Soll man beten, wenn man einen Schlüssel verloren hat?

Es ist schon viele Jahre her, da ging ich ab und zu am Freitagabend mal in eine recht charismatische Kirche. Sie trifft sich immer in den Räumen einer evangelisch lutherischen Kirche und darf dort ihre Gottesdienste abhalten.

Der Zeitpunkt der Gottesdienste hatte für mich den Vorteil, dass das Ganze eben an einem Freitagabend war und man am Sonntag so nicht in dem Zwiespalt war, ob man es schafft, früh genug aufzustehen und einen Gottesdienst zu besuchen. Und charismatisch war die Kirche auch.

Die Predigten insgesamt recht gut, besonders von dem Hauptpastor.

Und dann gab es da immer noch Leute, die nach vorne kamen und berichteten, was sie mit Gott so erlebt hatten. Es waren oft dieselben Leute. Und es ist nicht so, dass ich da bei jedem Bericht gedacht hätte, das wäre jetzt etwas für mich und das müsste ich dann eins zu eins glauben. Zu oft hatten sie irgendwie etwas erlebt. Aber einmal berichteten zwei von einem Schlüssel, den sie verloren hatten, dann beteten sie zu Jesus und fanden ihn wieder.

Das hatte er mich ziemlich gestört. Viel zu einfach, viel zu plastisch, so kann das doch nicht gehen.

Und dann versuchte ich es selber einmal. Und zwar nicht aus Bequemlichkeit, sondern als ich spät nachts meinen Unterricht vorbereitete und ein Buch ums Verrecken nicht finden konnte. Irgendwie betete ich darum, die richtigen Gedanken zu bekommen, um es doch finden zu können. Es ging hier also um relativ viel, denn ohne Buch keine Vorbereitung der Unterrichtsstunde und ohne Vorbereitung ein ziemlich stressiger Tag.

Ich betete, ich wurde ruhig, und dann fand ich das Buch. Unerwartet schnell und in etwa dort, wo ich vorher schon immer gesucht hatte und es aber nicht hatte sehen können.

Ich habe das ein paar mal so erlebt. Immer wieder in Situationen, wo ich etwas nicht finden konnte und wo es nicht einfach Bequemlichkeit war, dass ich also zu faul gewesen wäre, es zu suchen. Sondern es war gewissermaßen fast schon ein wenig existenziell, dieses besagte Buch dann eben zu finden. Und es funktionierte. Ich will nur nicht behaupten, dass es immer funktionieren würde, aber in den Fällen hatte es tatsächlich funktioniert.

Ich habe mir dann Gedanken gemacht, reflektiert und überlegt, ob es vielleicht einfach eine psychologische Sache sein könnte, dass man dann ruhiger wird und die Gedanken besser ordnet. Das kann ich nicht ausschließen.

Ich lasse das Ganze dahingehend aber offen, dass ich denke, wenn Gott oder Jesus in diese Welt eingreifen kann, und davon handelt ja die Bibel und auch das Vaterunser, denn sonst bräuchte man es ja gar nicht zu beten, warum sollte dann nicht einmal ein richtiger Gedanke zu einem kommen, wenn man ihn richtig dringend brauchen kann.

Und seitdem mache ich es bei wichtigen Dingen, deren einzelnen Aspekte ich nicht in ihrer Gesamtheit überblicken kann, auch so, dass ich bete, zu Jesus oder zu Gott, er möge mir in der jeweiligen Situation die richtigen Gedanken geben, damit ich so entscheiden kann, dass es irgendwie gut wird.

Ich habe höchstes Verständnis dafür, wenn Sie das Ganze nun für absurd halten. Sie dürfen auch gerne glauben, es sei ein psychologischer Trick. Warum auch nicht. Vielleicht funktioniert es wirklich psychologisch oder zumindest ein Teil davon. Aber Sie können es gerne auch mal versuchen.

Und ich habe nachgesehen, bei den Katholiken gibt es eine ähnliche Vorstellung. Sie haben natürlich immer Heilige für alles mögliche und beten demnach öfters nicht zu Gott oder Jesus direkt, sondern im Falle von verlorenen Dingen zum heiligen Antonius. Der hilft einem offenbar, Sachen wieder zu finden.

Also, regen Sie sich gerne über meinen Bericht hier auf, machen Sie sich auch gerne Ihre eigenen Gedanken. Aber wenn Sie mal in einer solchen Situation sind, denken Sie dran und testen es.

Jetzt kann man natürlich diskutieren, ob denn beispielsweise Wunder oder Geschichten Jesu metaphorisch gemeint sind, ob Gott vielleicht einer ist, der dem biblischen Gottesbild gar nicht entspricht, sondern deistisch gedacht ist, also so, dass er die Welt zwar geschaffen hat, sich dann aber aus ihr raushält und so weiter. Das ist mir jetzt aber zu kompliziert und ich habe schon ziemlich oft über sowas geschrieben. Drum, wenn Sie mal was richtig Wichtiges verloren haben und auch nicht einfach zu bequem sind, es zu suchen, sondern es wirklich um etwas geht, probieren Sie es einfach aus.

Kommentare

  1. Ich muss gestehen, Gebet funktioniert leider auch nicht wie ein Automat, in den man dann eben eine gewisse Anzahl von Gebeten einwirft und dann den Schlüssel oder sonst was findet. Wollte es aber trotzdem mal erwähnt haben…

  2. Ich suche ständig irgendwas, was ich mit meinem Schusselkopf verlegt hab. Aber ich habe Zweifel, dass mir da irgendwer „da oben“ per Gebet auf die Sprünge helfen würde :mrgreen: !

  3. Suchen, nicht beten und sich auf das Wesentliche konzentrieren. Da wird die Religion doch ein wenig mit Hokuspokus verwechselt.

    Anna-Lena, praktizierende Katholikin

  4. Als ich angefangen habe ihren Beitrag zu lesen, wusste ich sofort was ich dazu zu sagen haben würde. Natürlich funktioniert das! Ich Katholikin, und Antonius mein bester Freund. Ich wüsste nicht, was ich ohne ihn machen würde. Warum es wirkt weiß ich nicht, aber das ist auch nicht so wichtig.
    Danke für diesen Beitrag. Hat mir sehr gut gefallen.

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