Was meint eigentlich abendländische Kultur?

Der Kulturbegriff wird unterschiedlich verwendet. Zum einen ist damit das gemeint, was vom Menschen in gestalterischer Weise hervorgebracht wird, einerseits in Bezug auf gegenständliche Dinge, andererseits in Bezug auf geistige Dinge.

Andererseits kann mit Kultur auch einfach der Zeitgeist gemeint sein.

Wenn gewisse Leute meinen, beispielsweise die jüdisch-christliche und abendländische Kultur beibehalten oder gar vor irgendwem verteidigen zu müssen, wählen sie vermutlich Kultur in der Bedeutung Zeitgeist: Es habe sich hier in Europa und speziell in Deutschland eine gewisse Art zu leben eingependelt, die es zu erhalten gelte.

Allerdings ist der Zeitgeist immer etwas Flüchtiges. Der Zeitgeist der 70er Jahre unterschied sich von dem der 80er und der 90er Jahre. Er variierte von den Zeiten des Kalten Krieges bis hin zum Mauerfall und der Globalisierung.

Wer an der Kultur festhalten will im Sinne des Zeitgeistes, meint im Grunde Stagnation. Und zwar eine Stagnation, die unrealistisch ist, weil es sie als etwas dauerhaft Beständiges und Gleichbleibendes niemals geben kann, höchstens vielleicht durchgesetzt durch ein repressives Regime, in dem eine diktatorische Macht die normative Kultur vorgibt, also eine Kultur, die es einzuhalten gelte.

Oder man sieht Kultur auf die andere Weise, nämlich in dem Sinne, dass vom Menschen etwas im kreativen Sinne geschaffen wird, was in der Natur so nicht vorhanden ist.

In Deutschland wäre dies beispielsweise die Currywurst, bei der eine normale Wurst mit einer gewissen Soße und Curry und Pommes zwar nicht veredelt, doch aber zu etwas Neuem entwickelt wird.

Oder der Döner, der in besonderer Weise an die deutschen Geschmacksnerven angepasst wird.

Oder der Döner, der zwar genauso schmeckt, wie in der Türkei, der aber insgesamt gesehen die deutsche Essenskultur bereichert. Hier wäre nicht der einzelne Döner eine kulturelle Neuschöpfung, wohl aber wäre die deutsche Essenskultur erweitert worden.

In Frankreich könnte man die Guillotine beispielsweise auch als Kulturleistung betrachten, wenngleich in diesem Fall Kultur nicht unbedingt etwas Positives ist. Denn die Guillotine war ja ein Gerät, um Menschen zu töten. Allerdings war es eine Weiterentwicklung, so dass Menschen nicht einfach beispielsweise mit einem Messer erstochen werden mußten oder mit einem Fallbeil geköpft, sondern quasi maschinell und nicht ganz so qualvoll, wie es sonst auch vorkam.

Der Leopard 2 Panzer aus Deutschland beispielsweise ist auch eine kulturelle Errungenschaft, die man positiv oder negativ bewerten kann, je nachdem, ob man die Verteidigungsfunktion oder die Angriffsfunktion betont.

In Bezug auf das Judentum sind verschiedene reformatorische Personen vielleicht besonders erwähnenswert, wie Moses Mendelsohn beispielsweise, oder insgesamt die belesene und reflektierende Art der Torainterpretation und verschiedene jüdische Traditionen, die weiter entwickelt wurden.

Eine kulturelle Leistung der negativen Art ist beispielsweise die, dass Juden im Mittelalter durch ein Gedankenkonstrukt in gewisse Raster hinineingezwängt wurden, dass sie beispielsweise aufgrund von kulturell implementierten Gedankengebäuden kein Handwerk ausführen dürften, sondern sich stattdessen irgendwie anders durchschlagen mussten. Eine Kultur des Verbotes gewissermaßen.

Christlich gesehen sind beispielsweise hohe ethische Werte, die natürlich auch im Judentum schon fußen, als kulturelle Leistung anzusehen, wie beispielsweise die Gottesebenbildlichkeit des Menschen, aus welcher sich dann eine Negation der Todesstrafe ableiten lässt. Die Würde des Menschen ist unverletzlich, wie es ins Grundgesetz einfloss. Die ursprüngliche kulturelle Leistung liegt jedoch im Morgenland, in Palästina, und zwar in der Antike, als die Tora schriftlich abgefasst wurde.

Als Negativbeispiel für die Entwicklung kultureller Gedankengebäude könnten beispielsweise die christlichen Kreuzzüge dienen. Auch hier schufen Menschen neue Gedanken, die allerdings kriegerische Auswirkungen hatten.

Im sogenannten al-Andalus, einem muslimisch besetzten Teil der iberischen Halbinsel in der Zeit des 8. bis zum 15. Jahrhundert, entstanden einige geistig-kulturelle Leistungen von Muslimen und den unter muslimischer Herrschaft relativ frei lebenden Juden und Christen.

Wenn man ins heutige Deutschland blickt, könnte mit christlicher Kultur gemeint sein, dass viele christlichen Gedanken, die sich über die Jahrhunderte hinweg entwickelt hatten, heute immer noch gültig sind, beispielsweise die Gottesebenbildlichkeit, die sich auch in der Menschenwürde wiederfindet. Denn dadurch, dass der Mensch zum Ebenbild Gottes geschaffen wurde, erhält der eine besondere Würde. Christlich ist dieser Gedanke in dem Sinne, dass er christlich weiter tradiert, rezipiert und an die jeweilige Gesellschaft adaptiert wurde, wenngleich er seinen Ursprung eben in der jüdischen Tora hat, im Buch Genesis nämlich.

Abendländische Kultur in Deutschland im Sinne von Zeitgeist könnte meinen, dass man beispielsweise in die Kirche gehen kann, es aber okay ist, wenn viele Menschen höchstens einmal im Jahr zu Weihnachten dort anzutreffen sind. Allerdings ist die Unterlassung einer Tat, also die Unterlassung eines Gottesdienstbesuchs, noch keine kulturelle Leistung, es sei denn, man sieht sie eben als Kultur im Sinne des Zeitgeistes. Oder man sieht sie als freiheitliche Entwicklung, dass es einem früher angeblich nicht gestattet gewesen sei, einem Gottesdienst fernzubleiben, dies nun freiheitlich gestaltet aber möglich sei. Allerdings kommt mir dieser Punkt etwas konstruiert vor.

Kultur kann also positiv wie auch negativ für durch Menschen in kreativer Weise erschaffene Dinge und Gedanken, als auch rein deskriptiv im Sinne des Zeitgeistes verwendet werden.

Und abendländische Kultur meint all diese Entwicklungen, sowohl in positiver wie auch negativer wie auch rein deskriptiver Weise, die in den Ländern, die als Abendland bezeichnet werden, vorkamen und vorkommen. Da diese Länder sich aber alle unterscheiden, kann man im Grunde nicht von der einen abendländischen Kultur sprechen, sondern nur von Kulturen, kulturellen Entwicklungen und kulturellen Ansichten, die verschiedene Länder des Abendlandes geprägt haben. Anstelle von Abendland kann man Europa setzen. Wenn nun irgendjemand vorgibt, die jüdisch-christliche und abendländische Kultur retten zu müssen oder zu wollen, ist dies eine unzulässige Vereinfachung, denn es gibt eben nicht die eine Kultur. Es gibt nur verschiedene kulturelle Entwicklungen, die sich gegenseitig ergänzen oder mitunter auch widersprechen können. Auch in Europa und dem sogenannten Abendland. Kultur ist stets etwas Heterogenes und sich in ständiger Entwicklung Befindendes.
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Das Titelbild zeigt übrigens den in der Toskana gelegenen Ort San Gimignano. Dort entwickelte sich eine Kultur des Konkurrenzkampfs, also ein Gedankengebäude, wonach es darum ging, einen möglichst hohen Turm zu bauen, um damit klar zu machen, welche Macht die jeweilige Familie besitze. Aus diesem Gedankengebäude wurde damit automatisch natürlich auch Baukultur.

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