„Ich bin evangelikal und das ist gut so“

Den Satz aus der Überschrift habe ich erfunden. Er erinnert vielleicht ein wenig an die Aussage des früheren Berliner Bürgermeisters Klaus Wowereit, der feststellte, er ist schwul und das sei auch gut so.

Der Satz sagt also etwas aus, was vielleicht nicht jeder gerne hört, was aber mal so gesagt werden soll, damit es irgendwie okay sei.

Die evangelikale Bewegung ging hervor aus dem Pietismus, also aus einer ganz frommen und bibeltreuen Ecke des Christentums.

Im folgenden Artikel der ZEIT wird von einer Frau berichtet, die evangelikal ist. Ihr gesamtes Leben ist durchdrungen von dem Glauben an Jesus und sie versucht, das Leben nach ihm und seiner Botschaft auszurichten.

Daran ist eigentlich nichts Anstößiges, aber wer sich an dem Begriff Jesus verhaken sollte, kann an seine Stelle natürlich den Begriff Gott setzen. Es gibt viele Menschen, die davon ausgehen, dass Gott hinter allem steht. Und diese Vorstellung und Überzeugung durchwirkt natürlich ihr Leben.

Ein bisschen schwieriger wird die Sache beim Bibelverständnis. Evangelikale Christen haben nämlich meist ein ziemlich wörtliches Bibelverständnis. Da ist es dann nicht so sehr der Evangelist oder der Autor eines Textes, der diesen schreibt, sondern Gott persönlich ist in dem Text erkennbar und habe dies oder das auch so gemeint und gesagt, denn dort stehe es doch schwarz auf weiß.

Diese Sicht ist ein wenig problematisch, weil man damit stark auf einzelne Sätze und Bibelstellen festgelegt ist. Und solange man nur sich selber darauf festlegt, mag das ja noch okay sein, wenn man diesen Maßstab dann aber auch auf andere quasi verpflichtend anwendet, wird es problematisch.

Ob Jesus so gedacht hat, ist für mich ziemlich fraglich.

Als eine Frau, die nach dem Gesetz des Mose wegen Ehebruchs gesteinigt werden soll, zu ihm gebracht wird, urteilt er über sie eben gerade nicht, wie das Gesetz es vorschreiben würde, sondern sagt ihren Anklägern, derjenige, der noch nie eine Sünde begangen habe, solle doch bitte den ersten Stein werfen. Peinlich berührt und entlarvt gehen sie alle weg. Die Frau bleibt am Leben. Jesus hat ihr ein neues Leben geschenkt und entlässt sie mit der Aufforderung, künftig in besserer Weise zu leben.

Von diesen Berichten gibt es mehrere. Z.b., als eine Prostituierte mitten in eine Versammlung vornehmer Leute, in der Jesus gewissermaßen der Ehrengast ist, hineinplatzt und ihm mit ihren Tränen die Füße wäscht. Hochpeinlich das Ganze und ein Skandal. Aber Jesus verstößt sie nicht, sondern holt sie wieder hinein in die Gesellschaft, indem er ihr ihre Sünden vergibt. Und Sünden vergeben, alleine das ist in der damaligen Gesellschaft schon ein Drama, kann ja nur Gott. Jesus macht sich hier also extrem angreifbar, man kann ihm nämlich Gotteslästerung anhängen, was natürlich hart bestraft werden kann.

Auch das Abrupfen von Ähren auf einem Feld am Sabbat widerspricht dem Gesetz des Moses. Und Jesu Jünger rupfen eben gerade diese Ähren ab. Jesus sagt jedoch, der Mensch ist nicht für den Sabbat gemacht, sondern der Sabbat ist für den Menschen da. Ja, man darf auch ein paar Halme am Sabbat abreißen, obwohl es den Sabbatgeboten des Moses widerspricht.

Und dann die fünf Bücher Mose. Wer glaubt, Mose hätte sie selber geschrieben, kommt spätestens dort ins Straucheln, wo Moses dann von seinem eigenen Tod berichtet und das Buch danach trotzdem weiter geht.

Von daher ist ein wortwörtliches Bibelverständnis nicht nur ein kleines Problem, wie oben angedeutet, sondern ein großes. Man steht nämlich in der Gefahr, das zu verpassen, was eigentlich gemeint ist.

So haben evangelikale Christen Positives wie Negatives.

Sie sehen einerseits ihr Leben als von Gott durchwirkt an, sie wollen andere Menschen missionieren und sie nicht in der Beliebigkeit lassen, sondern von der Botschaft, die sie für befreiend halten, am liebsten überzeugen, was ja ihr gutes Recht ist.

Andererseits schränken Sie sich selbst und auch andere durch eine sehr enge Sicht der Bibel ein, welche aber ja tatsächlich von vielen verschiedenen Menschen geschrieben wurde, die theologisch über Gott nachdachten und reflektierten oder auch ihre eigenen Erlebnisse in eigenen Worten wiedergaben. Dieser Sichtweise nach ist es dann nicht so, dass Gott persönlich in der Bibel spricht, sondern Menschen Gott sprechen lassen. Zwar in der Absicht, anderen Menschen die Sicht Gottes zu vermitteln, aber eben durch Menschenwort. Gotteswort in Menschenwort.

Im Folgenden finden Sie zu diesem Thema einen recht interessanten Bericht, den es lohnt, einmal zu lesen.

Mein Gott

Viele halten Evangelikale für Fundamentalisten. Doch Andrea Bleher ärgert es, in der rechten Ecke zu stehen. Sie will nur, dass Gottes Wort wieder gilt.

http://www.zeit.de/kultur/2018-03/evangelikale-deutschland-konservatismus-wuerttemberg-gleichgeschlechtliche-ehe-landeskirche/komplettansicht

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