Ist die Bibel Gottes Wort?

Die Antwort lautet ja, aber. Es kommt darauf an, was man nämlich unter dieser Bezeichnung versteht.

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Schaut man auf die etwa 600 Jahre später entstanden Religion des Islam, so findet man dort eine für viele Moslems offensichtlich recht zentrale Erzählung, wie der Koran entstanden sei. Mohammed sei vom Erzengel Gabriel besucht worden und dieser habe ihn dazu aufgefordert, aufzuschreiben, was er ihm diktiere. Da Mohammed aber nicht schreiben konnte, wollte er zunächst nicht, woraufhin der Engel ihn zu würgen begann, sodass nach einigem Hin und Her Mohammed, der ja eigentlich nicht schreiben konnte, dann doch den Koran aufschrieb. Und zwar auf arabisch und wortwörtlich, so, wie er offenbar im Himmel, so die muslimische Vorstellung, bereits vorhanden ist.

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Ähnliche Vorstellungen gab es sicherlich auch im Laufe des Christentums. Auch hier gab es und gibt vielleicht sogar noch Christen, die davon ausgehen, die Bibel sei wortwörtlich von Gott diktiert worden. Was natürlich etwas problematisch ist, weil es ja selbst im Hebräischen und Altgriechischen Urtext einige unterschiedliche Textvarianten gibt, die bei der Wiederherstellung des Urtextes in Augenschein traten.

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Einige Christen verstehen heutzutage die Bibel so, dass sie Gotteswort in Menschenwort sei. Dies könnte man im Prinzip so stehen lassen, wenngleich man diese Vorstellung etwas erläutern müsste.

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Würde man sie nämlich so verstehen, dass Gott nun einem Menschen wortwörtlich gewisse Dinge eingeflüstert habe, die dieser dann aber in eigenen Worten wiedergegeben habe, ist die Vorstellung hier immer noch diejenige eines Diktats, wenngleich der Schreiber hier mehr Freiheiten genießt.

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Man kann sich den Ausdruck Gotteswort in Menschenwort aber auch so vorstellen, dass Menschen, die gläubig sind, die eine gewisse theologische Bildung besitzen und die möglicherweise Erfahrungen mit Gott gemacht haben, diese Erfahrungen überdenken, reflektieren und dann aufschreiben, im Grunde also über ihre Erfahrungen eine theologische Abhandlung oder einen theologischen Entwurf schreiben. In diesem Fall ist immer noch Gott derjenige, der für gewisse Erfahrungen den Erfahrungsraum bildet, allerdings ist man von der Vorstellung eines Diktats nun doch abgekommen.

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Diese letzte Sicht dazu, was die Bibel denn ist, gibt auch Raum für Textstellen, die nicht kohärent sind miteinander, sondern sich widersprechen.

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Beispielsweise wird nämlich im MT 27,5 berichtet, dass Judas Iskariot, nachdem er Jesus verraten hatte, das Geld, das er ursprünglich von den jüdischen Hohenpriestern für diesen Verrat erhalten hatte, in den Tempel warf. In Apostelgeschichte 1,18 jedoch kauft sich Judas für das Geld einen Acker, den sogenannten Töpferacker, wirft also das Geld nicht in den Tempel, denn sonst könnte er damit ja keinen Acker kaufen.

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Diese beiden Bibelstellen können exemplarisch verdeutlichen, dass man gewisse Probleme bekäme, wenn man nun der Vorstellung folgen würde, Gott würde einem christlichen Autoren diktieren, was er schreiben solle, auch, wenn dieser es dann in eigenen Worten wiedergeben dürfte. Denn irgendwo wäre dann ein Fehler drin. Hätte womöglich Gott zwei verschiedene Versionen diktiert? Das könnte man sich nicht vorstellen. Wäre dann andererseits der Verfasser des Evangeliums oder der Apostelgeschichte unglaubwürdig, als er dies aufgeschrieben hatte? Auch dies wäre kein gutes Zeichen.

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Es gibt aber noch weitere Probleme in der Bibel. Wer sollte bitte das Hiobbuch aufgeschrieben haben, in dem ein Dialog zwischen Gott und dem Teufel stattfindet? Und wo soll der Schreiber gesessen haben, um dies zu beobachten? Ähnliches gilt auch für die Genesis und die dort ganz zu Beginn dargestellte Schöpfungsgeschichte. Wie könnte ein Mensch sie beschreiben, wenn er doch nicht dabei gewesen ist? Und warum dann eigentlich gleich zwei Schöpfungsberichte, die sich auch noch voneinander unterscheiden?

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Aufgrund all dieser Probleme ist es sicherlich sinnvoll, die Bibel so zu verstehen, wie in der letzten Version erwähnt: Menschen haben durchaus Erlebnisse mit Gott, sie merken, hier ist eine besondere Kraft am Werke, die man schwer beschreiben kann, die es aber tatsächlich gibt. Sie nehmen dies war, reflektieren dies, denken darüber nach und fassen es dann in Worte.

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Insofern kann man auch heute, in einer aufgeklärten Zeit, sicherlich sagen, die Bibel ist Gottes Wort, ohne in größere Erklärungsnöte zu kommen. Sie ist das Ergebnis von Erlebnissen mit Gott, welche Menschen dann aufgeschrieben haben. Dafür braucht es aber niemanden, der ihnen diese Erlebnisse eingeflüstert haben müsste. Denn sie live zu erleben würde schon reichen. Im Sinne der Schöpfungsgeschichte und des Hiobsbuchs jedoch würde es wohl darum gehen, es so zu verstehen, dass Theologen versucht haben, auszudrücken, wer und wie Gott ist und dies dann in ihren Erzählungen bildlich darzustellen, denn wie schon erwähnt könnte bei beiden Begebenheiten wohl kaum ein Mensch anwesend gewesen sein.

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Die Bibel ist somit vieles. Nachdenken über Gott, Reflektieren über Gott und auch Reflektieren und Nachdenken über Erlebnisse mit Gott. Insofern ist die Bibel sicherlich Gottes Wort: eine Schrift über Gott und über Erlebnisse mit ihm und über Gedanken zu der Frage, wer denn Gott ist.

Und der besondere Clou ist dann im Grunde Jesus Christus. Er, wahrer Mensch und wahrer Gott, wie es in der alten Kirche in Worte gefasst wurde, zeigt anstelle des Wortes, nämlich in seinem Leben und seinen Taten und seinen Predigten, wer Gott ist. Das Johannesevangelium beginnt mit diesem Gedanken: am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Anstelle von eingeflüsterten Worten reicht es also, auf die Aussagen und das Handeln Jesu zu schauen. In ihm kann man erahnen, wie Gott ist. Dann in den folgenden Zeilen des Johannesprologs wird deutlich, wer dieses präexistente Wort ist, welches immer schon bei Gott war: Jesus Christus.

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