Wozu braucht man Religion ?

Bevor wir dieser Frage nachgehen, stelle ich Ihnen einmal ein paar andere Fragen.

Wozu braucht man Mathematik ? Gerade dieses Fach wird im schulischen Kanon recht zwiespältig beurteilt, je nachdem, wen man so fragt. Einige sagen, man brauche Mathematik, um gut durchs Leben zu kommen. Nicht, wenn man beim Bäcker steht und dort die dritte Ableitung einer Funktion ausrechnet, um die Brötchen zu bezahlen. Wohl aber, um einen technischen Beruf ergreifen zu können wie Mathematiker, Physiker, Ingenieur, Architekt und so weiter. Ansonsten braucht man Mathe aber nicht.

Wie schaut es aus mit Latein, braucht man Latein ? Nun, man lernt dadurch das Denken, besonders Schüler/innen jüngeren Alters. Denn was Erwachsene gerne vergessen, ist, dass Kinder ja im Kopf noch keine fertigen Strukturen besitzen. Wenn ein Kind also eine schwere Sprache wie Latein lernt, scheint dies für manche erstmal überflüssig zu sein. Aber die Kinder lernen damit, genau zu arbeiten, Sätze zu hinterfragen, Nebensätze zu erkennen, zu formulieren, sprachlich flexibel zu werden; später dann, in höheren Klassen lernen sie, rhetorische Tricks zu durchschauen und Propaganda zu enttarnen, sie lernen, eigenverantwortlich und reflektiert zu denken. Sie gehen Populisten nicht mehr so leicht auf den Leim, weil sie zu selbstdenkenden und reflektierenden mündigen Bürgern und Individuen herangereift sind, die zudem etwas von den großen philosophischen Entwürfen mitbekommen haben und das Leben hinterfragen können. Sie haben gelernt, nachzudenken über Dinge und über die Welt, darüber, was Europa ist und wo es herkommt, wie alles begann. Woher der Mythos kommt, warum Menschen Mythen entwickelten, wie die griechischen und römischen Göttermythen, wie die ersten Staatsformen der Römer waren und warum sie ihre Könige verjagten. Welchen Fehler Cäsar machte, als er sich gewissermaßen die Position des Kaisers einverleibte, wofür er dann ermordet wurde und was sein Adoptivsohn Augustus clererer machte, der sich als princeps inter pares bezeichnete und dem Senat pro Forma das Gefühl gab, er, der Senat, sei weiterhin eigenständig. Und sie leren zu erkenne, wie die römische Gesellschaft funktionierte, auf dem Rücken von Sklaven nämlich, sie lernen zu hinterfragen, ob solche Gesellschaftsformen ethisch überhaupt legitim sind und wie es heute so aussieht in der Welt. Wozu braucht man also Latein ? Höchstens für diese Dinge,ansonsten braucht man es aber nicht.

Wozu braucht man Religion ? Eines der nicht von allen Schüler/innen gleichermaßen hochgeschätztes Fächer ist Religion, ebenso von einigen Eltern nicht. Wozu dann Religion. Ich mache hier mal einen Unterschied zwischen Religion und Glaube. Der Pfarrer und Theologe Karl Barth meinte, Religion sei immer etwas Menschengemachtes. Religion sei der Versuch des Menschen, sich an Gott durch gewisse Riten heranzuarbeiten. Barth, der seine Theologie von oben herleitet, der also deduktiv vorgeht und gleich bei dem ansetzt, was Gott so gedacht und gemeint haben könnte, ist der Meinung, dass Jesus das Ende der Religion sei, also das Ende des menschlichen Versuchs, sich an Gott heranzuarbeiten.

Warum ? Weil Gott in Jesus auf die Menschen zukommt und etwas von sich preisgibt. Und zwar etwas äußerst Erfreuliches, nämlich die Selbstmitteilung, dass er oder sie oder wie man Gott auch immer mit menschlichen Vorstellungen titulieren will, dass also Gott gütig, gnädig und liebvoll ist und jeden einzelnen Menschen beim Namen kennt, also zutiefst und inständig kennt. Und jeden Menschen liebt.

Auch, wenn man Karl Barths Vorstellung vom Ende der Religion durch Jesus folgen will, kann man dennoch annehmen, dass auch das Christentum dann bisweilen wieder religiöse Züge angenommen hat, indem aus der Botschaft Jesu eine Dogmatik und Theologie entwickelt wurde, wie man denn sein Erscheinen nun zu interpretieren habe und wie man denn nun zu Gott kommen könne. Aber egal, lassen wir mal solche Spitzfindigkeiten beiseite und gehen zum Kern von Glauben im religiösen Sinne.

Christlich gesehen ist der Kern der, dass wir Menschen irgendwoher gekommen sind und irgendwohin gehen werden. Nihilisten würden sagen, wir waren eben Milliarden von Jahren in der Nichtexistenz, um dann mal so um die 50-100 Jahre auf der Erde zu leben, danach aber für Unendlichkeiten wieder in der Nichtexistenz zu verschwinden.

Nihilisten haben aber auch nicht viel vom Leben, weil ihnen nichts Sinn gibt. Religiöser Glaube jedoch ist sinnstiftend. Wer glauben kann, dass alles nicht einfach so entstanden ist, sondern auf den Willen Gottes zurückgeht, der nimmt auch an, dass es nicht egal ist, wie man lebt und mit den Mitmenschen umgeht. Der nimmt auch an, dass es nach dem Tode noch weitergehen könnte, eine Hoffnung, die mit Jesus im Christentum einen expliziten Ausdruck findet und Milliarden von Menschen zu Gläubigen gemacht und ihnen Sinn und ein sinnerfülltes Leben gegeben hat und dies immer noch tut. Wer glaubt, wer an etwas glaubt, was real ist, und davon gehen Christen aus, der hat einen Kompass im Leben. Der hat Hoffnung, dass nach dem Tod etwas kommt, dass Leiden ein Ende hat, dass die Welt hin zu einer guten Welt verbessert werden kann und dass alles letztlich einen tieferen Sinn hat. Wozu braucht man also religiösen Glauben ? Höchstens zu den vorher erwähnten Dingen. Ansonsten braucht man ihn nicht.

Wozu braucht man überhaupt etwas ? Zum Beispiel die Welt, die Natur, die Mitmenschen ? Höchstens, um zu leben, zu essen, zu existieren und ein ansprechbares Gegenüber zu haben. Ansonsten braucht man alles nicht.

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