„Asyl-Tourismus“. Wie die Medien den Begriff verstehen. Und was er sachlich gesehen meint.

Die Sache scheint zunächst einmal sehr klar. Wer den Begriff Asyl, bei dem ja auch gedanklich die Flucht mitschwingt, und den Begriff Tourismus zusammenbringt, habe unlautere Absichten. Tourismus ist etwas, was man freiwillig macht, Flucht und Asyl sind Dinge, bei denen man zutiefst anderen Staaten, Schleppern und dem Schicksal ausgeliefert ist.

Zurecht ist man erstmal empört, wenn diese Begriffe in einen gegossen werden. Gestern erst wurde diese Empörung wieder kommuniziert, diesmal in den Tagesthemen der ARD.

Man mag es den Medien nachsehen, dass sie auf diesem Begriff herumreiten, besitzt er doch alles, um jemandem das Recht dazu zu geben, ihn anständig zu zerlegen.

Was aber ist eigentlich mit diesem Begriff gemeint?

Gemeint ist damit nicht, dass Menschen, arme Menschen, sich aus dramatischen Gründen auf die Flucht nach Europa begeben und auf dieser Flucht teilweise in höchster Gefahr schweben und dass diese Flucht dann als eine Art Tourismus bezeichnet werden würde. Dies wäre in der Tat zutiefst menschenverachtend.

Gemeint ist etwas anderes.

Flüchtlinge, die nach Europa kommen, müssen sich registrieren, optimalerweise in dem ersten Land, in dem sie ankommen. Dieses Land ist dann für sie zuständig und in diesem Land müssen sie auch bleiben. Sie erhalten dort Zuwendungen, um auch finanziell durch den Tag kommen zu können.

Allerdings gibt es Länder in Europa, in denen möchte man als Flüchtling nicht sitzen. Europa ist nicht gleich Europa. In Rumänien beispielsweise werden Flüchtlinge offensichtlich nicht gerade gut behandelt und auch die Ernäherung scheint so zu sein, dass man nicht unbedingt satt durch den Tag geht. Es gibt also Gründe, von dort weiter zu gehen, in andere Länder.

Der Gedanke ist jedoch ein anderer. Natürlich müssten derartige Missstände, und zwar augenblicklich, beseitigt werden. Aber der Gedanke ist der, dass ein Flüchtling in dem Land bleiben muss, in dem er seinen Asylantrag gestellt hat. Dieses Land ist, wie schon gesagt, für ihn zuständig, auch in finanzieller Hinsicht.

Manche Flüchtlinge ziehen aber weiter, registrieren sich in anderen Ländern und es kann dann sogar vorkommen, dass sie von verschiedenen Ländern finanzielle Zuwendungen erhalten. Und dass sie sich erhoffen, in irgendeinem der Länder, in denen sie dann mehrfach Asylanträge gestellt haben, vielleicht diesen Antrag bewilligt zu bekommen.

Das ist mit Asyl-Tourismus gemeint. Denn diese Flüchtlinge sind bereits in der EU angekommen, haben dort einen sicheren, wenn auch nicht gerade komfortablen und in manchen Ländern auch nicht gerade angenehmen Aufenthalt, aber sie befinden sich in Sicherheit. Und sie haben eigentlich nicht das Recht, dann weiterzuziehen. Weil sie sich aber in Sicherheit befinden und weil sie einen Asylantrag gestellt haben, wird dieses Weiterreisen als Tourismus bezeichnet. Als Tourismus in dem Sinne, dass diese Flüchtlinge nicht weiterreisen müssten, weil sie in in Sicherheit sind, dies aber tun, weil sie es wollen.

Wie gesagt, es gibt sicher gewichtige Gründe, weshalb man als Flüchtling auch in ein anderes Land weiterzureisen versucht. Aber es ist nicht der Gedanke des Asyls.

Wenn nun der oft in den Medien zerrissene Bundesinnenminister Horst Seehofer Flüchtlinge an der deutschen Grenze abweisen will, sind dies übrigens auch keine Flüchtlinge, die noch völlig unbedarft wären. Sondern es geht bei ihm um Flüchtlinge, die bereits in einem EU-Land einen Asylantrag gestellt haben und nun versuchen, in ein anderes EU-Land zu reisen, um dort vielleicht noch mal einen zu stellen und vielleicht aus verschiedenen Ländern finanzielle Zuwendungen zu beziehen.

Aus Sicht der Flüchtlinge ist dies durchaus legitim und nachvollziehbar, legal ist es aber nicht. Da bereits ein EU-Land ihnen einen sicheren Aufenthalt gewährt hat, sind sie eigentlich dazu verpflichtet, in diesem Land darauf zu warten, ob ihr Asylantrag positiv oder negativ beantwortet wird.

Von daher ist der Begriff Asyl-Tourismus in den Medien im Grunde falsch konnotiert. Es geht nämlich in dem Begriff um Menschen, die bereits in Sicherheit angekommen sind, wenn auch nicht in optimaler Bequemlichkeit natürlich, die aber freiwillig und im Grunde gesetzeswidrig das Land, in dem sie den Asylantrag gestellt haben, verlassen und schauen, ob es nicht woanders noch etwas Besseres gibt. Wie gesagt, aus Sicht der Flüchtlinge nachvollziehbar, wir würden es vielleicht auch alle so machen oder zumindest versuchen. Aber eben nicht legal. Sondern illegal. Und da sich die Bürger in der EU eigentlich an ihre Gesetze halten müssen, gilt dies genauso auch für Flüchtlinge.

Kehren wir noch einmal zum Begriff Asyl-Tourismus zurück. Inhaltlich ist gemeint, was oben beschrieben ist. Dennoch ist dieser Begriff problematisch, wird er doch in rechtspopulistischen bis rechtsextremen Kreisen in ähnlicher Form gerne verwendet. Deswegen braucht man sich eigentlich nicht zu wundern, wenn man einen solchen Begriff verwendet, dass er auch sogleich öffentlich zerrissen wird. Denn die mediale Empörung ist in ihm schon angelegt. Man hätte das Gleiche inhaltlich sagen können, ohne es auf solch einen missverständlichen Begriff zu fixieren. Dann hätte man womöglich inhaltlich sogar Zustimmung bekommen und konstruktiv an der Gestaltung arbeiten können. In der Zuspitzung auf diesen umstrittenen Begriff jedoch droht jede Inhaltlichkeit zur Nebensache zu werden.

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