Sollte nicht jeder freie Bürger in einem eigenen Haus wohnen dürfen?

Das Schlagwort lautet Zersiedlung. Würde jeder Bürger ein eigenes Einfamilienhaus haben, oder meinetwegen auch nur ein Reihenhaus, dann bräuchte man eine ganze Menge Platz dafür. Deutschland wäre sozusagen zersiedelt.

Da ich zufällig gerade durch eine Gegend laufe, um etwas zu besorgen, in der eine sehr hohe Bebauungsdichte herrscht, also sehr viele Menschen auf engem Raum in Wohntürmen zusammengepfercht sind, habe ich mir die Frage der Zersiedlung einmal neu gestellt.

Klar, ich kenne das noch aus dem Architekturstudium, dieses Schlagwort, wie schlimm die Zersiedelung doch sei.

Was aber ist eigentlich schlimm daran?

Man hätte vielleicht etwas tun sollen, was man sich damals nicht traute, weil man ja glaubte, ein Architekturprofessor habe gewissermaßen die Ästhetik mit der Muttermilch gelöffelt und die Weisheit jeden Morgen mit Löffeln gefressen, und ihn fragen sollen, was denn genau das Schlimme an der Zersiedlung sei.

Einen Teil der Antwort würde ich natürlich gelten lassen. Man braucht eine gewisse Anzahl an Feldern und Äckern und Wiesen und Wäldern, damit das Ökosystem in Deutschland funktioniert. Man braucht auch davon einen gewissen Anteil, um Nutzpflanzen und Gemüse anbauen zu können.

Auf die Fläche gesehen wäre im Falle der Zersiedelung der Boden wahrscheinlich etwas mehr versiegelt, als wenn man Menschen in Wohntürmen zusammenpfercht. Und ja, man braucht natürlich höhere Ausgaben, um alle Häuser, die sich im Falle der Zersiedlung über weite Landstriche Deutschlands verteilen würden, zu erschließen, mit Strom, Telefon, Wasser, Abwasser, Müllabfuhr und Post.

Das alles spricht natürlich gegen die Zersiedelung. Ein Argument jedoch gilt nicht, nämlich das der Ästhetik.

Wie in manchen Architektenkreisen gerne gesagt wurde, sei es ja auch einfach nicht schön, wenn fast ganz Deutschland so aussähe, wie Los Angeles beispielsweise. Dass man im Grunde über fast 100 km durch eine einzige Stadt hindurchfährt.

Aber die Frage der Ästhetik ist subjektiv, und zwar durch und durch subjektiv. Ob nun jemand einen Wohnturm ästhetisch ansprechend findet, ist ebenso subjektiv, wie die Frage der Zersiedlung.

Der us-amerikanische Architekt Frank Lloyd Wright entwarf einst als Vision seinen „one-mile-high-Turm“, der für freie Bürger freien Blick gewährleisten sollte. Also einen Turm, etwa 1,6 km hoch, um den herum sehr viel Freiraum ist. Wer dann aus dem Turm herausschauen würde, hätte einen Blick in die Weiten Amerikas.

Auch dies eine schöne Vision, allerdings, wer möchte schon in 1600 m Höhe leben? Und je höher ein Gebäude ist, desto mehr schwankt es zum einem dort oben, und zum anderen benötigen die Erschließungswege, also die Aufzüge, im Verhältnis zur Höhe immer mehr Platz.

Ich vermute, wahrscheinlich mehr als die Hälfte der Bürger in Deutschland würde es bevorzugen, in einen eigenen Garten hinausgehen zu können, in dem sie Natur hautnah erleben könnten. Und dies könnte man natürlich nur über Zersiedlung erreichen. Das Ganze wäre teurer und aufwendiger, als Wohntürme zu bauen. Aber es wäre mehr am Menschen orientiert.

Andererseits hätte man noch weniger Stadtzentren, welche allerdings ohnehin immer mehr wegfallen, je mehr über Online-Dienste Waren geordert werden. Denn viele Geschäfte sind gar nicht mehr nötig.

Die neue städtebauliche Herausforderung wäre also, innerhalb der zersiedelten Landschaft einzelne Ortskerne zu schaffen, die an die Stelle von überfüllten und überteuerten Stadtzentren treten würden. Mit einer guten Planung könnte hier die Anonymität der Städte vermieden und zudem die Überteuerung des Wohnraums beseitigt werden. Denn es gibt in Deutschland viele Städte mittlerweile, die von Investoren in so großem Stil aufgekauft werden, dass kaum noch jemand mit normalem Einkommen sich die Mietpreise leisten kann.

Die Zersiedlung wäre eine adäquate Antwort auf diese verheerende Entwicklung. Die über weite Landstriche Deutschlands verteilten, neuen Wohnflächen müssten natürlich auch über die Infrastruktur von Zubringerstraßen, Busverbindungen und Zugverbindungen gut miteinander verbunden werden. Diese würden an die Stelle der Aufzüge von Frank Lloyd Wrights Vision des „one mile high“ treten.

Man könnte natürlich auch sagen, dass es beispielsweise in Ostdeutschland viele Landstriche gibt, in denen man in leerstehenden Dörfern genug Wohnraum finden könnte, um dort ein Haus mit Garten zu erwerben.

Allerdings fühlen sich viele Menschen ja mit ihrer Heimat verbunden, nicht zuletzt wegen ihres Arbeitsplatzes, aber auch aufgrund der sozialen Kontakte, und es wäre für sie zwar okay, beispielsweise 30 km von ihrer Stadt entfernt zu wohnen, aber mehrere hundert Kilometer bis in ein anderes Bundesland müsste nicht unbedingt sein, sofern es dafür keinen triftigen Grund gäbe.

Insofern hinterfrage ich einmal das Argument der Zersiedlung mit der Frage, ob der Mensch für die Architektur da ist oder die Architektur für den Menschen?

Ich glaube, die Architektur sollte für den Menschen da sein.

Und wenn man das so sieht, hat man mit der angeblich ach so schlimmen Zersiedlung auf einmal kein sonderlich großes Problem mehr. Sie müsste nur stadtplanerisch bzw raumplanerisch gut gemacht sein. Dann klappt’s auch mit der Ästhetik.

Und vielleicht würde es schon reichen, dass zwar nicht jeder ein Reihenhaus sein Eigen nennt, aber doch die Wohnbebauung in ihrer Höhe so reduziert wird, dass sie noch ein menschliches Maß besitzt. Alles über zwei oder drei, meinetwegen auch noch vier Stockwerken würde dieses Maß aber wohl überschreiten.

Städteplaner, Architekten und Bauämter, denkt mal drüber nach. Für wen wollt ihr in Zukunft bauen? Für das, was ihr für Ästhetik haltet, oder für Menschen, die in bezahlbarem Wohnraum wohnen können sollen – und nicht nur dort hausen.

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