Gedanken zum Abriss des Immerather Doms

Heute ab 14 Uhr war es soweit. In der Gemeinde Immerath, südlich von Mönchengladbach, wurde die katholische Pfarrkirche St. Lambertus aus dem 19. Jahrhundert abgerissen. Bereits 2013 war sie entwidmet worden. Neben der Kirche muss der ganze Ort Immerath dem Braunkohleabbaugebiet Garzweiler weichen, welches der Energieversorger RWE unterhält.

Aktivisten von Greenpeace hatten sich vor dem Gebäude positioniert, teils angekettet und mit Plakaten gegen den Abriss protestiert. In Immerath-Neu, dem umgesiedelten Ort, steht der katholischen Gemeinde zwar keine Kirche, doch aber eine ganz schicke, wenn auch im modernen Stil gebaute Kapelle als Ersatz für den Dom zur Verfügung.

Was soll man von der ganzen Sache halten?

Ich hatte mir eben in der ARD-Mediathek ein Interview mit einem Pfarrer der Kirche angesehen, der doch mittlerweile einigermaßen gefasst über die ganze Sache berichten konnte. Die neue Kapelle sei ganz schön, wenngleich er beim Abriss als Seelsorger und Ansprechpartner vor Ort war und einige Bewohner des Ortes, der ja eben auch komplett umgesiedelt wurde, durchaus starke und traurige Gefühle hatten. Der Pfarrer erzählt, dass die Abrissaktion für einige Bewohner dieses Ortes und Mitglieder der Pfarrgemeinde zwar bedrückend war, andererseits aber auch eine Art von Erlösung, dass endlich das lange befürchtete Ereignis nun zu einem Abschluss kommen konnte.

Einerseits ist es natürlich gerade aus christlicher Sicht bedauerlich, wenn Kirchengebäude abgerissen werden, vermutet man doch darin auch gleich einen Niedergang des Glaubens und des Christentums. Ich erinnere mich in dieser Hinsicht an eine Kirche in New York, die als Diskothek, das limelight, umgewandelt worden war, also ihre eigene Funktion auch nicht mehr innehatte. Ich denke auch an manche Kirche, die in Bezug auf Besucherzahlen schon bessere Zeiten gesehen hat. Die Sache bei St. Lambertus war allerdings ja nicht die Besucherzahl, sondern das Bedürfnis von RWE, das Revier für den Braunkohletagebau zu erweitern, was auch mit finanziellen Interessen zu tun hat.

Andererseits ist es so, wie in dem Interview berichtet wurde, dass mit der Braunkohle 12 % des in Deutschland benötigten Stroms des letzten Jahres bereitgestellt wurde. Zwar ist Braunkohle sicherlich auf dem absteigenden Ast und keine Technologie, die man auf Dauer hin weiterverfolgen kann, sofern man die Klimaerwärmung und die Feinstaubbelastung nicht vorantreiben möchte. Dennoch hat es die Politik bislang nicht geschafft, derart aus der Braunkohle auszusteigen, dass man ganz darauf verzichten könnte. Insofern ist der Abriss von St Lambertus auch eine gesamtgesellschaftliche Angelegenheit, weil man derzeit eben noch diese Art der Stromerzeugung benötigt.

Als Gedanke kam mir, ob man den Dom nicht hätte stehen lassen können, wenngleich er dann inmitten der Wüste des Abbaugebietes stünde und somit auch nicht mehr benutzbar wäre. Man hätte dann zwar den Bau erhalten, eine Kirche im Sinne des Zusammentreffens von Menschen zu einem Gottesdienst wäre es aber auch nicht mehr gewesen.

Vielleicht muss man bei allem Unbehagen, das man als Christ beim Abriss eines Gotteshauses hat, sich vergegenwärtigen, dass es nicht die Gebäude sind, die Kirche ausmachen, sondern die Menschen, die sich versammeln, um zu Gott beten zu können, der sich ihnen in Jesus gezeigt hat. Kirche ist also zunächst einmal eine Versammlung von gläubigen Menschen, die im Sinne Jesu leben und eine Gottesbeziehung haben wollen. Wenn man sich dies etwas mehr bewusst macht, ist der Abriss nur noch der Abriss eines Hauses, kann aber zugleich der Beginn von etwas Neuem sein. Der Beginn von einer Gemeinde, die sich in neuen Räumen trifft, welche neue Möglichkeiten bieten und vielleicht auch ein neues Publikum anspricht, das auf der Suche nach Sinn und nach Gott im Leben ist. Nach der Kirche ist vor der Kirche. Ein Gebetshaus ging verloren, ein neues ist daraus hervorgegangen.

Dass mit dem Abriss natürlich auch ein Kulturgut zerstört wurde, steht auf einem anderen Blatt. Allerdings kommt das Wort Kultur vom lateinischen „colere“, was soviel bedeutet wie „etwas verehren“. Im 19. Jahrhundert, als St. Lambertus erbaut worden war, stand sicherlich die Gottesverehrung im Mittelpunkt als Grund für den Bau der Kirche, daneben vielleicht zudem auch noch die Absicht, einen repräsentativen Bau zu besitzen. Beim Abriss nun steht der Wunsch nach günstiger Energie im Mittelpunkt, insofern ist dies gewissermaßen die derzeitige Kultur geworden, also das, was die Gesellschaft verehrt, preiswerte Energie. Denn würde sie dies nicht verehren, hätten die meisten Wähler sicherlich schon so gewählt, dass der Braunkohletagebau nicht weiter vorangetrieben werden müsste.

Die eine Art der Kultur ist somit abgerissen worden, um einer anderen Art von Kultur zu weichen, welche einem natürlich nicht unbedingt gefallen muss. Die eine Frage ist, wie man selber seinen Strom kaufen möchte, billig oder teuerer? Die andere Frage lautet, welche kulturelle Entwicklung die Zukunft bringen soll. Und es ist nicht einfach die Zukunft, die ohne unser Zutun etwas bringt, sondern es sind wir, die Bürger in Deutschland, die diese Zukunft und die daraus resultierende Kultur mitgestalten können und werden und sollten. Drum sollte man den Abriss dieser Kirche auch dazu nutzen, um sich zu überlegen, welche Art von Kultur denn die Zukunft prägen soll.

https://mobil.n-tv.de/panorama/Immerather-Dom-wird-abgerissen-article20221858.html

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