also nicht tatsächlich Ihr Auto zerstört, sondern nur das, was dazu angelegt war, irgendwann einmal tatsächlich ihr Auto zu sein.

Auch, wenn es sicherlich kein allzu guter Vergleich ist, ein Embryo mit einem Auto zu vergleichen, und wenn Vergleiche immer hinken, so kann dieser Vergleich doch zumindest verdeutlichen, worum es aus Sicht der Abtreibungsbefürworter geht.

Sie sagen, dass man einen Unterschied machen muss zwischen einem Menschen, der beispielsweise schon geboren worden ist, zwischen einem Embryo, das vielleicht sechs Monate alt ist und zwischen einem Embryo, das weniger als 12 Wochen alt ist oder vielleicht erst wenige Tage.

Fazit.

In beide Positionen kann man sich hineindenken. Bei der ersten Position ist das Ganze allerdings sehr prinzipiell gedacht, in der Realität jedoch macht es für praktisch jeden Menschen aber einen Unterschied, ob jemand 20 Jahre alt ist oder erst wenige Tage als Embryo existiert.

Im zweiten Fall, in dem Vergleich mit dem Auto, wird der Mensch auf Einzelteile reduziert, auf Zellen und Moleküle gewissermaßen, es wird aber negiert oder zumindest ignoriert, dass dahinter beispielsweise ein göttlicher Wille stehen könnte, indem man es so materialistisch betrachtet.

Diese beiden Sichtweisen stehen sich also teilweise recht unversöhnlich gegenüber und es ist wohl auch nicht abzusehen, ob sich dieser Widerspruch einmal komplett auflösen könnte.

Ob man sich für oder gegen eine Abtreibung entscheidet, bedeutet jedes Mal eine Dilemmasituation, aus der man im Grunde nicht heile hinauskommt.

Für viele Frauen ist eine Abtreibung offensichtlich etwas, was ein Lebensthema bleibt, so dass man sie sicherlich nicht leichtfertig vornehmen sollte. Andererseits kann es tatsächlich für Frauen auch extrem belastend sein, wenn sie ein Kind zur Welt bringen müssen, das vielleicht tatsächlich schwer krank ist oder das durch eine Vergewaltigung entstanden ist.

Insofern endet diese Artikel nicht mit einer Lösung, welches die richtige Sichtweise ist, sondern stellt nur beide Denkweisen vor und gegenüber.

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