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Weshalb das Vaterunser in Italien geändert wird

Vor kurzem hatte der Papst öffentlich darauf hingewiesen, dass eine Strophe des Vaterunsers nicht gerade glücklich übersetzt sei. Dort heißt es nämlich im Gebet: „und führe uns nicht in Versuchung“. Dies impliziert, dass Gott es sei, der Menschen in Versuchung führt, der den Menschen also auf Abwege führe.

Was theologisch gesehen durchaus nicht ganz unproblematisch ist, da Gott ja für das summum bonum steht, zumindest in philosophischer Hinsicht, oder in biblischer Hinsicht für den Schöpfer der Welt, des Universums, aller Existenz, von Raum und von Zeit, der eine Welt geschaffen hat, die prinzipiell gut ist, ganz im Gegenteil beispielsweise zum babylonischen Schöpfungsmythos, in dem Kampf um die Macht und das Recht des Stärkeren herrscht.

Die biblische Sicht ist, aktualisiert und auf den Punkt gebracht durch Jesus Christus, zumindest aus christlicher Sicht, dass Gott ein liebender Gott ist, der gnädig ist und den Menschen verzeiht.

Die Perikope vom verlorenen Sohn beispielsweise macht dies deutlich. Obwohl der jüngere Sohn sich vom Vater das Erbe hat ausbezahlen lassen, sich von ihm abgewandt hat und in die Fremde gegangen ist, obwohl er dort sein ganzes Geld verprasst hat, dann aber völlig am Boden zerstört zurückkehrt und bittet, beim Vater zumindest als Diener wieder unterkommen zu dürfen, nimmt der Vater ihn liebevoll wieder auf, ja, er feiert sogar ein großes Fest für den einst verlorenen Sohn. Der Vater steht hier für Gott. Jesus erzählt diese Geschichte, um deutlich zu machen, wie Gott ist.

Aufgrund dieser positiven Sicht Gottes hat das Christentum andererseits natürlich das Problem, zu erklären, woher das Böse kommt, das Leid in der Welt. Es ist die sogenannte Theodizee-Problematik.

Im 17./18. Jahrhundert versucht Gottfried Wilhelm Leibniz, in der Theodizeefrage ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen.

Einerseits weist er darauf hin, dass Dinge, die von Menschen selbst verursacht wurden, z.b. Kriege, auch vom Menschen selbst verantwortet werden müssen und nicht Gott angelastet werden können. Des Weiteren gibt es noch die menschliche Natur, welche eben auf Endlichkeit, zumindest auf der Erde, ausgelegt ist. Zu dieser Endlichkeit gehören leider auch Krankheit und Tod. Auch dies dürfe Gott nicht angelastet werden. Gott habe die beste aller möglichen Welten erschaffen. Er hätte vielleicht zwar eine andere Welt erschaffen können mit anderen Lebewesen darauf, nicht aber mit Menschen. In Bezug auf Menschen sei dies, so Leibniz, die beste aller möglichen Welten.

Auf jeden Fall ist die christliche Sicht von Gott eine positive. Gott ist für den Menschen, er erschuf ihn zu seinem Ebenbild. Würde Gott den Menschen selbst in Versuchung führen, wäre er ja nicht mehr das Gute, sondern jemand, der den Menschen bewusst auf Abwege führen wollte. Denjenigen aber bezeichnet man in der Bibel als den, der Gottes gute Ordnung durcheinander bringt, den Durcheinanderbringer, griechisch den Diabolos.

Insofern macht es keinen Sinn, zu Gott zu beten, dann aber zu glauben, er sei irgendwo auch der Diabolos, der einen doch hoffentlich bitte nicht in Versuchung führen möge.

Deshalb wird in Italien auf Anordnung des Papstes nun die Zeile geändert, in der es eben heißt, „und führe uns nicht in Versuchung“. Ab Ende 2018 soll sie heißen: „und verlasse mich nicht angesichts der Versuchung.“

Das ist ein großer Unterschied. So ist es nämlich der Mensch, der beispielsweise durch sein Verlangen, seine Triebe, durch andere Menschen, vielleicht auch durch die Macht, welche die Bibel Diabolos nennt, in Versuchung geführt zu werden droht.

Gott allerdings wird als Mandant des Menschen angerufen: Gott, sei gerade auch und besonders dann bei uns Menschen, wenn die Versuchung groß ist. Amen.

Quelle

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7 Kommentare

  1. Ich halte es für problematisch die Jesus Worte abzuschwächen. Mal ganz davon abgesehen, dass „führe mich nicht in Versuchung“ m.W. die richtige Übersetzung ist.

    Da schwingen so viele theologische Dimensionen mit, die bei einer Wegretuschierung einfach unter den Tisch fallen.

    Ich denke es ist die intellektuell falsche Variante, die Fragen abzuändern, auf die ich keine Antwort finde. Intellektuell redlicher wäre es meine Ratlosigkeit einzugestehen, den Konflikt zuzulassen. Gott kann mit meinem Widerspruch, mein Unverständnis umgehen. Vielleicht soll das Wort ja auch als Herausforderung wirken. Jesus war ein Mann klarer Worte, der seinen Zuhörern auch Herausforderndes zumutete.

    Die Theodizee verschwindet nicht, in dem ich die Bibel nach meinem Gottesbild umformuliere.

  2. Der Papst hat seine Gründe. Er fürchtet es wirft ein falsches Bild auf Gott.

    Ich stimme mit ihm überein. Gott ist Liebe und will niemand ins Verderben führen.

    Aber das denke ich muss in der Stelle auch nicht gesehen werden.

    Eine Frage die doch irgendwo trotzdem mitschwingt ist die der Allwissenheit und Allmacht. Der Teufel, der die Versuchung herbeiführt, kann zumindest nach Hiob auch nur handeln weil Gott es zulässt. Der Christ wird von Gott geführt und trotzdem vom Teufel immer wieder verführt. Gottes Führung ist ihm sicher, aber gleichzeitig prophezeit Jesus, dass gerade seine Nachfolger besonders schwer zu leiden haben.

    Zwar steht die ganze Welt mit Karl Barths Worten unter Gottes Nein. Aber bis zur Johannesoffenbarung belässt Gott sie offensichtlich noch in ihrem Schlecht und Versucht-Sein.

    Diese Spannung ist finde ich so spürbar, dass sie auch im Vater Unser vorkommen darf

  3. Ja,ja, so wird der harmlos liebe Gott nun katholisch offiziell. Die Folge ist, dass dann neben dem lieben Gott ein mindestens genauso wenn nicht mächtigerer böser Gott stehen wird. Das hatten wir im Mittelalter auch schon, der heißt dann Teufel. Weil ich aber mit der Bibel lieber an den einen einzigen Gott glaube, kann ich nicht so denken, wie der Papst. Sondern eher wie Jesus, der wohl die Bitte sehr absichtlich so formuliert hat. Er hat Versuchung selbst erlebt, sehr mythologisch erzählt in der Versuchungsgeschichte bei Mt und Lk4 („Da wurde Jesus vom [Heiligen] Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde.“) Und zuletzt am Kreuz. Jesu letzt Worte waren eben nicht: „Teufel, warum hast du mich in diese Lage gebracht!?“ Sondern: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen.“ Jesus hat seine missliche Lage auf Gott zurückgeführt, auf niemand sonst.
    Doch wen hätte Jesus sonst als letzten Akteur annehmen sollen, wenn er auch die Propheten gekannt hat: „Ich bin der HERR, und sonst keiner mehr,
    der ich das Licht mache und schaffe die Finsternis, der ich Frieden gebe und schaffe Unheil. Ich bin der HERR, der dies alles tut“ (Jesaja 45,6-7).
    Die katholische Kirche hatte es ja noch nie so mit der Bibel, ich hoffe, dass sich wenigstens die Evangelischen mit billigen Änderungen zurückhalten.

  4. Andererseits hat Gott Jesus am Kreuz offenbar eben nicht verlassen, auch wenn Jesus dies, ganz menschlich gefühlt, so empfunden haben mag. Die Auferstehung spricht dafür, dass Gott Jesus eben nicht verlassen hatte. Finde ich zumindest.

  5. Klar, doch weil wir es hier von Versuchung haben, geht es ja darum, bei wem Jesus die Schuld für sein Verlassenheitsgefühl gesucht hat. Eben bei Gott und nicht beim Teufel.

  6. Okay, kann man natürlich so sehen. Andererseits ist das Gefühl, verlassen zu sein, ja auch ein zutiefst menschliches Gefühl. Wenn Jesus wahrer Gott und wahrer Mensch war, dann war er eben auch 100% Mensch. Und als Mensch hat man schnell das Gefühl, verlassen zu sein, obwohl dieses Gefühl auch einmal falsch sein kann. Dieses Gefühl würde ich persönlicher mehr in den psychologischen Bereich einordnen.

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