Kollegah, Farid Bang und der Holocaust

Gestern fand die Verleihung des für die Musikindustrie wichtigen Echopreises statt. Einen solchen Echopreis bekamen die Rapper Kollegah und Farid Bang. Und sofort hagelte es massive Kritik wegen einer Textzeile, die in einem Lied des Albums
„Jung, Brutal, Gutaussehend 3“ vorkommt, die wie folgt lautet:

„Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“.

Das Problem ist hier die Verquickung von zwei unterschiedlichen Bereichen. In einem Fitnessstudio wäre ein Satz, dass der Körper definierter ist als von anderen Sportlern, in Ordnung. In Bezug auf Auschwitz wäre ein Satz, dass ein Körper ausgemergelter ist als von anderen Insassen, ebenfalls der Sache angemessen. Die Grenzüberschreitung entsteht also durch die verbale Verquickung der beiden unterschiedlichen Bereiche.

Denn wer als Sportler einen definierten Körper haben möchte, arbeitet ja freiwillig an seinem Körper. Dies widerspricht natürlich zutiefst den Verbrechen, die in Auschwitz passiert sind. Denn mit Freiwilligkeit hatte dies für die Insassen eines Konzentrationslagers nichts zu tun.

Nun kenne ich die beiden Rapper nicht genug bzw eigentlich überhaupt nicht, um zu wissen, ob hinter dieser Textzeile bewusster Antisemitismus steckt oder vielleicht einfach nur geschichtliche Unkenntnis, Dummheit oder die Absicht einer bewussten Provokation. Sollte es sich um letztere handeln, wäre sie gelungen. Das Album geht nun durch die Medien und hat eine neue Diskussion um die Geschichtsvergessenheit oder im Umkehrschluss um die Sensibilität im Umgang mit dem Holocaust und der wichtigen und immer wiederkehrenden Aufarbeitung des Themas neu entfacht.

Insofern haben die beiden Rapper, absichtlich, unabsichtlich oder aus Dummheit der geschichtlichen Aufarbeitung des Holocausts eigentlich einen Dienst erwiesen. Denn es geht ja darum, auch jüngeren Generationen das Verbrechen dieser geschichtlichen Epoche immer wieder vor Augen zu führen, um zu verhindern, dass Ähnliches jemals wieder geschehen könne.

Wenn man den beiden Rappern viel intellektuellen Tiefgang unterstellen mag, könnte die Textzeile allerdings auch so gemeint sein, dass jemand derart in den Körperkult eingestiegen ist und sich unter Strapazen um einen definierten Körper bemüht, also um einen Körper, bei dem jeder Muskel von außen ablesbar ist und dessen Körperfettanteil fast schon bei 0 liegt, dass er sich durch diese Art des selbst unterstützten Körperkults versklavt fühlt, wie es eben die Insassen in Auschwitz auch waren.

Dennoch sind natürlich Vergleiche mit Auschwitz und dem Holocaust immer mit besonderer Sorgfalt anzugehen und die beiläufige Erwähnung in einer Textzeile bietet reichlich Anlass, eine solche Aussage in alle möglichen Richtungen zu verstehen. Insofern ist dies sicher kein Thema, das beiläufig mal in einer Textzeile erwähnt werden sollte. Zu ernst ist es dafür.

Der Focus schreibt in einem kurzen Bericht, bei den beiden Rappern komme nicht klassischer Antisemitismus vor, sondern es werde vielmehr verbal nach unten getreten, egal, gegen wen, Hauptsache gegen Schwächere. Auch gegen Frauen und Syrer beispielsweise. Insofern dürften sich gleich mehrere Gesellschaftsteile durch die Texte der beiden umstrittenen Rapper auf die Füße getreten fühlen. Den Text kann man hier einmal insgesamt durchlesen, um sich selbst ein Bild zu machen. Bei allem, was da erwähnt wird, ist besagte unselige Textzeile im Grunde nicht die Hauptsache, sondern es wird verbal ein Rundumschlag und Tritt nach unten gemacht.

Und diese eine Textzeile, über die sich nun halb Deutschland echauffiert, beinhaltet womöglich nicht das, was in ihr gesehen wird, nämlich eine Verhöhnung des Holocausts. In eine allgemeinverständliche, deutsche Sprache übersetzt lautet der Inhalt nämlich in etwa so: er, der Sänger, oder zumindest dass literarische Ich des Liedes, besitzt einen Körper, bei dem die Muskeln deutlich zutage treten, ganz egal, ob es nun viel oder wenig Muskeln sind, und einen Körper, der einen sehr geringen Fettanteil aufweist. So wie eben die unseligen Insassen in einem Konzentrationslager. Ohne Frage, ein ziemlich unguter Vergleich.

Aber ob er antisemitisch ist? Es wäre interessant, die Begründung zu hören, warum dieser Vergleich antisemitisch sein sollte. Denn aus dieser einen Zeile lässt sich das nicht so offensichtlich explizit herauslesen, höchstens vielleicht implizit vermuten.

Ganz unabhängig davon, dass man natürlich der Tatsache absolut zustimmen muss, dass es sich beim Holocaust um eines der größten Verbrechen des letzten Jahrhunderts handelt, von dessen Grauen man auch kein Quäntchen abzwicken sollte. Ein unguter, gruseliger, geschichtsvergesser Vergleich bleibt die Textzeile allemal.

http://m.rp-online.de/kultur/musik/echo-2018-heiko-maas-kritisiert-preis-fuer-kollegah-und-farid-bang-und-lobt-campino-aid-1.7514159

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