Wenn Freundschaften einschlafen

Irgendwann im Kindergarten lernten wir uns kennen.

Dieser Freund, sozusagen mein bester, ist auch gleichzeitig mein längster Freund. Wir verbrachten die Grundschulzeit zusammen, spielten Schlumpf, Playmobil, bauten Baumhäuser, ein Rikscha und eine Art Tandem. Wir suchten den Krämerladen um die Ecke auf, nur, um für zwei Pfenning jeweils ein Stück Brause zu kaufen, was der Krämer nur bedingt lustig fand, weil es doch jedes Mal einen gewissen Aufwand für ihn bedeutete.

Gemeinsam erlebten wir in unseren Familien, aber auch miteinander, eine glückliche Kindheit. In der sechsten Klasse des Gymnasiums zog seine Familie um, der Kontakt blieb aber weiterhin bestehen. Wenn Ferien waren, war klar, was zu tun war. Nämlich etwas zusammen. Er und sein Bruder kamen zu uns oder ich zu ihnen. In der einen oder anderen Familie verbrachten wir die Sommerferien.

Auch die Pubertät erlebten wir zusammen, wir programmierten unter anderem an einem der ersten Computer, dem Commodore 64, das, was man als Computerspiel bezeichnen konnte damals, tauschen uns über Mädchen aus und berieten uns, so, wie man sich in diesem Alter über etwas eben berät, von dem man noch nicht allzu viel Ahnung hat.

Im Studium dann waren wir zwei in unterschiedlichen Städten, aber gemeinsam mit einem anderen Freund von mir unternahmen wir Reisen, Italien, Spanien, Griechenland, Türkei, Tschechien, Frankreich, Portugal und einige Orte in Deutschland. Keine teuren Reisen, in der Regel mit Rucksack und Zelt, aber es waren prägende Erlebnisse. Die Studienzeit verband uns weiterhin, auch, wenn jeder natürlich sein eigenes Leben führte.

Dann auch im Beruf ließ sich diese Freundschaft fortführen. Er wurde unser Trauzeuge, wir waren bei der Taufe der Tochter seines Bruders und bei runden Geburtstagen seines Vaters. Bis vor kurzem etwas anders wurde.

Mein alter Freund nahm ein Jahr lang eine Auszeit und reiste durch die Welt, Indien, Vietnam. Dort lernte er eine Frau kennen, mit der er dann auch zusammen kam, nachdem er wieder in Deutschland war. Sie hielten Kontakt und nun pendeln sie immer zwischen zwei Städten hin und her. Beruflich ist es so, dass das Zusammenziehen wohl nicht so einfach wäre, vielleicht ist es aber auch ihre Lebenseinstellung, die dies nicht unbedingt erforderlich macht. Es ist klar, dass eine solche Beziehung dann noch mal in anderer Weise Zeit beansprucht, als eine, bei der man in derselben Wohnung oder im selben Haus wohnt. Dennoch wäre es schön, wenn die Freundschaft, die nun schon fast unser ganzes Leben lang andauert, auch weiterhin bestehen könnte. Sie ist zwar nicht gestorben, aber irgendwie in einen tiefen Schlummer gefallen.

Wenn sich wer meldet, bin seit längerer Zeit ich es. Wenn wer eine WhatsApp schreibt, bin ich es, aber nicht auf jede wird reagiert. Letzten Sommer sahen wir uns einen halben Tag lang, einen Nachmittag, und ich lernte seine Freundin kennen, eine nette, intelligente, emotionale und verständige Frau. Ich freue mich für die beiden, denn in Sachen Beziehung hatte er schon einiges erlebt und nach einiger Zeit waren diese Beziehungen dann auch wieder Geschichte.

Deswegen freut es mich für die beiden, dass diesmal wohl die Sache unter einem ganz guten Stern steht, und so, wie ich es aus der Ferne beurteilen kann, passen wohl viele Faktoren bei den beiden ganz gut.

Im August 2016 besuchte ich diesen alten Freund für ein paar Tage, das ist nun schon über 1,5 Jahre her. Seitdem geht aber bis auf den einen Nachmittag im letzten Jahr irgendwie nichts mehr zusammen.

Planen kann man mit ihm nicht, denn er weiß dann immer irgendwie nicht, wann er was macht, so sagt er. Langfristige Termine ausmachen geht bei ihm ebenfalls nicht, was ein Treffen jedoch erheblich verkompliziert, weil ja auch ich in Familie eingebunden bin.

Also versuchte ich es jetzt die Weihnachtstage, ob ich kommen sollte. Oh, nein, Stress in der Arbeit. Ich bat das folgende Wochenende an, also das jetzige. Oh, auch da gehe es nicht, am Freitag eine Kollegenfeier, am Samstag eine Einladung. Naja, nachvollziehbar, finde ich, so eine Kollegenfeier, denn die Kollegen sieht man ja normalerweise nicht so oft, gerade mal 5 Tage die Woche, da sollte man die seltene Gelegenheit schon beim Schopf packen. Das tue ihm leid, denn er hätte mich ja schon gern gesehen, so whatsappt er ein oder zwei Tage später zurück. Einen Alternativtermin oder einen Ausblick, wann es denn mal besser passen könnte für ein Treffen, nennt er nicht.

Es tut mir auch leid. Einerseits freut mich sein Glück und seine neuen Lebensumstände, in denen er sich sicherlich gut zu Hause fühlt. Andererseits macht es mir Sorge, ob eine Freundschaft, die so lange besteht, denn ein Selbstläufer ist. Ich vermute nicht.

So wie ein Garten, den man schön hergerichtet hat, nach einiger Zeit nicht mehr schön aussieht, ist das auch mit Freundschaften. Man muss sie pflegen. Sonst verwildern sie, wie ein Garten. Und dann steht man etwas ratlos dabei, vor dem Garten, von dem man sieht, dass er verwildert, und kann aber eigentlich nichts machen. Man hat zwar die Rückmeldung, dass der gute, alte Freund einen durchaus schätzt und auch gerne sehen wolle, nur die Zeit sei nicht da.

Was natürlich nicht ganz der Realität entspricht, denn jeder Mensch auf der Welt hat an jedem Tag eigentlich gleich viel Zeit. Es ist nicht die Zeit, die nicht da wäre, sondern es ist die Zeit, die man sich für etwas anderes nimmt, indem man andere Prioritäten setzt. Auch dies sei ihm natürlich zugestanden. Aber förderlich ist es für eine alte Freundschaft nicht gerade.

Wenn man sich mal wieder trifft, wird es vermutlich einigermaßen so sein, wie früher, weil man doch aus einem großen, gemeinsamen Fundus schöpfen kann. Dennoch bekommt man viele Dinge voneinander gar nicht mehr mit, und zwar deswegen nicht, weil man andere Prioritäten setzt. Das ist schon schade. Ein anderer Freund in meinem Wohnort, der diesen alten Freund auch gut kennt und ebenfalls beklagt, dass er sich so zurückgezogen habe, telefonierte vor einiger Zeit mit ihm und dieser alte Freund wunderte sich, warum er denn gar nicht wisse, dass wir nun ein anderes Auto hätten. Ja, warum wohl nicht. Man müsste halt ab und zu zumindest mal telefonieren. Heutzutage kann man ja eigentlich relativ leicht in Kontakt bleiben, wenn man das will. Die Betonung liegt auf will.

Von daher denke ich, wenn wir uns mal wiedersehen, wird einerseits alles wie früher sein, weil wir ja eine lange Basis miteinander haben. Andererseits werden wir uns aber auch ziemlich entfremdet haben, denn die aktuellen Geschehnisse bekommen wir voneinander gar nicht mehr mit.

Ich hatte derartiges von meinen Eltern mal gehört und mir immer gedacht, dies solle und werde mir ganz bestimmt nicht passieren, dass man sich einfach so auseinander lebt, ich konnte es mir auch gar nicht vorstellen. Und plötzlich merkt man, man ist einfach mittendrin und das, was man tun kann, ist nichts. Eigentlich kann man gar nichts machen. Außer selber ein wenig den Kontakt zu halten. Oder es zumindest zu versuchen.

Ein Film, an den ich mich in dieser Hinsicht erinnere, ist der aus den 80er Jahren stammende Film „Stand by me – Das Geheimnis eines Sommers“. Auch dort sind es vier Jungs, die miteinander ein Erlebnis teilen an der Schwelle von der Kindheit zur Jugend. Zwei von diesen Jungs bleiben befreundet bis ins Erwachsenenalter, bis der eine, der sich immer für Gerechtigkeit einsetzt, beim Schlichten eines Streits in einer Bar erstochen wird. Zurück bleibt der andere Junge und langjährige Freund, der rückblickend von der Kindheit, der Entwicklung zur Jugend hin und der Freundschaft, die bis ins Erwachsenenalter bestand, schreibt.

Es ist ein trauriger Film, aber auch einer, der nach vorne weist. Denn nachdem der übrig gebliebene Freund am Computer seine Geschichte über die Erlebnisse seiner und ihrer gemeinsamen Kindheit und Jugend zu Papier gebracht hat, geht er hinaus, weil seine Kinder auf ihn warten und mit ihm spielen wollen. Das Leben geht weiter.

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Hinweis für jüngere Leute, das Bild zeigt ein Telefon. Damit hat man früher telefoniert.

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