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Warum es die Kultur nicht gibt

In einem früheren Artikel hatte ich einmal beschrieben, was man unter Kultur eigentlich verstehen kann.

Es gibt, vermutlich in jeder Epoche, aber immer wieder Menschen, die meinen, die Kultur müsse erhalten werden, und zwar diejenige, die sich irgendwie etabliert habe und die gedanklich zu fassen und festzuhalten man die Möglichkeit habe. In der Flüchtlingsdebatte der letzten Jahre beispielsweise gab es Stimmen aus dem rechten politischen Lager, die meinten, die abendländische Kultur sei irgendwie bedroht durch Flüchtlinge und müsste unbedingt geschützt werden.

Hier dürfte ein Denkfehler vorliegen. Kultur ist nämlich nicht etwas, das beständig ist, sondern sie ist ständig im Fluss. Die Kultur von heute unterscheidet sich sicherlich von derjenigen vor 1989, also vor dem Mauerfall. Die Einstellungen zu dem Zeitpunkt gegenüber dem sogenannten Ostblock, also den Ländern im Osten des NATO-Gebietes, die Ängste ihnen gegenüber und die Ängste generell, die Lebensweise war eine andere, als wir heute haben.

Die Kultur der 70er Jahre war teilweise geprägt durch antiautoritäre Erziehung, den Wunsch nach sexueller Selbstbestimmung und durch einen wirtschaftlichen Aufschwung.

In den 60er Jahren durften Frauen noch nicht ohne Zustimmung ihrer Männer einer Arbeit nachgehen, auch ein Bankkonto durften sie nicht ungefragt haben.

In den Nachkriegsjahren, in denen die massiven Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs wieder beseitigt werden mussten, erzählen einige von dem Gefühl eines Zusammenhalts innerhalb der Gesellschaft, das aber wohl von der gemeinsamen Not herrührte, also von einem durch äußere Zwänge erzwungenen Gemeinschaftsgefühl.

Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges und kurz davor herrschte eine andere Kultur, eine ausgrenzende Kultur gegenüber Bevölkerungsgruppen und anderen Ländern, polemische Zuspitzung, Aufruf zu Krieg.

Und so kann man zurückgehen, auch durch den ersten Weltkrieg, zurück zur preußischen Herrschaftsform, zurück zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, zurück zu den römischen Kaisern, zurück zu den Griechen, den Ägyptern und so weiter.

Wir haben heute eine andere Kultur und ein anderes Verständnis von Gesellschaft als in all den oben angerissenen Epochen. Kultur ist stets im Wandel. Das sollte man immer im Hinterkopf haben. Eine Kultur kann niemals stillstehen, es sei denn, man wollte dies mit diktatorischen und repressiven Methoden durchsetzen. Und selbst dann würde es nicht gelingen, denn es würde sich eine Untergrundkultur bilden, die vorne herum dem Herrscher das sagt, was er hören will, und hintenrum das denkt, was Realität ist.

Es gibt also nicht die Kultur. Kultur ist immer im Fluss.

Die Überschrift müsste daher richtigerweise so geschrieben sein: es gibt DIE Kultur nicht. Nicht die eine Kultur, die allübergreifend und immer fortbestehend ist, sondern es gibt Kultur nur als fortlaufende Entwicklung und selbst innerhalb eines Landes als unterschiedliche kulturelle Entwicklungen.

Kultur ist zudem nur im Rückblick als etwas Eingefrorenes und Unveränderliches greifbar, wenngleich die Geschichtsforschung auch hier immer wieder neue Aspekte hervorbringen kann.

Kultur in der Gegenwart und der Zukunft ist niemals einfach in sich schlüssig und abgerundet, sondern immer heterogen und mitunter auch widersprüchlich.

Auch heute gibt es beispielsweise in Deutschland nicht die eine, alles umfassende Kultur, sondern verschiedene kulturelle Entwicklungen und Auffassungen, die teils gegeneinander, teils nebeneinander, teils miteinander und teils sich ergänzend existieren. Um sich dies zu vergegenwärtigen, braucht man nur einmal die heterogene Parteienlandschaft in Deutschland anzusehen, die ein Abbild der unterschiedlichen kulturellen Vorstellungen ist. Kultur als Einheit gibt es nur als Idealbild. Und solch eine kulturelle, idealisierte Einheit von der einen, allgemeingültigen Kultur für alle würde auch immer die Gefahr der Intoleranz gegenüber Andersdenkenden in sich tragen.

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