Ist die Weihnachtsgeschichte eigentlich wirklich passiert?

Am Sonntag ist es wieder soweit, die Mehrheit der Deutschen wird einen Weihnachtsgottesdienst aufsuchen, auch wenn viele der Besucher das ganze Jahr über einer Kirche ferngeblieben sind. Manche Pfarrer sehen das vielleicht etwas skeptisch, insgesamt kann man sich aber durchaus darüber freuen. Es werden wieder Krippenspiele aufgeführt werden und eine heimelige und weihnachtliche Vertrautheit wird über die Menschen kommen. Das ist auch gut so. Trotzdem kann man einmal fragen, ob die Weihnachtsgeschichte, die in Lukas 2 und Matthäus 2 berichtet wird, so eigentlich passiert ist.

In Matthäus 2 treten die Weisen aus dem Morgenland auf. Nicht Könige sind es, sondern weise Menschen, vielleicht Magier. Sie folgen einem Stern und kommen schließlich nach Bethlehem, wo sie Jesus in der Krippe vorfinden. Sie treten auf, um die Bedeutung Jesu zu illustrieren.

Zuvor machen sie einen Abstecher bei König Herodes, der vorgibt, er wolle dem neugeborenen König ebenfalls huldigen, aber in Wirklichkeit Böses im Schilde führt. Die drei Weisen sind nicht dumm und kehren, nachdem sie Jesus gefunden haben, nicht zu Herodes zurück, sodass Jesus unbehelligt und unversehrt bleibt. Von Herodes hingegen wird Ungeheuerliches erzählt, er habe einen Kindermord in großem Umfang begangen, alle männlichen Babys unter 2 Jahren habe er in Bethlehem umbringen lassen. Maria und Josef konnten jedoch mit dem noch nicht geborenen Jesuskind nach Ägypten fliegen und so dieser Gefahr entkommen. Die Zahl der vermeintlich ermordeten Kinder variiert, von 14000 in der griechischen Liturgie bis zu Schätzungen im Mittelalter, die von 144.000 ausgehen. Andererseits wird argumentiert, dass die Bevölkerung in Bethlehem etwa nur 1000 Menschen betragen haben dürfte, es also, wenn es hoch kommt, dort vielleicht nur 20 Kinder gegeben haben dürfte. Einige moderne Historiker zweifeln die Historizität des biblischen Berichts in Bezug auf den Kindermord komplett an, wobei jedoch Herodes nicht unbedingt einer war, dem man gerne ausgeliefert gewesen wäre. Es wird nämlich berichtet, dass er 15 eigene Kinder aus zehn verschiedenen Ehen im Erwachsenenalter hinrichten ließ, weil sie ihm politisch inopportun waren. So berichtet die letzte Printausgabe der ZEIT unter der Rubrik „Stimmts?“.

Insofern mag der Kindermord womöglich nicht historisch sein, ausgeschlossen ist er jedoch genauso wenig. Im Kern wird man auf jeden Fall sagen können, dass man sich vor Herodes durchaus in Acht nehmen musste.

In Lukas 2 wird von der Geburt Jesu berichtet, die zu der Zeit stattgefunden habe, als Augustus eine Volkszählung anberaumte. Quirinius war Statthalter in Syrien und jeder musste in seine eigene Stadt gehen, um sich dort in Steuerlisten eintragen zu lassen. Maria, die nach katholischer Lesart eine Jungfrau war, nach modernerer, protestantischer Lesart eine junge Frau, hatte ein Problem, ein gesellschaftliches, weil sie nämlich schwanger war, jedoch mit Josef nicht verheiratet war. Dieser erwog kurzzeitig, sie heimlich zu verlassen, wurde aber vermutlich durch seine Liebe zu ihr daran gehindert, vielleicht auch durch sein Verantwortungsbewusstsein, wie vielleicht auch durch seine religiöse Überzeugung und seinen Verantwortungsgefühl Gott gegenüber, weil eine Frau ohne Mann, die ein Kind bekam, gesellschaftlich ein großes Problem gehabt hätte.

Als Jesus geboren wird, erzählt Lukas von Hirten auf dem Feld, denen ein Engel von der Geburt des Messias, von Jesus Christus, berichtet. Hier sind wir im Bereich literarischer Glaubenswahrheiten angekommen. Es geht in biblischen Berichten einerseits um historische Geschehnisse, andererseits wird literarisch verdeutlicht, was ein gewisses Geschehen bedeutet. Möglicherweise waren dort wirklich Hirten, möglicherweise kam ein Engel zu ihnen.

Eine modernere Lesart der ganzen Geschichte ist jedoch die, dass Lukas die Geschehnisse um Jesu Geburt in der Art berichtet, wie sie tatsächlich hätte geschehen können. Dieser Lesart nach muss man nicht jedes Detail wörtlich nehmen, sondern es geht um die zentrale Kernaussage. Und diese lautet, Gott ist in einem Menschen geboren worden und zeigte sich der gesamten Menschheit. Das ist das Besondere.

Lukas malt dieses Geschehen aus, indem er einen Engel auftreten lässt, der von diesem Geschehen kündet, und zwar gerade den ärmsten Menschen, den Hirten. Dies geschieht in derselben Traditionslinie, in der Jesus sich an die Menschen wendet. Einerseits richtet er sich auch an das Establishment, die jüdischen Priester in Jerusalem. Bereits als 12-jähriger, so berichtet eine Perikope, habe er äußerst schlau und belesen mit den Priestern und Schriftgelehrten im Tempel diskutiert und seinen Eltern, die in lange gesucht haben, erläutert, dass er ja hier zu Hause sei, im Hause des Herrn.

Andererseits wird Jesus im Folgenden, als er etwa 30 oder 33 Jahre ist, also im Zeitraum von 1 bis 3 Jahren, über den in den Evangelien berichtet wird, die Konfrontation mit den religiösen Autoritäten seiner Zeit suchen, also mit den jüdischen Priestern. Bei seinem Tod wird davon berichtet werden, wie der Vorhang im Tempel zerriss. Dies hat symbolische Bedeutung. Denn ins Allerheiligste im Tempel hinein durfte nur einmal im Jahr der Hohepriester, und zwar hinter den Vorhang, wo man Gottes Allgegenwärtigkeit vermutete. Gottesnähe war also ein extrem exklusives Vorrecht. Wenn demnach der Vorhang im Tempel zerreißt, bedeutet das, dass nun jeder Mensch direkten Zugang zu Gott hat.

Diese Vorstellung zieht sich durch Jesu Auftreten hindurch. Er, der später als wahrer Mensch und wahrer Gott definiert wird, wendet sich besonders an diejenigen, die eben gerade keinen Zugang zum jerusalemer Tempel haben. An die Kranken und Armen und zudem auch noch an die Nichtjuden. Er erweckt die tote Tochter eines römischen Hauptmanns wieder zum Leben, er vergibt Kranken ihre Sünden. Dies war etwas, was die damalige Ordnung komplett auf dem Kopf stellte. Denn Sünden vergeben konnte nur Gott. Als ein Gelähmter zu Jesus gebracht wird und durch einen Loch im Dach zu ihm herunter gelassen wird, um überhaupt Zugang zu dem von Menschenmassen umgebenen Jesus zu erlangen, spricht Jesus zu ihm: deine Sünden sind dir vergeben. Als Beweis dafür, dass er die Autorität und die Macht der Sündenvergebung hat, heilt er ihn im zweiten Akt und sagt ihm, nimm deine Bahre und geh, was der vormals Kranke auch tut. Somit macht er klar, dass er tatsächlich göttliche Vollmacht hat.

Er hebt damit den sogenannten Tun-Ergehen-Zusammenhang auf, den man damals als gängige Sicht hatte. Dieser besagt, dass jemand, der krank war, ja irgendetwas Schlimmes getan haben müsse, so dass Gott ihn dann mit Krankheit gestraft habe. Jesus dreht dieses System um. Er sagt, deine Sünden sind dir vergeben und ich heile dich jetzt. Du hast nichts Schlimmes gemacht, es gibt keine Sünde, die irgendwie bewirkt hätte, dass du krank bist.

Zurück zur Geburt Jesu. Ein Engel tritt also auf und es ist durchaus nicht unwahrscheinlich, dass Lukas ihn als literarische Figur das verkünden lässt, was die Aussage der Weihnachtsbotschaft ist:

Gott zeigt sich auf der Welt in einem Menschen, der die gängigen sozialen Normen völlig auf den Kopf stellt. In Jerusalem wurde nämlich eigentlich eher ein Messias erwartet, der mit Macht und Gewalt die römischen Besatzungstruppen aus dem Land vertreiben sollte. Stattdessen kommt der Herr der Welt, der das Universum mit einem einzigen Gedanken hat in Existenz kommen lassen und zeigt sich nicht etwa als gewaltig und stark, wie er ist, sondern als ganz klein und schwach und zerbrechlich. Er macht von seiner unendlichen Macht keinen Gebrauch, denn dann wären die Menschen ja automatisch Marionetten und müssten ihm huldigen, sie hätten überhaupt keine Freiheit mehr, sich entscheiden zu können. Nein, ganz dezent kommt Gott in diese Welt hinein, zeigt sich und setzt der Stimme der Macht die Kraft des Pazifismus und der Liebe entgegen. Liebe und Gewaltlosigkeit ist seine Waffe, nicht Gewalt.

Und darum geht es auch bei der Geburt Jesu. Einige historische Eckpunkte mögen tatsächlich so passiert sein, Regierungszeit des Kaisers Augustus, vielleicht auch die Statthalterschaft des Quirinius in Syrien. Die Geburt in dem kleinen Ort Bethlehem, in dem schon David geboren war, auf dessen genealogische Linie Jesus zurückgeführt wird. Dann der Engel, vermutlich eine literarische Erklärung und Illustration für das, was hier passiert, damit der Leser die Aussage versteht. Oder vielleicht ein Mensch, der von Gott zu den Hirten gesandt wurde, der aber nicht mit Flügeln ausgestattet sein müsste, heißt doch das griechische angelos einfach nur Gesandter. Jemand kann ein Gesandter Gottes sein, selbst ohne dass er davon weiß. Es kann ein Mensch sein, der zur rechten Zeit am rechten Ort ist, nicht, weil er dort sein wollte, sondern weil er den Gedanken bekam, dort zu sein.

Der Engel, vielleicht der literarische, fährt fort: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird, denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“ Das ist die zentrale Aussage. Darum geht es den Evangelisten. Gott zeigt sich den Menschen. Die Details drumherum sind möglicherweise historisch, manche vielleicht auch nicht, wie der Engel, aber die zentrale Aussage ist und bleibt auch bis heute bestehen.

Dass es sich dabei um eine Glaubenswahrheit handelt, ist klar. War Jesus ein Mensch oder hat sich Gott in ihm gezeigt? Historisch gesehen wird heute von keinem ernstzunehmenden Historiker mehr angezweifelt, dass Jesus tatsächlich gelebt hat. Aber ob er der Sohn Gottes war, also jemand, der Gott so nah war, dass man sagen kann, in ihm hat sich Gott tatsächlich gezeigt, das ist eine Glaubenswahrheit, die auch heute noch immer wieder neu beantwortet werden muss. Von jeder Generation neu.

Ausgangspunkt für die Beantwortung dieser Frage ist eigentlich, dass man sich selber einmal beantwortet, gibt es Gott oder gibt es ihn nicht?

Wenn man sagt, ja, es gibt ihn, es muss doch einen Grund dafür geben, dass es überhaupt etwas gibt, dass es das Universum gibt, das Bewusstsein, die Liebe, dass es alles gibt, es kann doch nicht sein, dass alles einfach so aus Nichts heraus entstanden ist, wenn man aufgrund dieser Fragen und Antworten zu dem Schluss kommt, ja, Gott gibt es, dann ist man mitten in der Weihnachtsgeschichte angelangt. Denn dann ist es keineswegs unmöglich, dass Gott sich den Menschen zeigt. Wenn es dieser Gott ist, der alles erschaffen hat, den Urknall, der davor schon existierte, vor allen Ewigkeiten und bis in alle Ewigkeiten, dann ist es ihm ein Leichtes, sich auch in einem Menschen zu zeigen. Und das ist die Kernaussage von Weihnachten. Der Gott, den wir Menschen uns so unglaublich schwer vorstellen können und von dem jeder ein anderes Bild hat, den die Griechen und die Römer beispielsweise polytheistisch sahen, vielleicht aber meinten, dieser Gott teilt etwas von sich mit, um zu verhindern, dass die Menschen ein Trugbild aus ihm machen, einen Götzen. Er teilt mit, dass er gnädig ist, gütig, liebevoll und dass er keiner ist, der seine Macht in der Art gebrauchen würde, dass die Menschen sich fürchten müssten. Und er teilt mit, dass es eine Hoffnung über den Tod hinaus gibt. Eine Hoffnung in einer Existenz bei ihm in einer Realität, die wir Menschen uns mit unserem uns eigenen Denken und unseren Denkmustern hier auf der Erde überhaupt nicht vorstellen können. Gott zeigt sich zu Weihnachten den Menschen. Welch ein Segen.

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