Hausaufgaben: der Hilfeschrei eines 10-Jährigen

In Baden-Würtemberg hat ein 10-jähriger Junge die Polizei gerufen, weil er mit den Hausaufgaben nicht zurecht kam. Er wimmerte am Telefon und klang verzweifelt, danach brach die Verbindung ab, sodass eine Polizeistreife zum Haus oder zur Wohnung des Jungen fuhr und dort nach dem Rechten sah. Um welche Art von Hausaufgaben es sich gehandelt hat, ist unbekannt.

Bis hierhin die relativ nüchterne Pressemitteilung, die besonders durch den Schlusssatz den meisten Lesern ein Schmunzeln auf die Lippen bringt.

Dabei dürfte der Hintergrund ernst sein.

Denn ein Junge in diesem Alter hat in der Regel doch recht großen Respekt vor Polizisten. Wenn er dann zum Telefon greift, weil er mit seinen Hausaufgaben nicht zurecht kommt, dürfte dies eine große Not widerspiegeln. Er muss verzweifelt gewesen sein.

Man darf spekulieren, aber vermutlich waren da nicht Eltern im Hintergrund, die liebevoll auf ihn eingingen, sich zu ihm setzten und ihm Mut zusprachen, komm Junge, wir schaffen das, ich helfe dir, oder wir suchen dir Hilfe, eine Nachhilfe.

Vielleicht ganz im Gegenteil.

Möglicherweise eine dysfunktionale Familie, vielleicht ein alleinerziehender, überforderter Elternteil. Vielleicht ein Schlüsselkind, bei dem keine Erwachsenen tagsüber zu Hause sind, weil sie arbeiten müssen. Vielleicht die Scheidung der Eltern im Hintergrund. Ein ganz auf sich allein gestelltes Kindchen.

Und dann vielleicht noch Sprüche, die einen als Jungen in diesem Alter runterziehen oder sogar zerstören können.

Das schaffst du nie, du bist einfach zu dumm. Du bist genau wie deine Mutter, genau wie dein Vater. Du musst auf die Sonderschule, wenn du das nicht kannst. Wir geben dich weg und schicken dich ins Internat, wenn das hier nicht klappt. Pass doch mal auf im Unterricht. Du darfst nicht mehr raus, wenn du die Hausaufgaben nicht erledigt hast. Hausarrest, Liebesentzug, eine emotional kalte Umgebung, vielleicht sogar körperliche Gewalt. Lehrer, die Druck machen, von der alten Schule gewissermaßen, keine modernen Pädagogen, denen es um das Individuum geht.

All so etwas kommt mir in den Sinn, wenn ich von dieser aufgrund ihrer Absurdität scheinbar lustigen Begebenheit lese. Ich mag da falsch liegen, aber vielleicht auch nicht. Und falls ich nicht falsch liege, dann ist besagter Junge wohl immer noch in dieser Situation, die nur für den Augenblick kurzzeitig einmal in der Öffentlichkeit aufblitzte. Und nun ist er wieder auf sich selbst gestellt. Ein Kind, ein kleines, hilfloses Kindchen. Und alle Welt liest davon, aber die meisten schmunzeln nur. Und alle haben es gesehen. Es soll nachher niemand sagen, man habe es nicht gewusst.

Hoffentlich habe ich Unrecht und es geht nur meine Fantasie mit mir durch.

http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/bruehl-in-baden-wuerttemberg-hausaufgaben-zu-schwer-schueler-ruft-die-polizei-a-1204496.html

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