Kopftuch für junge Mädchen, ja oder nein?

Das Kopftuch ist in der deutschen Debatte und übrigens auch in der österreichischen schon lange nicht mehr einfach nur ein Fetzen Stoff, der vielleicht sogar ein hübsches Accessoire sein kann, sondern wird auch politisch und religiös aufgeladen.

Gemeint ist das Kopftuch nicht als eines, das beispielsweise eine mitteleuropäische Frau, die noch dazu atheistisch ist, trägt, sondern das Kopftuch als Ausdruck der angeblichen Gefahr durch den Islam. Immer, wenn man vom Kopftuch spricht, schwingt diese Ebene auch mit und lässt an Menschen denken, die vor einer Überfremdung in Deutschland Angst haben.

Aber es ist die Frage, was eigentlich Überfremdung sein soll. Die ganz drastisch formulierte Angst ist die, dass irgendwann so viele Muslime in Europa und speziell in Deutschland leben könnten, dass sie beispielsweise eine Mehrheit besäßen, das Grundgesetz zu ändern und von dort an alle Christen, Juden und Atheisten durch irgendwelche religiösen Gesetze knechten könnten. Ziemlich weit hergeholt. Denn diese Vorstellung impliziert ja auch, dass jeder Moslem nur absolut dies eine im Sinn habe. Die Wirklichkeit dürfte aber ganz anders sein.

Wenn nun aber in Österreich und Nordrhein-Westfalen die Diskussion darüber entbrannt ist, ob Mädchen in jungem Alter, beispielsweise bis 14 Jahren, wo sie die Religionsmündigkeit erreichen und selbst ihre Religion wählen dürfen, vielleicht kein Kopftuch tragen dürfen sollen, berührt diese Vorstellung zumindest in Deutschland die im Grundgesetz vorgegebene Religionsfreiheit. Zwar wird in beiden Ländern nicht von einem generellen Verbot gesprochen, wohl aber von einem in Schulen.

Falls aber in Schulen keine Kopftücher mehr zugelassen sein sollten, zumindest nicht für Mädchen unter 14 Jahren, müsste die Diskussion doch ziemlich ausgeweitet werden. Wäre es beispielsweise in Ordnung, dann ein T-Shirt mit einem Halbmond drauf zu tragen, oder wäre auch der Halbmond zugleich ein religiöses und politisches Symbol? Dürften jüdische Jugendliche ihre Kippa tragen und christliche Jugendliche beispielsweise Ringe oder Kettchen mit einem Kreuz drauf? Und noch weiter, dürfte man überhaupt Kleidung tragen, die für irgendetwas steht und irgendetwas repräsentiert, beispielsweise die von Modelabels wie Benetton, bei denen oft der Schriftzug groß vorne auf der Brust prangt?

Wenn man all diese Fragen mit Nein beantwortet, muss man eigentlich ja sagen zu einer standardisierten Schuluniform. Allerdings sagt man dann auch ja zu einer großen Gleichmacherei und ja zur Reduzierung der Individualität an Schulen. Wenn jeder die gleiche Kleidung tragen muss, was die oben beschriebene Probleme zumindest äußerlich beseitigen würde, wird jeder von der Kleidung her eigentlich nicht mehr zu einem mündigen Bürger, sondern zu einer Nummer in einem großen System. Will man das? Denn das wäre die Konsequenz aus der ganzen unsäglichen Debatte.

Man könnte natürlich noch die These vertreten, dass Mädchen, die ein Kopftuch tragen, in derart restriktiven, patriarchalen Verhältnissen gefangen seien, dass die Gesellschaft, respektive die Schule, sie daraus befreien müsse. Allerdings, wie kann man das wissen? Und wie kann man das für die Gesamtheit aller kopftuchtragenden Mädchen wissen? Und müsste man dann in Analogie dazu nicht auch alle befreien, die ein Kreuz tragen, eine Kippa oder ein Benetton T-Shirt, also Modevictims?

Und eigentlich geht es im Kern doch um etwas anderes. Es geht doch nicht so sehr darum, wie jemand aussieht, sondern wie jemand von seinem Wesen her ist. Ob er beispielsweise in Deutschland ja sagt zum Grundgesetz, oder es zu unterwandern sucht. Und dies ist im Grunde ein Auftrag der Bildung, um in jungen Jahren einerseits Individualität zuzulassen und zu fördern, andererseits aber auch mündige Bürger hervorzubringen. Und noch nie hat es geklappt, einem äußerlich etwas aufzudrängen, was denjenigen innerlich auch automatisch geändert hätte. Der Weg ist doch der andere. Innerlich muss man zu etwas ja sagen, zur freiheitlichen, durch das deutsche Grundgesetz garantierten Gesellschaft, und dann kann man äußerlich im Grunde tragen, was man will.

13 Kommentare Gib deinen ab

  1. Muriel sagt:

    Und wenn man (wie ich) nein dazu sagt, aber auch.

  2. Jetzt habe ich gerade den Zusammenhang nicht, wenn man nein dazu sagt, was dann aber auch?

  3. Achso, du würdest sagen, in der Schule dürfte man gar keine religiösen Symbole tragen, verstehe ich dich da richtig? Wie wäre denn deine Begründung dafür?

  4. Muriel sagt:

    Nein, ich meinte diesen Satz: „Innerlich muss man zu etwas ja sagen, zur freiheitlichen, durch das deutsche Grundgesetz garantierten Gesellschaft, und dann kann man äußerlich im Grunde tragen, was man will.“
    und meinte, auch wenn man wie ich nein zum Grundgesetz und der von ihm vorgesehenenen Gesellschaft sagt, sollte man tragen können, was man will.

  5. Inwiefern oder wieso sagst du nein zum Grundgesetz?

  6. Muriel sagt:

    Naja, in so ziemlich jeder Hinsicht. Es gibt nicht viel, wozu ich Ja sagen würde, im Grundgesetz.

  7. Hmmm…. Zu was z.b.?

  8. Muriel sagt:

    Ist gar nicht so einfach, das Richtige im Falschen zu finden, aber Art. 3 ist wohl ganz okay, scheint mir.

  9. zunächst mal möchte ich sagen, dass mir dein artikel sehr gut gefällt. des weiteren sei angemerkt, dass diese debatte nicht neu, sondern mindestens dreißig jahre alt ist – damit ist das kopftuch sozusagen ein alter hut. noch älter als dreißig jahre, denn bis i die neunziger hinein trugen auch deutsche frauen uind mädchen jahrhundertelang kopftücher – in besonders ländlioch geprägten gegenden unseres landes sogar heute noch. oder in russland, in den siedlungsgebieten der russlanddeutschen. da tragen die frauen zumindest beim kirchgang prinzipiell ein kopftuch. daran wird deutlich, dass das kopftuch keineswegs als spezielles islamisches kleidungsstück gesehen werden kann, sondern eine relativ weite verbreitung hat.

    ich möchte übrigens mal wissen, was all die kopftuchverbieter machen wollen, wenn das stück eines tages wirklich zur massenmode wird. solche tendenzen deuten sich tatsächlich an – und längst nicht nur bei moslimischen mädchen…

  10. Ja, wenn das Kopftuch richtig in Mode käme, wäre das natürlich schon ein ziemlicher Eingriff in die Privatsphäre, wenn man es verbieten wollte. Die Begründungsversuche für ein Verbot kommen mir ohnehin alle ziemlich konstruiert und nicht sonderlich in sich schlüssig vor.

  11. Anna sagt:

    Ich lese viel und scheinbar versuchen moderne Frauen im Iran sich scheinbar von dem Kopftuch zu distanzieren, da es ein Mittel zur Unterdrückung der Frau sei. Allerdings herrscht dort keine Religionsfreiheit und jede Frau MUSS eine Verschleierung tragen. Die Frage ist, ob ein junges Mädchen wirklich begreift, welches Statement sie mit einem Kopftuch setzt und wenn ja, ob sie es von Seiten ihrer Familie ect ohne weiteres wieder ablegen dürfte, falls sie sich dagegen entscheidet!?
    Die Muslime die hierzulande leben und das mit ihrem Glauben ernst nehmen wollen gar nicht in unsere Gesellschaft aufgenommen werden, da wir böse sind bzw der Feind, der ihre jungen Mädchen verdirbt. Demzufolge glaube ich nicht, dass solche Mädchen aus ihren familiären Strukturen heraus eine Wahlmöglichkeit bekommen… Und leider… Die jungen hier lebenden Muslime werden immer radikaler im Glauben auch ja, weil sie sich nicht integriert fühlen.

  12. Ich glaube nicht, dass man generell sagen kann, die Muslime hier würden beispielsweise nicht integriert werden wollen oder würden radikaler werden in ihrem Glauben. Ich erlebe in beiden Punkten oft das Gegenteil.

  13. Anna sagt:

    Schön! Hier ist leider oft das Gegenteil der Fall.

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